Nationale Heilung

16. Juli 2010: Südafrikanische Intellektuelle über die WM

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) berichtet über fünf südafrikanische Intellektuelle, die „über die Weltmeisterschaft und das sprechen, was sie bedeutet. Und darüber, was bleiben wird, wenn alle Mannschaften und Fans abgereist und alle Kameras abgebaut sind.“ Unter den fünf Gesprächsteilnehmern befinden sich unter anderem der weiße Schriftsteller Mark Gevisser und die farbige Chefredakteurin der südafrikanischen City Press, Ferial Haffajee. Der Schriftsteller zeigt sich von den Geschehnissen in den Stadien positiv überrascht: „Als sogar Buren bei der mehrsprachigen Nationalhymne des Vielsprachenstaats auch die Teile in Xhosa oder Zulu mitsangen, stimmte Gevisser erstmals seit Kindertagen auch beim Teil auf Afrikaans ein. ‚Es fühlte sich für mich nicht nur wie eine persönliche Heilung an, sondern wie eine nationale.‘“

Im Laufe des Gesprächs schildern so alle ihre Erfahrungen rund um die WM. Illusionen geben sie sich dabei jedoch nicht hin, trotzdem behalten sie die Weltmeisterschaft in guter Erinnerung: „Fast fünf Milliarden Euro hat Südafrika in und um eine Weltmeisterschaft investiert, deren Ziel natürlich eine Verbesserung der internationalen Wahrnehmung war, die Wachstumsanreize, Effekte für Tourismus und Investitionen produzieren sollte und was Regierungen ihren Wählern auch immer sonst an realen und symbolischen Folgen solcher Großereignisse versprechen. Südafrikanische Selbsterkenntnisse standen nicht unbedingt im Mittelpunkt, und das macht die Antwort noch verblüffender, die Ferial Haffajee auf die Frage gibt, ob die Weltmeisterschaft diese ungeheure Anstrengung wert war. ‚Rationell und fiskalisch betrachtet absolut nicht und trotzdem möchte ich sie für kein Geld der Welt missen‘, sagt sie, ‚denn nachdem ich schon geglaubt hatte, dass nationale Einheit und Nicht-Rassismus verwelkende Träume wären, kann ich jetzt sehen, dass sie ganz handfest und real gemacht werden können.“