Grassroot Soccer gegen HIV: Südafrikas Fußballhelden sind gefragt

Südafrika hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten. Aufklärung ist dringend nötig, besonders durch positive Vorbilder wie Politiker und Sportler. Ehemalige Fußball-Profis haben nun eine Initiative ins Leben gerufen, um mit dem Tabu "Fußball und HIV" aufzuräumen.

Grassroot Soccer gegen HIV

Südafrikas Fußballhelden sind gefragt

von Ronny Blaschke

27. Juni 2009

Südafrika hat bekanntermaßen eine der weltweit höchsten HIV-Infektionsraten. Aufklärung ist dringend nötig, besonders durch positive Vorbilder wie Politiker und Sportler. Ehemalige Fußball-Profis haben nun eine Initiative ins Leben gerufen, um mit dem Tabu "Fußball und HIV" aufzuräumen. Der Sportjournalist Ronny Blaschke berichtet derzeit vom Confederations Cup aus Südafrika und hat den Aktivisten Chris Barkley getroffen.

JOHANNESBURG. Manchmal kam ein Spieler einfach nicht mehr zum Training. Niemand konnte ihn erreichen, es hieß, er sei erkrankt. Wochen vergingen, Monate. Irgendwann verbreitete sich die Nachricht, er sei gestorben. Woran, konnten sich viele denken, aussprechen wollte es niemand. „Schweigen hat in Afrika Tradition im Umgang mit Aids“, sagt Chris Barkley. Vor vier Jahren ist der Amerikaner ausgewandert, nach Botsuana, mittlerweile lebt er in Kapstadt. Den Fußball hat er nicht aufgegeben, obwohl es ihm manchmal schwer fiel.

Chris Barkley, 28, geboren in Ithaca, Bundesstaat New York, nutzt den Sport als Medium für Aufklärung. Er ist einem Projekt beigetreten, das den Namen
Grassroot Soccer trägt, Graswurzel Fußball. Drei ehemalige Profis aus den USA hatten 2002 in Simbabwe eine Initiative gegen HIV gegründet. Schnell fanden sie Partner auf dem Kontinent, inzwischen sind sie in fünfzehn Staaten etabliert. „Das ist erst der Anfang“, sagt Barkley. „Die WM 2010 schenkt uns weltweite Öffentlichkeit.“ Turniere für Kinder, Ausbildungen für Trainer, Gesundheitsbroschüren und reden, reden, reden, nur so könne eines der großen Tabus aufgeweicht werden.

Kein anderes Land leidet unter HIV wie Südafrika, 5,7 Millionen Menschen sollen infiziert sein, fast zwölf Prozent der Bevölkerung, in Deutschland mit einer nahezu doppelten Einwohnerzahl sind es 56.000. In der Altersgruppe von 15 bis 49 Jahren soll die HIV-Rate in Südafrika bei über 18 Prozent liegen. „Es sind viele Fehler gemacht worden“, sagt Barkley. Forscher aus Harvard glauben, dass mit einer offensiven Bekämpfung über 300.000 Menschen hätten gerettet werden können. Manto Tshabalala-Msimang, die ehemalige Gesundheitsministerin, hatte hingegen Rote Beete, Knoblauch und Olivenöl gegen das Virus empfohlen. Staatspräsident Jacob Zuma sagte einmal, er dusche nach Sex ohne Verhütung, das müsse reichen.

Sätze wie diese machen eine sachliche Debatte unmöglich. Das gilt auch für den Männlichkeitskult Fußball. Einer der wenigen öffentlich Betroffenen ist Irvin Khoza, Besitzer der Orlando Pirates in Soweto, er ist der mächtigste Mann des südafrikanischen Fußballs. Vor drei Jahren starb seine Tochter an Aids, sie hatte sich bei ihrem Ehemann angesteckt, Sizwe Motaung, einem ehemaligen Nationalspieler. Khoza wandte sich an die Presse und erhielt dafür Lob von Nelson Mandela, dem Vater der Republik. „Fußballprofis werden als Helden vergöttert“, berichtet Aktivist Chris Barkley. „Aber man muss differenzieren und ihre Fehler herausstellen.“

In den Medien prahlen Kicker mit ihrer exzessiven Lebensart, dazu gehören Kinder von verschiedenen Frauen. Ephraim Nematswerani, Teamarzt der Moroka Swallows, ging in die Offensive, der Sunday Times sagte er, er habe mehrere infizierte Profis betreut, seinen Schätzungen nach trage jeder sechste Erstligaspieler das Virus in sich. Zugleich warnte er vor den Konsequenzen, Hochleistungssport könne das Immunsystem schneller schwächen. „Fußballer sind Vorbilder“, sagt Chris Barkley. „So sollten sie auch leben.“

Wenn er in den Armenvierteln mit Kindern spricht, erwähnt er gern Magic Johnson. Der Basketballstar der Los Angeles Lakers bekannte sich im November 1991 zu seiner Erkrankung. Trotzdem gewann er mit der amerikanischen Auswahl 1992 Olympia-Gold, noch immer soll er weitgehend ohne Symptome leben. „Für die Prävention wäre es ein Meilenstein, wenn sich ein HIV-positiver Spieler positionieren würde“, sagt Barkley. Diese Vorstellung scheint utopisch zu sein: Offen lebende Infizierte werden in Südafrika oft von Verwandten, Freunden, Kollegen ausgegrenzt, sie leben und sterben allein, gerade in der Leistungsgesellschaft Fußball.

Vielen Südafrikanern ist nicht bekannt, dass HIV nicht einem sofortigen Todesurteil gleichkommt, antiretrovirale Medikamente können die Lebenszeit um zwanzig bis dreißig Jahre verlängern. An diese Botschaft knüpfen vor der WM Initiativen an. Auch in der Liga zeigen sich Signale einer offenen Diskussion, die Spielervereinigung SAFPU um den ehemaligen Profi Ronnie Zondi hat eine Kampagne gestartet. Oft muss Chris Barkley in den Camps bei null anfangen, Kinder wissen nicht, warum ihre Eltern gestorben sind. Er versucht, ihnen klar zu machen, dass Bildung und Vorsorge das Wichtigste sei. Sonst könnte es ihnen ergehen wie ihm selbst: dass Freunde einfach nicht mehr zum Training erscheinen.

Ronny Blaschke

Ronny Blaschke lebt als Freier Sportjournalist in Berlin. Er schreibt u.a. regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Zeitung, die Financial Times Deutschland und Spiegel online. Sein erstes Buch, "Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball", errang den Akademie-Preis Fußballbuch des Jahres 2007. 2008 erschien "Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban". Ronny Blaschke ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Mehr: www.ronnyblaschke.de