Klinsmanns Probleme und Hopps Millionen

Eine erste Zwischenbilanz der Bundesligasaison 2008/2009 von Harald Kaiser (September 2008)

Was dürfen wir nach den ersten Spieltagen von der neuen Saison erwarten? Welche Probleme müssen in München noch gelöst werden und was soll man eigentlich vom "Modell Hoffenheim" halten? Der kicker-Redakteur versucht, diese und andere Fragen zu beantworten, die im Mittelpunkt der Spielzeit stehen werden.

 

Zu früh für eine Zwischenbilanz?

Still ruht der See. Wenn sich die deutsche Nationalmannschaft in diesen Tagen anschickt, gegen Liechtenstein und Finnland die ersten Punkte auf ihrem Weg zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika einzusammeln, legt die Bundesliga eine Pause ein, ihre erste in der Saison 2008/09. Drei Spieltage sind absolviert, Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Zu früh, meinen Sie? Sportlich noch ohne jede Aussagekraft? Dann schauen Sie doch einfach mal zwölf Monate zurück. Vor genau einem Jahr, nach dem dritten Spieltag der Saison 2007/08, hieß der Tabellenführer Bayern München, der am Ende prompt auch seinen 21. Deutschen Meistertitel einfuhr. Der spätere Absteiger Hansa Rostock zierte schon damals ohne jeden Punktgewinn das Tabellenende, und auch die zwei weiteren Absteiger MSV Duisburg und 1. FC Nürnberg krebsten mit nur drei Punkten bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Keller herum.

 

Neue Besen

Also, ziehen wir, ganz vorsichtig noch, eine erste Bilanz dieser 46. Bundesliga-Saison. Fünf der 18 Klubs gingen mit einem neuen Mann auf der Trainerbank in die Saison, und sie haben offensichtlich eine gute Wahl getroffen: Vier dieser fünf Vereine stehen auf den ersten vier Plätzen der Tabelle. Schalke 04 mit dem Holländer Fred Rutten, der Hamburger SV mit dessen Landsmann Martin Jol, Borussia Dortmund mit Jürgen Klopp und Bayer Leverkusen mit Bruno Labbadia haben einen Start nach Maß hingelegt, einen Start, der Hoffnungen auf ein erfolgreicheres Abschneiden als im Vorjahr weckt. Gerade die Gelsenkirchener träumen 50 Jahre nach dem Gewinn ihres siebten und bislang letzten Deutschen Meistertitels vom ganz großen Wurf. „Zuletzt waren wir Zweiter und Dritter“, sagt Nationalspieler Jermaine Jones. „Also wollen wir diesmal Platz 1. Alles andere würde langsam langweilig.“

 

Buddhas und andere Probleme

Nur der letzte aus dem Quintett der neuen Trainer kam zunächst nicht richtig in Fahrt – ausgerechnet der, auf dessen Arbeit sich die Augen ganz Fußball-Deutschlands richten. Die Premiere des früheren Bundestrainers Jürgen Klinsmann als Vereinscoach beim FC Bayern muss nach Münchner Verständnis mit – mindestens – dem Titelgewinn enden, doch der Titelverteidiger begann mit einem mühevollen Pokalsieg beim Drittligisten Rot-Weiß Erfurt und zwei mageren Unentschieden gegen den HSV und in Dortmund in der Bundesliga überraschend schwach; erst der 4:1-Heimsieg über Hertha BSC sorgte dafür, dass aus dem Stotterstart kein Fehlstart und die aufkeimende Unruhe gedämpft wurde. Alle Probleme freilich sind durch diesen Erfolg nicht gelöst: Der neue Spielführer Mark van Bommel, dies haben die ersten 270 Saisonminuten gezeigt, taugt nicht zum Kapitän des Rekordmeisters. In Dortmund sah der Mittelfeldspieler zum dritten Mal in seinen jüngsten zehn Ligaeinsätzen Gelb-Rot und war damit noch gut bedient; mit seiner von jeglicher Selbstkritik unbefleckten Schiedsrichterschelte nach dem Schlusspfiff offenbarte der Niederländer einmal mehr fehlendes menschliches Format. Lukas Podolskis Unzufriedenheit ob seiner Situation als Reservespieler im Verein steigt mit jedem Tag, und ob sich Miroslav Klose mit seinem Elfmetertor gegen Berlin wirklich aus seiner seit Monaten währenden tiefen Formkrise befreit hat, müssen die nächsten Wochen zeigen. Immerhin, eine Konsequenz hat Klinsmann aus seinen Erfahrungen der ersten Saisonwochen gezogen: Die berühmten vier Buddha-Figuren auf dem Dach des neuen Leistungszentrums an der Säbener Straße in München sind schon wieder verschwunden...

