Kunstrasen-Debatte

Die Klage der Fußballspielerinnen gegen die Ausrichtung der WM 2015 auf Kunstrasen entwickelte sich zu einem Kampf mit harten Bandagen – der jedoch im Sinne des Sports beigelegt wurde.

Ein großer Aufschrei ging durch die Reihen der Fußballspielerinnen, als Mitte letzten Jahres bekannt wurde, dass bei der Fußball-WM der Frauen in Kanada auf Kunstrasen gespielt werden soll. Viele waren entsetzt über das Vorhaben der FIFA.
Wir haben die Kunstrasen-Debatte verfolgt und zeichnen die Stationen der Auseinandersetzung nach.

17.06.2015 bei SPIEGEL-Online
Die Debatte um das Geläuf der Frauenfußball-WM reißt auch in der zweiten Turnierwoche nicht ab. US-Nationalspielerin Abby Wambach neigt mehr und mehr dazu, den künstlichen Untergrund für allerlei Unzulänglichkeiten des US-Teams verantwortlich zu machen. Frank Dittrich hingegen – Geschäftsführer eines führenden Kunstrasenproduzenten – findet die Entscheidung für den Kunstrasen hinsichtlich des für Naturrasen ungeeigneten Klimas noch immer vertretbar. Dennoch zeigt er auch Verständnis für die Kritik am sich sehr stark erhitzenden Plastikgranulat. Ein Problem sieht Dietrich darin, dass nicht alle Spielstätten mit Kunstrasen der besten Qualität ausgestattet seien.

16.06.2015 im Tagesspiegel
Eine Regel der Frauenfußball-WM besagt, dass Mannschaften welche in der Vorrunde zum zweiten Mal im selben Stadion spielen, dort kein zweites Abschlusstraining absolvieren dürfen. Damit wird einem Vorteil des künstlichen Grüns – der sehr hohen Belastbarkeit – unverständlicherweise keine Rechnung getragen. Die Entscheidung für den umstrittenen Belag fiel hauptsächlich aufgrund der klimatischen Bedingungen in Kanada. Die sind jetzt allerdings so gut, dass aus dem Vorteil ein Nachteil wird. Der Kunstrasen heizt sich auf bis zu 50 Grad auf und lässt sich auch von Abkühlungsversuchen in der Halbzeitpause nicht beeindrucken. Mittlerweile gibt es auch Befürworterinnen des Spielbelags. Dzsenifer Marozsan findet beispielsweise, dass er der Spielgeschwindigkeit zugutekomme.

09.06.2015 in der WELT
Die ersten Spiele der WM zeigen, dass der bespielte Kunstrasen wesentlich härter als Naturrasen ist. Außerdem wird deutlich, dass sich das künstliche Grün sehr stark aufheizt. Bei einer Lufttemperatur von 23 Grad wurde vor dem Eröffnungsspiel eine Rasentemperatur von satten 49 Grad gemessen. Die neuartige Spielfläche sorgt für schmerzhafte Hautverbrennungen sowie Abschürfungen - im Englischen als „Turfburn“ bezeichnet. Nicht wenige Spielerinnen sehen in der gesamten Debatte ein „Geschlechterthema“ (Abby Wambach). Carli Lloyd hat nur einen Wunsch: „Hoffentlich wird nie wieder eine WM auf Kunstrasen gespielt.“

08.06.2015 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Die zurückgezogene Klage sowie die damit verbundene Kunstrasen-Debatte hat die Wissenschaft auf den Plan gerufen. Die bisher größte Untersuchung in Bezug auf ein erhöhtes Verletzungsrisiko führte der schwedische Sportmediziner Jan Ekstrand durch. Die Untersuchung von mehr 2000 Spielen sowie Trainingseinheiten ergab keine signifikante Veränderung der Verletzungsgefahr – Auftraggeber der Studie war allerdings die UEFA. Trotz dieser Erkenntnisse wird vermutet, dass negative Einflüsse auf den natürlichen Bewegungsablauf durch den Untergrund entstehen. Anklang bei den betroffenen Akteuren findet das künstliche Geläuf noch immer nicht. Anders lässt sich der Vergleich des Geläufs mit Beton, wie die deutsche Torhüterin Nadine Angerer ihn anstellte, nicht deuten.

