Hörspiel Fußball Blindenreportage im Stadion

Die Saison beginnt, alle Augen richten sich wieder auf den Ball. Aber was ist mit den Fans, die sehbehindert oder blind sind? Ganz einfach: sie hören ihre Mannschaft spielen - auch im Stadion. Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur sprach mit der Blindenreporterin der SpVgg Greuther Fürth, Stefanie Dietsch, die das Geschehen auf dem Rasen live für die sehbehinderten Stadionbesucher kommentiert und mit Thomas Schneider, der sich bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt für Fans mit Behinderungen einsetzt.

 

Die Saison beginnt, alle Augen richten sich wieder auf den Ball. Aber was ist mit den Fans, die sehbehindert oder blind sind? Ganz einfach: sie hören ihre Mannschaft spielen - auch im Stadion. Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur sprach mit der Blindenreporterin der SpVgg Greuther Fürth, Stefanie Dietsch, die das Geschehen auf dem Rasen live für die sehbehinderten Stadionbesucher kommentiert und mit Thomas Schneider, der sich bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt für Fans mit Behinderungen einsetzt.

 

Interview

Frau Dietsch, Sie arbeiten als Blindenreporterin für sehbehinderte und blinde Fans bei der Spielvereinigung Greuther Fürth. Was kann man sich darunter vorstellen?

Stefanie Dietsch: Gemeinsam mit meinem Kollegen Christian Rupp sitze ich bei jedem Heimspiel der SpVgg Greuther Fürth im Stadion und beschreibe für die sehbehinderten und blinden Fußballfans das Spielgeschehen. Neunzig Minuten lang werden alle Ballkontakte und Spielzüge sowie Aktivitäten auf den Rängen oder den Trainerbänken von uns in ein Mikrofon gesprochen. Die Fans können unsere Schilderungen dann über Kopfhörer empfangen. Wir kommentieren die Spiele übrigens nicht nur für die Fans der Heimmannschaft, sondern auch für die Gäste. In unserer Reportage sind wir dann natürlich, wenn Fans der gegnerischen Mannschaft da sind, um Neutralität bemüht.

Das heißt, Sie sind nicht nur Reporterin, sondern auch Fan?

Stefanie Dietsch: Ja, klar. Ich bin schon als Kind mit meinem Opa und meinem Vater ins Stadion zu den Spielen der SpVgg Greuther Fürth gegangen. Man könnte fast sagen, dass mir das Fan-Sein in die Wiege gelegt worden ist. Denn obwohl ich Nürnbergerin bin, schlägt mein Herz fürs Kleeblatt.

Was ist denn der Unterschied zwischen einer Radioreportage und einer Reportage, wie ihr sie macht?

Stefanie Dietsch: Bei einer Radioreportage wird zwar auch über das Spielgeschehen berichtet, aber nicht in so einer ausführlichen Weise. Wir beschreiben wirklich jeden Spielzug – zumindest versuchen wir es. Zudem ist es wichtig, immer wieder Meterangaben zu machen und zu erklären, wo sich der ballführende Spieler gerade befindet. Also zum Beispiel: „Stephan Schröck kommt über den rechten Flügel, noch dreißig Meter Torentfernung.“ So in etwa.

Hörbeispiel Blindenreporterin kommentiert Spielausschnitt (mp3, 1MB )

Hörbeispiel Reportage über Blindenreporter gesendet auf egoFM (mp3, 1MB)

Wie genau läuft so eine Reportage ab?

Stefanie Dietsch: Also eigentlich sind es mehr als neunzig Minuten, die wir „on Air“ sind. Christian und ich machen immer einen kleinen Vorbericht mit Informationen über die beiden Vereine, über verletzte Spieler und über die Aufstellungen der beiden Mannschaften. Während der Spielbeschreibung lösen wir uns dann alle sieben Minuten am Mikrofon ab. Im Anschluss an das Spiel gibt es dann noch einen Ausblick auf die nächsten Partien. Wenn wir das Mikrofon abschalten, dann ist es mit unserer Arbeit noch nicht aus. Wir holen uns dann immer noch ein Feedback von unseren Zuhörern. Insgesamt haben wir im Schnitt drei bis vier Zuhörer pro Spiel.

