Massives Problem mit rechtsradikalen Fans

15. Dezember 2010: Pogromstimmung in Moskau

Seit dem Tod eines Fans von Spartak Moskau Anfang Dezember gehen Fußball-Anhänger in Russland auf die Barrikaden. Immer mehr rechtsgerichtete Gruppierungen gesellen sich dazu und stoßen dabei auf erhebliche Resonanz innerhalb der Bevölkerung.

Klaus-Helge Donath ( die tageszeitung) sorgt sich um die Lage in Russland: „Die Lage in Moskau sei unter Kontrolle, beruhigte Präsident Dmitri Medwedjew die Hauptstädter am Montag. Krawalle hatten am Wochenende Moskaus Zentrum in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Die öffentliche Kontrollbekundung des Kreml ist gewöhnlich ein Zeichen dafür, dass die Staatsmacht überfordert ist. Die Demonstration auf dem Platz der Manege war eine spontane Aktion der gut organisierten Fanklubszene, die enge Kontakte zum breit gefächerten Spektrum nationalistischer und rassistischer Gruppierungen unterhält. Genehmigt war sie nicht. Als Hunderte von Demonstranten auf dem Platz eintrafen, standen nur drei Polizeibusse in Bereitschaft – nicht mehr als an einem gewöhnlichen Tag. Moskaus Ordnungshüter hätten jedoch gewarnt sein müssen. Nach der Beerdigung Jegor Swiridows am Dienstag blockierten mehrere hundert Fans eine Moskauer Hauptverkehrsstraße. Die Polizei war machtlos und schaute nur zu. Die Atmosphäre in der Emigrantenszene ist angespannt. Der Hass auf die russischen Bürger aus dem Kaukasus und Zentralasien ist in Russland weit verbreitet. Die nationalistische Politik in der Putin-Ära hat die Ablehnung alles Fremden jedoch erst hoffähig gemacht. Pogrome gegen Georgier 2006 wurden vom Kreml gesteuert. Die vom Kreml großzügig finanzierten Gruppen scheuten den Schulterschluss mit Skinheads und Fußball-Hooligans nicht. Des Öfteren mischten rechtsradikale Schläger auch Demonstrationen der Opposition auf oder bedrohten bekannte Menschenrechtler. Vor Gericht konnte dies jedoch nie bewiesen werden.“

Für Benjamin Bidder ( Spiegel Online) stellen die rechten Schläger der Fußballanhänger nur die Spitze des Eisbergs dar: „ Keine zwei Wochen nach der überraschenden Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2018 an Russland wird erneut deutlich, dass das Land ein massives Problem mit rechtsradikalen Fans hat. Russische Medien beklagen seit Jahren, dass gewaltbereite rechtsgerichtete Gruppen Stadien und Fanszene dominieren und friedlichen Anhängern die Freude am Spiel verleiden. Auch deshalb kommen heute zu Spielen der russischen Premier-Liga im Schnitt nur noch 5000 bis 6000 Zuschauer. Dabei stellen die Schlägertrupps der Fußballfans nur einen Teil des Problems dar. Rechte Parolen treffen in Russland auf erhebliche Resonanz. Als der Regisseur Pawel Bardin für sein Skinhead-Doku-Drama `Russland 88` Passanten befragte, stimmten viele Parolen wie `Russland den Russen` zu. Rechtsradikale ermordeten im vergangenen Jahr 71 Menschen, meist Gastarbeiter aus Zentralasien oder Kaukasier, die für Hungerlöhne Müll in russischen Städten aufsammeln oder Schnee schippen. 2009 verurteilten russische Gerichte 135 meist jugendliche Skinheads, 43 davon zu Haftstrafen von fünf oder mehr Jahren.“