Finanzkrise erreicht Fußball

Wer derzeit die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen liest, wird mit einem ökonomischen Horrorkabinett konfrontiert: Schuldenberge, Insolvenzen, Entlassungen, Kurzarbeit – in fast allen Branchen und weltweit hinterlassen die Schockwellen der auf dem US-Immobilienmarkt explodierten Blase ihre zerstörerischen Spuren. Vergleichsweise glimpflich scheint bislang der internationale Profifußball davonzukommen. Noch hat wegen der Finanzkrise kein Verein Konkurs anmelden müssen. Doch das kann sich schnell ändern.

von Manfred Münchrath

 

Dreierkette sorgt für Stabilität 

Die wirtschaftliche Stabilität des Profifußballs basiert im Wesentlichen auf drei Säulen: Zuschauereinnahmen, Fernsehverträge und Sponsoring/Merchandising. Die Klubs in Deutschland müssen aufgrund eines vergleichsweise strengen Lizenzierungsverfahrens sowie des Verbotes von Mehrheitseigentümern (eine einzelne Person oder ein Unternehmen übernimmt mit mehr als 50 Prozent die Kontrolle) die Ausgaben für Transfers und Spielergehälter aus den Einnahmen dieser drei Geldquellen finanzieren. Die Schulden halten sich in der Bundesliga einigermaßen in Grenzen. Gefahr droht allerdings, wenn die Quellen nicht mehr sprudeln. Wenn zum Beispiel ein Hauptsponsor aufgrund der Krise Pleite ginge. Oder wenn der Fernsehsender Premiere, der schon vor der Rezessionsphase rote Zahlen schrieb, Insolvenz anmelden müsste und damit der millionenschwere TV-Vertrag platzen würde. Es ist mehr als fraglich, ob sich in dem derzeit schlechten Wirtschaftsklima sofort Ersatz finden ließe, der einspringen und die Finanzlücken schließen würde. Dass die Bundesligisten dieses Bedrohungs-Szenario erkannt haben, ließ sich an ihrer Zurückhaltung auf dem Wintertransfermarkt ablesen.

Dank des im internationalen Vergleich noch recht harmlosen Schuldenstandes scheinen die Risiken für die Bundesligaklubs dennoch begrenzt zu sein. Sehr viel gefährdeter sind Vereine, deren Ausgaben für Transfers und Spielergehälter bei weitem die Einnahmen aus dem Drei-Säulen-Modell übersteigen und die deshalb auf eine vierte Säule bauen müssen: einen reichen Eigentümer.

 

Vereinseigentümer als Risikofaktor

Wie groß diese Gefahr ist, wird am Beispiel des spanischen Erstligisten FC Valencia deutlich. Dessen Führung wollte den Klub, den Verbindlichkeiten von mehr als 400 Millionen Euro belasten, mit einem Immobiliendeal entschulden. Doch die Finanzkrise ließ den spanischen Immobilienmarkt komplett zusammenbrechen. Valencia steht das Wasser nun bis zum Hals. Gerade in Spanien, aber auch in Italien sind viele Klubs auf die Liquidität ihrer Eigentümer angewiesen. Ob diese zur Vernunft zurückfanden oder ob sie schlicht weniger Geld zur Verfügung hatten – die im Vergleich zum Vorjahr gesunkenen Investitionen auf dem Winter-Transfermarkt im Januar sind ein deutliches Zeichen.

 

Stärken und Schwächen der Premier League

Die Ausnahme bildet (neben Spaniens Nobelklub Real Madrid) die englische Premier League. Obwohl die Wirtschaftskrise auch hier spürbar ist. So im Fall West Ham United. Dessen Besitzer ist der Isländer Björgolfur Gudmundsson, der als Banker maßgeblich am Staatsbankrott der Nordmeerinsel beteiligt war und dabei selbst erhebliche Vermögensverluste hinnehmen musste. Und dann rutschte auch noch der Trikot-Sponsor in die Pleite. Plötzlich war hier wie andernorts Zurückhaltung angesagt, wo es vorher hieß „Was kostet die Welt?“. Die US-amerikanischen Eigentümer des FC Liverpool mussten die Pläne für ein neues Stadion vorerst auf Eis legen, weil die Finanzierung nicht mehr gesichert ist. Der FC Portsmouth und Newcastle United waren ihren Besitzern offenbar zu teuer geworden und sollten verkauft werden. Doch Abnehmer fanden sich angesichts der angespannten Lage auf dem Weltfinanzmarkt keine. Und ob der russische Oligarch Roman Abramovich, der einen erheblichen Teil seines Vermögens verloren haben soll, noch mal 800 Millionen Euro (seine Investitionen 2003-09) in den FC Chelsea pumpen wird, ist nicht sicher.

Dennoch können die Premier-League-Klubs immer noch investieren. Vor allem dank des exorbitanten Fernsehvertrages, der den 20 Vereinen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro garantiert. Mitten in der Wirtschaftskrise wird derzeit der Anschlussvertrag ausgehandelt. Die Übertragungsrechte im Inland wurden bereits für einen leicht höheren Betrag verkauft, die im Ausland dürften ebenfalls einen höheren Betrag einbringen. Englands Eliteliga lässt sich aufgrund der vielen Topstars glänzend vermarkten. Vor allem die Spitzenklubs sind Weltmarken. So muss sich Manchester United keine Sorgen machen, wenn Trikotsponsor AIG - der größte US-Versicherer, der nur dank Staatshilfen vor dem Zusammenbruch gerettet wurde - seine finanziellen Verpflichtungen nicht einhalten könnte. Neue Sponsoren stehen weltweit bereit, die sogar noch mehr zahlen würden.

 

Höhepunkt der Finanzkrise noch nicht erreicht

Dass die Krise bei den Fans angekommen ist, die sich die sehr teuren Tickets auf Dauer nicht mehr leisten können, haben einige englische Klubs bereits erkannt und ihre Eintrittspreise bereits gesenkt. Eine Maßnahme, die auch in anderen Ländern demnächst vielleicht Nachahmer findet. Glaubt man den Wirtschaftsexperten, ist der Höhepunkt der Finanzkrise noch nicht erreicht. Auch im Fußball könnte es also noch Opfer unter Vereinen geben, die sich jetzt noch sicher fühlen.

Manfred Münchrath, leitender Redakteur "Internationaler Fußball" beim Akademie-Partner kicker-sportmagazin, geb. 1964 in Köln, studierte Geschichte, Nordische Philologie und Politik an der Universität Köln. Bevor er 1994 beim kicker-sportmagazin anfing, arbeitete er in den Sportressorts der Kölnischen Rundschau und bei RTL. Er spricht Englisch, Spanisch, Französisch, Schwedisch, Holländisch. (Hobbys: Fernreisen, Gourmetküche, Filmmusik)