„Nach dem Abpfiff wird hier alles sein wie immer“

30. Juni 2010: Sepp Blatter ist kein Entwicklungshelfer

Wer hinter die Kulissen der ersten Fußball-WM in Südafrika blickt, stellt fest: Die Fifa hat ihre Macht, in Afrika etwas verändern zu können, überschätzt.

Im Hinterland von Pretoria hat  Thomas Scheen (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Afrikaans sprechende Buren getroffen. Die Nachfahren hugenottischer französischer Siedler hatten Südafrika zusammen mit den Auswanderern aus den Niederlanden einst urbar gemacht, sich blutige Kriege mit den britischen Kolonialherren geliefert und die Apartheid eingeführt. Bis heute pflegen sie ein gespanntes Verhältnis zur schwarzen Regierung des Landes.

Am Rande der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika stellt Scheen fest, dass das Großereignis die Rassenkonflikte nur für kurze Zeit überdecken kann: „Dieses Wir-Gefühl, das mit der Weltmeisterschaft einhergeht, wird verblassen, sobald das Turnier zu Ende ist“, zitiert Scheen Alana Bailey, die stellvertretende Leiterin von „AfriForum“, einer Nichtregierungsorganisation, die sich dem Schutz der afrikaanssprachigen Gemeinschaft verschrieben hat. Nach dem Ende der Apartheid habe sich bei vielen das Gefühl verfestigt, es gehe nur um Rache. „Seit 1997 sind ausweislich der Polizeistatistiken 2100 weiße Farmer beziehungsweise Angehörige ihrer Familien ermordet worden. Die Aufklärungsquote liegt beizehn Prozent.“ Die Buren leben in Angst und an Demagogen auf beiden Seiten fehle es nicht. Dass der große Versöhner Fußball indes das Land zusammenbringen könne, glauben viele Buren trotz ihrer Freude an der Weltmeisterschaft keine Sekunde: „Nach dem Abpfiff wird hier alles sein wie immer.“

Auch  David Signer (Neue Zürcher Zeitung) ist sich sicher, dass die Fußball-WM das Bild Afrikas nicht grundlegend verändern wird: „Die Fifa hält Fußball für ein Allerweltsheilmittel. Die WM in Südafrika würde den Schwarzen Kontinent endlich aus den Negativschlagzeilen katapultieren, lautete das Credo. Sie würde, wie ein magischer Magnet, nicht nur Millionen von Fans und Heerscharen von Investitionen anziehen, sondern auch die Sympathien des ganzen Universums.“

Die Wahrheit sehe prosaischer aus: „In ein paar Jahren, wenn die überdimensionierten Stadien ungenutzt vor sich hin motten, werden einem beim Stichwort ‚WM in Südafrika’ wahrscheinlich vor allem noch die Vuvuzelas durch den Kopf gehen.“ Die Fußballbegeisterung der Jungen von Dakar bis Dar es Salaam werde derweil ungebrochen bleiben. „Ist das wirklich so positiv?“ fragt Signer. „Millionen von barfüssigen Kindern in den Armenvierteln träumen davon, ein zweiter Eto‘o oder Drogba zu werden. Wozu noch in die Schule? Besser auf einen weißen Scout warten, der einen ins Paradies nach Europa holt. In diesem Sinne ist Sepp Blatter kein Entwicklungshelfer, eher eine Art Rattenfänger von Hameln.“