Seit wann gibt es das Projekt, und wo überall?

Stefanie Dietsch: Das Ganze wurde 1999 von dem Fanclub „Sehhunde“ ins Leben gerufen. Die erste Reportage in dieser Form fand am 15. Oktober bei Bayer Leverkusen statt. Und seitdem gibt es den Service fast in allen Stadien der ersten und zweiten Fußballbundesliga. 2005 wurde das Blindenradio auch bei der SpVgg Greuther Fürth eingeführt. Die DFL unterstützt das Projekt seit einigen Jahren, indem sie immer wieder Workshops und Seminare anbietet. In diesem Jahr haben wir uns zum Beispiel in der Sportschule Kaiserau für ein Wochenende getroffen. Dort waren rund 40 Blindenreporter aus ganz Deutschland. Unter anderem gab es einen Vortrag des ehemaligen FIFA-Schiedsrichters Hellmut Krug. Er erklärte uns, wie schwierig es für einen Schiedsrichter manchmal sein kann, die richtige Entscheidung zu treffen. Dann gab es für uns noch mal eine kleine Regelkunde.

Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, für Sehbehinderte zu kommentieren?

Stefanie Dietsch: 2005 hab ich noch bei einem lokalen Rundfunksender gearbeitet und dort hat der damalige Pressesprecher der SpVgg Greuther Fürth angerufen. Er hat uns von dem Projekt erzählt und wir waren davon sofort begeistert. Während in anderen Stadien wirklich ein Pool von drei bis fünf Reportern vorhanden ist, sind wir nur zu zweit und bei jedem Heimspiel dabei.

Was sind das für Leute, die das machen?

Stefanie Dietsch: Ganz unterschiedliche: Ärzte, Studenten, Dozenten – die Reporter machen meist hauptberuflich etwas ganz anderes. Einige kommen aber auch aus dem Radiobereich, so wie wir. Das ist schon ein Vorteil, denn wir sind es gewohnt, mit unseren Worten eine Art „Kino im Kopf“ zu erzeugen. Und darauf kommt es beim Blindenkommentar auch an. Alle Reporter haben aber eins gemeinsam: Sie sind absolute Fußballfans, meist von dem Verein, für den sie die Spielbeschreibung durchführen. Die meisten Reporter sind übrigens Männer. Insgesamt gibt es, glaube ich, nur drei Frauen, die das machen.

Wenn man mehr über das Blindenradio erfahren will, an wen kann man sich wenden?

Stefanie Dietsch: An mich (lacht). Also ich habe eine Internetseite, www.diemoderatoren.de, auf der man unter Referenzen noch einmal sämtliche Informationen und Presseberichte findet. Zudem kann man sich dann auch noch ein paar Audiobeispiele anhören. Auch besitzt fast jeder Verein sogenannte Behindertenbeauftragte, die sich unter anderem um die sehbehinderten Fußballfans kümmern.

Stefanie Dietsch ist Diplom-Germanistin mit Schwerpunkt Journalistik und seit einigen Jahren als freiberufliche Journalistin und Moderatorin (egoFM, Bayerisches Kinderfilmfestival etc.) unterwegs. Bei der SpVgg Greuther Fürth arbeitet die gebürtige Nürnbergerin als Kommentatorin für sehbehinderte Fußballfans. Um Fußball drehte sich auch ihre Diplomarbeit: „Wörter und Phraseologismen der Fußballreportage im Hörfunk – Ein diachroner Vergleich“. Mehr Informationen über Stefanie Dietsch und ihre Arbeit gibt es unter  www.diemoderatoren.de.

Thomas Schneider über das Engagement der Deutschen Fußball Liga (DFL) für sehbehinderte Menschen

Mit meinem Wechsel von der sozialpädagogischen Fanbetreuung und der Koordinationsstelle Fanprojekte zur DFL im August 2006 versuchte ich zunächst einmal, einen möglichst vollständigen und unvoreingenommenen Eindruck von den Klubs und ihrer Arbeit zu bekommen. Dazu unternahm ich eine Menge Reisen, um einfach vor Ort die handelnden Personen in ihrem Umfeld kennenzulernen.

