Fußball im Fernsehen - Millionenspiel auf engstem Raum

Fußball ist für das Fernsehen enorm wichtig - und umgekehrt. Was tut sich vor und hinter den Kulissen? Leidet die Qualität der Berichterstattung durch den Show-Charakter? Wohin geht die Entwicklung?

von Günter Joschko 

Nicht nur der Fußball selbst, auch die Art seiner Präsentation im Fernsehen ist immer wieder ein heißes Thema: ein Dauerbrenner sozusagen, im eigenen Wohnzimmer, am Stammtisch wie in der meinungsbildenden Kultur- und Medienkritik. Im Rahmen der Jahrestagung des Verbands Deutscher Sportjournalisten VDS stellt die Akademie deshalb zur Diskussion: »Fußball im Fernsehen: Wer macht hier das Spiel – wie und für wen?«. Auf dem Podium sitzen mit Dieter Gruschwitz (ZDF-Sportchef), Erich Laaser (SAT.1-Fußball), Jörg Jakob (kicker-tv), Jörg Hahn (FAZ-Sportchef), Manfred Müller (Ex-Profi, TV-Produzent) und Moderator Bernd Gäbler (Journalistik-Dozent) wichtige TV-Verantwortliche und Kenner der Materie. Zur Einstimmung im Folgenden einige grundsätzliche Betrachtungen.

 

»Oh Mann, schalt bloß den Ton ab!« – Die Stoßseufzer der Fans vor dem Bildschirm haben was von Woody Allen. Sie passen genauso gut zur antiken Tragödie und sind schon deshalb ziemlich komisch. Und sie können jede/n treffen, jederzeit, egal ob Beckmann, Kerner, Lierhaus oder Delling, ob Netzer, Poschmann, Müller-Hohenstein, Wasserziehr oder Marcel Reif. Die Frontfiguren des deutschen Fußballfernsehens sind heute echte Stars, und auch an den Mikros in den Stadien haben es einige zu Kult-Status gebracht. Einerseits. Denn, die andere Seite, in der Top-Fußballpräsentation bleibt nichts und niemand unumstritten. Kein Sendekonzept und keiner der großen Wortführer. Dafür scheint das auf Fußball abonnierte Millionenpublikum einfach zu groß zu sein, zu heterogen in Ansprüchen, Erwartungen und Sachverstand: durch Vereinsbrillen vorsortiert, im Fußballpatriotismus unterschiedlich in der Wolle gefärbt und weit verstreut auf dem Feld zwischen Fan-Gefühl, Unterhaltungslust und kühlem Kopf.

 

Anpinkeln gilt nur bei Einem nicht

Klar ist auch, dass der Fußball erst im Fernsehen zum Millionenspiel wird. Da kann die Bundesliga Rekorde melden wie sie will, im Vergleich zu den 14 oder manchmal 24 Millionen Fernsehguckern sind die 400.000 im Stadion eine mickrige Minderheit. Dass Fußball dabei eines der letzten Lagerfeuer ist, um das sich alle sammeln können, quer durch die Schichten und Bildungsmilieus, macht die Sache nicht einfacher. Hier will man ein bisschen soziale Wärme tanken, ja, vor allem aber mitreden und Kompetenz beweisen. Und sich auf keinen Fall was vormachen lassen. Das Zuhörenmüssen grenzt da allein schon an den Tatbestand der Nötigung. Gegen geschätzte 50 Millionen Bundestrainer hat im Grunde niemand eine Chance – außer Franz Beckenbauer vielleicht, der einzig Unantastbare, früher Kaiser auf dem Spielfeld wie heute noch im TV-Studio.

 

Ein Dreamteam wie aus dem Bilderbuch

Die Binsenweisheit sagt, dass Fußball ein telegener Sport ist. Die Wahrheit ist: Fußball und Fernsehen sind füreinander gemacht, eine Dreamteam wie aus dem Bilderbuch – hätte es ihn nicht längst gegeben, das Fernsehen hätte den Fußball erfinden müssen; und umgekehrt. Die Wahrheit ist natürlich auch, dass das Fernsehen den Fußball tatsächlich neu erfindet (und umgekehrt). Wer Fußball live im Stadion sieht, merkt den Unterschied sofort. Nur riskiert er halt, das wahre Spiel vor Ort ein bisschen fad zu finden, falls er nur lang und exklusiv genug die TV-Perspektive genossen hat. Umgekehrt sieht man dem TV-Bild das Gestellte und Gemachte auf Anhieb an; nur mit dem Anpfiff vergisst man es auch gleich wieder – weil kaum etwas unmittelbarer, echter und aufregender wirkt wie gerade die ‚Wirklichkeit’ des Fußball-Fernsehbilds.