 

Hoffenheim: Feindbild oder Modell?

Nicht erst seit dem Amtsantritt Klinsmanns spaltet der FC Bayern die Massen. Doch gibt es seit dieser Saison einen Verein in der Bundesliga, der noch mehr polarisiert als die Münchner – 1899 Hoffenheim. Nach seinem Durchmarsch aus der Regionalliga in die Erstklassigkeit erwischte der Neuling einen perfekten Start mit Siegen in Cottbus und gegen Mönchengladbach, führte die Tabelle nach zwei Spieltagen sogar an, ehe es mit einem 2:5 in Leverkusen die erste Niederlage setzte. Unabhängig von seinem sportlichen Abschneiden aber wird der Aufsteiger vielerorts mit Argwohn beäugt, wird er doch von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp in einer in Deutschland bisher ungekannten Weise und Höhe finanziell unterstützt, so dass die zum „normalen“ Wirtschaften gezwungene Konkurrenz eine klare Wettbewerbsverzerrung beklagt.

Nun sind Vergleiche zwischen Hopp und Chelsea-Eigner Roman Abramovich hanebüchen. Abramovich hat sein Geld mit dubiosen Geschäften nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gemacht, Hopp mit seinem Fleiß, seinen Ideen eine Weltfirma aus dem Boden gestampft. Abramovich hatte mit Chelsea bis zu seiner Übernahme des Vereins nichts am Hut, Hopp stürmte einst selbst für die TSG und hat seinem Heimatklub stets die Treue gehalten. Und es ist klar, dass bei allen Anfeindungen der Neid mitspielt – welcher Verein würde schon „Nein“ sagen, wenn ein Mäzen mit Millionen wedelt? Doch sie machen sich in Hoffenheim auch selbst angreifbar. Wegen der mangelnden Souveränität etwa, mit der sie im Kraichgau ihre Kritiker behandeln, die dank Hopps Nähe zu den DFB-Oberen geradezu stigmatisiert werden. Wenn sie vom „Modell Hoffenheim“ sprechen – wo soll der Modellcharakter stecken, wenn Hopp in den letzten Jahren allein in die Infrastruktur rund um den Verein 100 Millionen Euro investiert hat? Oder wenn sie ihren Vereins(vor)namen von TSG in 1899 ändern, weil diese Jahreszahl eine Tradition vorgaukeln soll, die es nun mal nicht gibt.

Wenigstens Dietmar Hopp selbst redet nicht um den heißen Brei herum, wenn er sagt: „Unsere Tradition ist die Zukunft.“ Und diese Zukunft hat spätestens in dieser Saison begonnen.

Harald Kaiser, Redakteur beim Akademie-Partner kicker-sportmagazin, geb. 1957 in Nürnberg, studierte Anglistik, Latein und Geschichte in Erlangen. Anschließend widmete er sich beruflich ganz dem Fußball und ist seit 1982 Redakteur des kicker-sportmagazin. Zusammen mit Christoph Bausenwein und Bernd Siegler zeichnet er für mehrere Standardwerke rund um den Nürnberger „Club“ verantwortlich. Harald Kaiser ist ständiger Kontaktmann der Akademie beim kicker. Seit 2006 gehört er der Jury an, die das Fußballbuch des Jahres auszeichnet.