21.01.2015 im Spiegel-Magazin
Die Fußballerinnen zogen Mitte Januar 2015 ihre Klage gegen den Weltverband zurück. Diese Entscheidung wurde „im Sinne des Sports“ getroffen. Damit wird mit der Frauenfußball-WM erstmals ein großes Turnier auf Kunstrasen ausgetragen. Abby Wambach forderte erneut einen verstärkten Kampf für Gleichberechtigung im Sport: "Ich hoffe, dass die Bereitschaft der Spielerinnen, gegen unterschiedliche Beläge vorzugehen, der Beginn eines noch größeren Engagements ist".

25.12.14 im Spiegel-Magazin
Der Unmut der Spielerinnen über die Situation war mittlerweile so groß, dass er das Sportliche des fußballerischen Großereignisses komplett überlagerte.
Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke sicherte zu, bei der WM 2019 werde in jedem Fall wieder auf echtem Grün gespielt – was die Argumentation der Fifa, Kunstrasen sei die Zukunft, ins Absurde führte.

08.11.2014 bei ZDF-Sport
Das Gericht für Menschenrechte in Ontario hatte den von den Spielerinnen eingereichten Antrag auf ein Eilverfahren der Kunstrasenklage abgelehnt. Wegen der Komplexität würde eine beschleunigte Anhörung nicht mehr zu einem rechtzeitigen Ergebnis führen. Das Gericht bot an, den Konflikt zwischen den klagenden Spielerinnen sowie dem kanadischen Verband CSA und der FIFA per Mediation zu schlichten. Da die CSA das ablehnte, wurden die Spielerinnen aufgerufen, die Notwendigkeit ihrer Klage zu überdenken.
Die Spielbeläge in den Stadien sollten nur noch einmal von einer unabhängigen Kommission überprüft werden. Dieser Test dauerte bis Januar 2015.

29.10.1014 in der Süddeutschen Zeitung
Die FIFA soll seit der Einreichung der Klage über einige ihrer Mitgliedsverbände Druck auf am Protest beteiligte Spielerinnen ausgeübt haben. Bis dahin war die Klägergruppe auf über 60 Personen angewachsen. Laut Süddeutscher Zeitung musste die mexikanische Spielerin Teresa Noyola um ihre Teilnahme bei der WM bangen. Den französischen Spielerinnen Camille Abily und Elise Bussaglia wurde mitgeteilt, ihre Beteiligung an der Klage könne der französischen Bewerbung um die Ausrichtung der WM 2019 schaden. Alle drei Spielerinnen zogen sich daraufhin zurück.

02.10.2014 im Stern-Magazin
Tatsächlich reichten zwei Monate später 40  Nationalspielerinnen eine Klage gegen die FIFA ein. Bei einem Inspektionsbesuch der sechs Spielstätten hatte Tatjana Haenni, Verantwortliche für die Austragung der Frauen-Turniere bei der FIFA, deutlich gemacht, dass es keinen Plan B zur Kunstrasenfrage gäbe. Diese Aussage zeugte aus Sicht der Spielerinnen von fehlendem Respekt und bestärkte sie in ihrem Vorhaben.
Die Realität sei, dass "Männer nie eine WM auf Kunstrasen spielen würden", sagte US-Star Abby Wambach. Joseph Blatter bekräftigte jedoch, dass der Kunstrasen die Zukunft des Fußballs sei. Also auch bei den Männern?

07.08.14 in der Süddeutschen Zeitung
Im August 2014 stieß die FIFA mit ihrer Bekanntmachung, dass die Frauenfußball-WM 2015 in Kanada auf Kunstrasen ausgespielt werden soll, eine Protestbewegung an, die ein halbes Jahr währte. Mehr als 40 Nationalspielerinnen – unter ihnen Nadine Angerer – drohten mit einer Klage, sollte die WM 2015 wie geplant auf der künstlichen Unterlage ausgetragen werden. Den Argumenten über „erhöhte Verletzungsgefahr“ entgegnete Fifa-Präsident Sepp Blatter, dass sich die Qualität des Rasens stark verbessert habe. Zudem fand zu dieser Zeit in Kanada die Weltmeisterschaft der U20-Juniorinnen statt. Als „Versuchskaninchen“ testeten diese den künstlichen Untergrund schon einmal aus.