Fußball + Internet = Bildung Eine Gleichung für Kinder

Anja Bühling ist Mitarbeiterin des Tessloff Verlags und Chefredakteurin von www.wasistwas.de. Sie weiß aus Erfahrung, wie selbst die lesescheuesten Kinder zu packen sind: Bei ihren Interessen. Während der EURO geht es den Kindern wie den Großen: Fußball ist Thema Nr. 1!

Fußball + Internet  = Bildung

Eine Gleichung für Kinder

 

von Anja Bühling

 

WM-Überraschung 2006

2006 war ein bemerkenswertes Jahr, auch für Verlagsmenschen, die im Kinder- und Jugendsachbuchbereich tätig sind. Zum ersten Mal seit langem wurde von den Kindern ein Sachbuchtitel genannt, als es um ihre Lieblingsbücher ging. Unter „Harry Potter“, „Hanni und Nanni“, den „Wilden Hühnern“ oder den „Wilden Kerlen“ schlichen sich „Bücher zur Fußball-WM“ ein. Es war eben die Zeit der Märchen, die Zeit der Fußball-WM. Damals wurden unglaublich viele Fußball-Titel in Buchläden gestapelt oder dienten als Schaufensterdekoration – ein Phänomen, das sich 2008 zur EM zu wiederholen scheint.

Vielleicht lag der Erfolg der WM-Titel an diesem massiven Werbe- und Medienaufkommen, das die Verlage und Sender starteten, um ihre sündhaft teuren Lizenzgebühren wieder einzuspielen. Vielleicht konnte da einfach keiner mehr am gedruckten Wort vorbei gehen – das ist möglich. Vielleicht, und das wäre für mich die erfreulichste aller Möglichkeiten, wurde aber auch die lesescheueste aller Zielgruppen da gepackt, wo sie zu packen ist: Bei ihren Interessen!

Lesen? Ja, wenn mich etwas wirklich interessiert!

Jungen im Alter von 10 bis 14 gelten als lesescheu. Sie lesen im Durchschnitt wesentlich weniger Bücher als Mädchen. Lehrer attestieren ihnen größere Schwächen im Lesen und Schreiben als Mädchen. Ist diese Leseverweigerung in den Genen veranlagt? Wird sie von den Lehrern verursacht, die männlichen Schülern nicht mit den adäquaten pädagogischen Konzepten kommen? Zeichnen die Eltern für den Leseunwillen verantwortlich, weil sie ihren Kindern kein Vorbild sind? Oder gilt es Gameboy, Handy und Computer sowie deren Nutzung an den Pranger zu stellen?

Es gibt genügend Experten, die sich darüber vielfältige Gedanken machen. Ich bin kein Experte, ich mache mir aber trotzdem Gedanken. Schließlich geht es um unsere Kernzielgruppe. Und ich stelle seit acht Jahren fest, dass sich auf unserer Wissensplattform mehr Jungen als Mädchen tummeln. Und dass diese User lesen. Zumal, wenn sie ein Thema interessiert. Gerade Fußball ist solch ein Thema. Die männlichen WAS IST WAS-Klubmitglieder tauschen sich über ihre Vereine aus, unter den Fußballartikeln stehen zahlreiche Kommentare, Fragen nach Taktik, Spielern und Regeln werden formuliert und Meinungen schriftlich kundgetan.

Das EM-Angebot von seitenstark.de

Kinder und Jugendliche suchen ihre Informationen im Internet. Sie nutzen es, wie die Menschen meiner Generation das Lexikon befragten. Das bedeutet natürlich, dass die User dabei lesen müssen. Sie recherchieren für ihre Hausaufgaben und suchen nach ihren Lieblingsthemen. Gerade was Fußball angeht, sind die Jungen, aber auch immer mehr Mädchen, sehr aktiv im Netz unterwegs. Um ihnen ein qualitativ hochwertiges, kindgerechtes, informatives Angebot zur EM 2008 zu bieten, hat die Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten seitenstark.de das EM-Portal http://em2008.seitenstark.de aufgebaut.
Kinderseiten wie blinde-kuh.de, das Nachrichtenmagazin sowieso.de, baeren-blatt.de (die Kinderzeitung vom Westfalen-Blatt), wasistwas.de, hanisauland.de (die Kinderseiten der Bundeszentrale für politische Bildung) oder radio108komma8.de offerieren gemeinsam Hintergrundinformationen zu den Teilnehmerländern, den Spielern, Mannschaften oder den Gastgebern. Es gibt Fußball-Gebärdenvideos, ein EM-Kochbuch von jolinchen.de oder passende türkische Inhalte sowie Verlinkungen zu entsprechenden Angeboten aus der Schweiz oder Österreich. Diese Vernetzung der Seiten soll der Vernetzung der Kinder dienen. Moderierte Chats mit Fußballexperten, Surftipps zu Partnern wie dem WDR Kinderangebot lilipuz.de oder fd21.de eröffnen den Kindern die positiven Seiten des Internets. Sie finden Tipps für das eigene Fußballspiel oder Ideen, wie sie selbst kreativ werden können. Durch Interviews von Jungreporten zum Beispiel mit Jens Lehmann oder Fußballsongs der Klasse 2a GAS.

