Kellergeister - Die BL-Rückrunde 2009 von unten betrachtet

Endlich, es geht wieder los! Die Winterpause ist vorbei und Fans aller Vereine freuen sich auf eine spannende Rückrunde. Alle? Wohl eher die, die mit den unteren Regionen der Tabelle nichts zu tun haben. Den anderen ist es schlicht egal, ob Hoffenheim, Bayern oder der HSV Meister wird und ihre Stimmung ist erstmal dort, wo ihr Verein die Winterpause verbracht hat: im Keller. Im Tabellenkeller. Frank Goosen weiß wovon er spricht. Er ist Fan des VfL Bochum.

von Frank Goosen

Wie sag ich's meinem Kinde?

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Jedes Jahr. Das Abstiegsgespenst. Wer auf einem Abstiegsplatz überwintert, wird wochenlang, jede Nacht und auch am Tage von diesem Gespenst heimgesucht, ohne irgend etwas dagegen tun zu können, denn Testspiele und Hallenturniere bringen keine Punkte. Wie geht man damit um? Wie lebt man mit diesem Gespenst? Bei der Arbeit, in der Familie? Wie sag ich’s meinem Kinde?

Nun, du weißt, dass du in der Erziehung etwas richtig gemacht hast, wenn deine Mannschaft mit dem Rücken zur Wand steht, deine Kinder aber trotzdem sich täglich zu einer Uhrzeit, die das Gründungsdatum des Vereins spiegelt (in Bochum: 18:48 Uhr) in Richtung Stadion verbeugen und die Clubhymne absingen. Menschen, deren Vereine weiter vorne in der Tabelle stehen, bringen dafür kaum Verständnis auf, sprechen gar davon, dass man die Kinder traumatisiere, sie nicht vor den schmerzhaften Enttäuschungen, die ein Stadionbesuch in diesen Zeiten bereithalte, bewahre, und als mein Verein weiter vorne in er Tabelle stand, habe ich auch so über die Kellerkinder hinter uns geredet. Heute hoffe ich, dass meine Kinder an den Krisen, die wir durchleben, wachsen, und dass sie sich später, auf dem Arbeitsmarkt, als teamfähiger und psychisch belastbarer erweisen als etwa Anhänger des FC Bayern, die anfangen ihre Frauen zu verprügeln, wenn sie auf Platz drei abrutschen.

 

Gelassenheit

Wobei ich sagen muss, dass es bei mir nicht so richtig geklappt hat. Ich fühle mich Krisen immer noch hilflos ausgeliefert und betäube mich mit amerikanischen Fernsehserien, in denen garantiert kein Fußball vorkommt. Außerdem kommt man plötzlich auf so merkwürdige Ideen, wie etwa, dass es eine gute Idee sein könnte, mal wieder einen richtig ernsten Roman zu schreiben, in dem der Held am Ende von einer durchdrehenden Ehefrau mit den Worten „Ich kann dieses ewige Geheule über deinen Verein nicht mehr ertragen!“ die Kellertreppe hinuntergestoßen wird.

Mir fehlt einfach jede Gelassenheit. Wörter etwa, die ansonsten wirkungslos an mir vorbeiziehen, stürzen mich nun in tiefe Depressionen. Keller zum Beispiel. Ist ja auch in diesem Text schon zweimal vorgekommen. Jedes Mal musste ich eine Pause machen und einen Schluck aus der Büroflasche nehmen, von der ich immer behaupte, es gebe sie gar nicht.

 

Die Eiger-Nordwand

Man kann sich bemühen, solche neuralgischen Wörter zu vermeiden, aber das nützt nichts, wenn das Umfeld nicht mitdenkt. Erst neulich sagte meine Frau zu mir: „Heute Abend haben wir Gäste, hol doch mal die beiden zusätzlichen Stühle aus dem Keller!“ Ich zögerte. Sie wollte wissen, was los sei. Ich: „Ich kann nicht da runter!“ – „Wieso?“ – „Ich habe Angst, wenn ich einmal da unten bin, komme ich nie wieder hoch!“ Ich bin dann doch gegangen, habe mich dann aber in der Kiste vergriffen und ein Buch über Werbung in den Siebziger Jahren herausgezogen und das ausgerechnet an der Stelle aufgeschlagen, wo es um diesen ohnehin ekligen Perlwein namens „Kellergeister“ ging.

Für komplett bescheuert hält mich meine Frau, seit ich fluchend aus dem Raum lief, als es in einer Fernseh-Reportage über die Bezwingung der Eiger-Nordwand hieß: „...und dann machten sie sich an den Abstieg.“ Eine Einladung zum Essen bei Freunden am letzten Wochenende habe ich ebenfalls abgelehnt: „Tut mir leid, aber ihr wohnt in einer Sackgasse. Da traue ich mich eventuell im Juni wieder hinein.“

 

Geht doch schon mal gut los ...

Und dann, endlich, beginnt die Rückrunde! Aber wir sind erst am Sonntag dran! Am Freitag verlieren die Bayern. Die Kinder werten das als gutes Omen. Sogar meine Frau meint: „Das geht doch schon mal gut los!“ Am Samstag spielen die Rivalen aus der Nachbarstadt nur unentschieden. Es bleibt also an uns hängen, die Ehre der Region zu verteidigen. Noch mehr Druck für die Jungs. Noch mehr Druck für uns selbst.

Sonntagmorgen schon streifen wir uns unsere Vereinstrikots über. Darunter pocht ein nervöses Herz. Die Wahrnehmung verschwimmt. Das Müsli wirkt pampig, der Kaffee schmeckt bitter. Aber um halb zehn schon mit Bier anfangen? Warum eigentlich nicht! Hilft aber auch nicht.

Im Stadion ist es winterlich kalt, die Füße frieren einem ab, der Glühwein ist nur lauwarm, das Spiel eigentlich ziemlich schlecht, aber endlich dürfen wir wieder hier sein! Endlich rennen, kämpfen, Gras fressen! Und am Ende haben wir zum ersten Mal seit Monaten wieder gewonnen. „Jetzt werden wir Rückrundenmeister!“, meint mein Sitznachbar.

Das ist schön, aber das Grauen lauert ja immer schon an der nächsten Ecke. Am nächsten Tag finde ich nur ein Kind im Wohnzimmer. Hatten wir nicht zwei? „Wo ist eigentlich dein Bruder?“ – „Der ist im Keller und sucht seinen Fahrradhelm!“

So schnell wird man sie nicht los, die Kellergeister. 

Der Bochumer Kabarettist und Autor Frank Goosen tritt seit 1992 regelmäßig auf deutschen Bühnen auf. Zu seinem Repertoire gehören aktuell u.a. die Soloprogramme „A 40 - Geschichten von hier" und „Echtes Leder - Geschichten aus der Tiefe des Raumes". Er schrieb mehrere Romane, sein Bestseller „Liegen lernen" wurde 2003 verfilmt. Daneben schreibt er Kurzgeschichten und Kolumnen, u.a. „Goosens Spielzeit" für die Bochumer Stadionzeitung „Mein VfL" und für den „kicker". Derzeit ist Frank Goosen unterwegs mit seinem Buch „Weil Samstag ist - Fußballgeschichten". Frank Goosen ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.

Mehr von und über Frank Goosen: www.frankgoosen.de