 

Was mich dabei wirklich erfreut hat, war der Blick für die vielfältigen Interessen unterschiedlicher Stadionbesucher durch die sehr engagierten und kenntnisreichen Menschen bei den Klubs.

Ganz und gar neu war für mich dabei, dass es besondere Anstrengungen zur Integration von Menschen mit Behinderungen im gesamten Profifußball gab. Bei meinen Besuchen stellte ich fest, wie viele Ehrenamtliche sich zum Teil schon seit vielen Jahren mit Feuereifer rund um die Behindertenbetreuung engagieren. Es gab als Auflage des Lizenzierungsverfahrens nicht nur den schon bewährten Fanbeauftragten (seit 1992), sondern inzwischen auch die Nennung eines Behinderten-Fanbeauftragten an die DFL. Auch die Herausgabe eines Reiseführers für Fans mit Behinderungen stand an, so dass ich alle Behindertenfanbeauftragten der 1. und 2. Bundesliga sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Behinderten-Fanklubs (BBAG) und die Sehhunde zum Treffen nach Frankfurt einlud. Dabei entstand ein neues Gefühl, eine besondere Motivation, Teil eines Netzwerks zu sein. Wir verabredeten viele kleine Dinge, die bei entsprechender Vernetzung große Wirkung für die Betroffenen erzielen können. Dabei wurde auch die Kooperation mit den Sehhunden vertieft, die sich um die Qualität des Kommentars für blinde und sehgeschädigte Fans seit einigen Jahren bemühen.

Ein erstes Seminar wurde durch die DFL kofinanziert, dann konnte ich dafür sorgen, dass wir komplett in die Qualifizierung der Reporter einsteigen. Nachdem wir im Januar 2009 in Kamen-Kaiserau noch mal alle Grundlagen wiederholt haben, geht es schon jetzt darum, dass wir sukzessive weiter vorankommen. Einerseits so, dass wir das Angebot an entsprechenden Blindenplätzen im Stadion erhöhen und von einem wirklich flächendeckenden Angebot sprechen können. Da ist es wichtig, dass wir den Klubs eine gute Beratung bieten können, z.B. welche technischen Geräte oder Einrichtungen vorhanden sein sollten. Dann gilt es, die logistischen und fachlichen Voraussetzungen für die Reporter zu schaffen, damit hier auch von einem hohen Qualitätsstandard ausgegangen werden darf. Und dazu gehört eben auch eine Getränkeversorgung der Sprecher, regelmäßige Fortbildungsangebote durch die DFL und vieles mehr. Drittens müssen wir natürlich sicherstellen, dass unser Angebot nicht an der Zielgruppe vorbei reportiert wird, dass also die Nutzerinnen und Nutzer damit zufrieden sein können. Auch wenn der persönliche Geschmack so unterschiedlich ist, wie die Wahl des Lieblingsklubs ...

Mich persönlich haben seit meinem ersten Besuch das enorme Potential und Engagement der ja in aller Regel ehrenamtlichen Reporterinnen und Reporter beeindruckt. Hier wimmelt es nur so von sozialen und von Kommunikations-Talenten! Da wäre die Bundesliga schlecht beraten, wenn sie hier nicht Netzwerker und Unterstützer wäre. Auch deshalb und wegen der sehr engagierten und auf die Bedürfnisse von Fans mit Behinderungen ausgerichteten und sehr qualifizierten Arbeit der BlindenreporterInnen werden wir hier auch für die Zukunft deutliche Akzente setzen. Hier ist noch einiges an bundesweiter Ausdehnung und weiter zu entwickelnder Vernetzung und qualifizierter Reportage-Kunst zu leisten. Das möchten wir tun und dazu sehr eng mit den entsprechenden Fachleuten voranschreiten. Im November diesen Jahres wollen wir daher eine Reporter-Werkstatt durchführen, weil wir inhaltlich und qualitativ den nächsten Schritt gehen möchten.

Thomas Schneider wechselte im August 2006 von der sozialpädagogischen Fanbetreuung (KOS) zur DFL und ist dort als Koordinator der Fanangelegenheiten tätig.
Thomas Schneider ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.