Integration und Leitkultur

7. Oktober 2010: Siegen für die Seelenlage der Nation

Integration, muslimische Kultur in Deutschland, Vaterlandsverrat: Selten war ein Länderspiel so überladen wie die Partie Deutschland gegen die Türkei.

 Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) sieht im Bundespräsidenten einen Motivator für die DFB-Elf : „Der Empfang und die Ehrung beim Bundespräsidenten war eine willkommene und ganz besondere Gelegenheit, sich noch einmal der eigenen Stärken zu vergewissern. Wulff ließ allerdings auch keinen Zweifel, welche Erwartungen auch mit frischem, silbernem Lorbeer in den kommenden Tagen zu erfüllen sein sollen. ‚Es gibt weniges, was die Seelenlage der Nation mehr beeinflusst als die Spielweise, die Aufstellung und die Ergebnisse der Nationalmannschaft‘, sagte der Bundespräsident, der die Ehrung unbedingt auch als Ansporn mit Blick auf die EM 2012, aber vor allem auf die WM 2014 verstanden wissen wollte. Er träume davon, dem Bundestrainer in Rio de Janeiro in vier Jahren den Pokal übergeben zu können. Aber auch das Naheliegende sollte nicht zu kurz kommen, und so gab Wulff dem Trainer und seinem Team mit auf den Weg, dass Siege am Freitag gegen die Türkei und am Dienstag in Astana gegen Kasachstan ‚die diplomatischen Beziehungen nicht belasten werden.‘“

 Matti Lieske (Berliner Zeitung) drängelt sich mit der Bundeskanzlerin auf ein Foto mit Mesut Özil: „Angela Merkel war nicht anwesend bei der gestrigen Pressekonferenz mit Mesut Özil. Das verwunderte ein wenig, schließlich hatte man nach ihrem Cameo-Auftritt bei der Lorbeerblattverleihung durch den Bundespräsidenten angenommen, dass die Bundeskanzlerin nun bei allen Terminen der Fußball-Nationalmannschaft vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei am Freitag auftauchen würde, um ein bisschen von der Popularität der WM-Helden zu zehren und sich auf ein paar Fotos zu drängeln. Bei der Gelegenheit hätte sie Özil dann gleich ihre Theorie darlegen können, dass er als Moslem leider nicht zum „Fundament des kulturellen Selbstverständnisses“ in Deutschland gehöre. Als Fußballer hingegen wohl schon. Schließlich gilt einer Umfrage zufolge das DFB-Team für 87 Prozent der Befragten als Symbol von Integration. Und Mesut Özil, der sich anders als viele türkischstämmige Vorläufer für eine Karriere im deutschen Nationaltrikot entschied, als herausragendes Beispiel dieser Entwicklung.“

 Thomas Hummel (Süddeutsche Zeitung) rückt das Länderspiel am Freitag in die Integrations-Diskussion: „Mesut Özil ist die Symbolfigur dieser Partie. Die Familie des 21-Jährigen stammt aus der Türkei, seine Eltern heißen Mustafa und Gülizar, doch aufgewachsen ist Mesut in Gelsenkirchen. Und dort hat er in einem inzwischen landesweit bekannten Affenkäfig, einem eingezäunten Bolzplatz, das Fußballspielen so gut gelernt, dass er zum Nationalspieler wurde. Zu einem deutschen Nationalspieler. Für einen Deutsch-Türken ist das keine Selbstverständlichkeit. Bei der Türkei stehen am Freitagabend im Berliner Olympiastadion Nuri Sahin aus Lüdenscheid, Hakan Balta aus Berlin und die Zwillinge Hamit und Halil Altintop aus Gelsenkirchen im Kader. Sie alle entschieden sich für das Land ihrer Eltern.“