Gefördert wird das seitenstark.de-Projekt zur EURO im Rahmen der Initiative „Ein Netz für Kinder“, die vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend getragen wird. Auch hier bietet das Interesse am Fußball die Möglichkeit, viele Kinder zu erreichen und ihnen mit dem Angebot die positiven Seiten des Internets zu zeigen. Wer auf einem kindgerechten Angebot alles Spannende findet, der muss erst gar nicht auf für ihn ungeeigneten Seiten landen.

Einzelfälle?

Natürlich ist Fußball kein Allheilmittel. Aber es gibt viele Beispiele, die beweisen, wie sinnvoll man die nebensächlichste Sache der Welt einsetzen kann, um Kinder ans Lesen, Rechnen oder auch an das Formulieren eigener Gedanken heranzuführen. Aus meinem eigenen Umfeld seien nur zwei genannt: Drittklässler einer Fördereinrichtung in Fürth, die große Mühe mit dem Sprechen, Schreiben und Rechnen haben und die plötzlich anfangen, Zeitungsartikel zu lesen, Tabellenplätze auszurechnen und die Flaggen und Länder der EM wissen wollen, weil ständig davon die Rede ist und sie auch mitreden wollen. Oder ein scheuer ghanaischer Schüler aus einer 8. Hauptschulklasse in Nürnberg, der im schulischen Alltag viele Probleme hat, aber während seines Praktikums in unserer Redaktion durch wundervolle Artikel zur WM viel Selbstvertrauen tankt.

„Lernanstoß“

Diesen Effekt, dass Kinder und Jugendliche über den Spaß am Fußball motiviert werden, auch an anderen Kompetenzen zu arbeiten, machen sich auch Vereine, soziale Einrichtungen oder Schulen zunutze. Um diese Ideen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen und zur Nachahmung anzuregen, haben die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur und der Tessloff Verlag auch 2008 den Fußball-Bildungspreis „Lernanstoß“ ausgelobt. Er richtet sich an Macher von Projekten für Jugendliche bis 18 Jahren, die Fußball als Mittel zur Bildungsarbeit nutzen. Als Jurymitglied konnte ich mich in den vergangenen beiden Jahren von den vielfältigen Möglichkeiten überzeugen, die das weite Feld Fußball offensichtlich bietet: Eingereicht wurden selbstgemachte Filme und Bücher, Projekte zur Lese- und Lernförderung, Integrations-, Sprach- und länderübergreifende Konzepte sowie Projekte, die den Sport nutzen, um das Musik- oder Kunstverständnis zu fördern. Es gibt unglaubliche Möglichkeiten – und falls Sie eine davon kennen, die es wert wäre vorgestellt zu werden:

Anja Bühling, geboren 1965 in Nürnberg, ist Journalistin und Übersetzerin für Spanisch. Studium der Theaterwissenschaften, Hispanik und Neuen Deutschen Literaturwissenschaften an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Danach hat sie zwei Jahre in einer Sprachschule in Nürnberg Deutsch und Spanisch unterrichtet, Bücher übersetzt, an Theaterprojekten mitgearbeitet und angefangen für Radio F in Nürnberg zu arbeiten, wo sie sieben Jahre für die Redaktionen Kultur, Sport und Aktuelles arbeitete. Seit August 2000 ist Anja Bühling Chefredakteurin bei der Wissensplattform für Kinder und Jugendliche www.wasistwas.de des Tessloff Verlags in Nürnberg. Sie ist 2008 zum dritten Mal Mitglied der Jury zum Fußball-Bildungspreis Lernanstoß.