 

Doch wie man es auch dreht und wendet, die Bedeutung des Fußballs im Fernsehen ist kaum zu überschätzen. Weder für die Zuschauer, die das in der großen Breite wirkende Bild des Spiels erst vom Massenmedium Fernsehen zu sehen bekommen. Noch für all die sportlichen und wirtschaftlichen Kräfte im Umfeld des Fußballs, die angewiesen sind auf Attraktivität und Strahlkraft ihres ‚Produkts’. Und schon gar nicht für die Sender selbst, die den Volkssport Fußball so kostbar für ihr Image erachten, dass sie bei den TV-Rechten stets höchsten Einsatz zeigen.

 

Ganz schön knifflig hinter den Kulissen

Alles nur ein Spiel, und doch so aufgeladen mit Bedeutung. Das macht gerade den Job hinter den Kulissen so knifflig. Und vielleicht sogar undankbar. Nein, richtig zu beneiden sind sie sicherlich nicht, die eigentlichen ‚Macher’ der Spiele im TV. Wer erfolgreiche Sendekonzepte kreieren will, soll schließlich alles Mögliche unter einen Hut bringen: Information und Unterhaltung, journalistische Qualität und hohe Gefühlswerte, Objektivität und Image-Interessen der Fußballverbände, kritische Distanz zum Betrieb und zugleich einen heißen Draht zu Branchen-Stars. Quoten-Interessen, Werbekunden, die Geduld werbe-allergischer Fans – alles steht auf dem Spiel.

 

Ein ziemlich einmaliges Geflecht aus Zwängen, Zwickmühlen und wechselseitigen Abhängigkeiten: Wie soll da ein Durchkommen sein? Ein Rezept der Studios ist offenbar der Kompromisskandidat vorne an der Rampe, zumindest halbwegs mehrheitsfähig, Typ netter Schwiegersohn, flotte Schwiegertochter, nicht allzu polarisierend und irgendwie schon akzeptabel. Kerner-Beckmann-Poschmann-Lierhaus eben. Doch selbst das stößt oft genug an seine Grenzen; oder eben sauer auf.

 

Schimpf, Schande und ellenlange Sündenregister

Auf dem Sofa wird gemosert, in der Kneipe geschimpft und noch öffentlicher hagelt es immer wieder Kritik aus der Ecke der Kultur- und Medienexperten, Generalvorwurf: Populismus und Boulevardisierung. Das Einzelregister der ‚Sündenfälle’ ist lang: ‚Daumendrückerkolonne’ und Altherrenwitze, ‘Fußballinseln in Werbeblöcken’, Anbiederung, Chauvinismus, Sprachklischees, Infantilität (Schwenk auf die Trainerbank: »2:0, jetzt könnte er doch mal lachen!«, merke: Mehr Emotion bitte!), Kamera-Voyeurismus oder äußerst dürftige Spielanalysen (Feigenblatt Taktiktafel!).

 

Die Vorwürfe differieren, je nach Auftrag, Selbstverständnis und wirtschaftlicher Basis der Sender, beim DSF anders als bei den Öffentlich-Rechtlichen oder beim Pay-TV Premiere. Grundsätzlich im Raum steht aber: Geht es hier wirklich nur um Geschmäcklerisches? Oder ginge es nicht doch fundierter, seriöser, packender und zugleich witziger, kurzum: einfach substanzieller?

 

Andere Länder, noch ganz andere Sitten

Sicher ist, in anderen Ländern herrschen noch ganz andere Fußballfernseh-Sitten. In Italien z.B. reimt sich das ganz ungeniert auf Titten: äußerst dürftige Oberteile sehr draller Moderatorinnen sollen offenbar zusätzliche Reize spendieren. Während der Brite eben vor allem Sportsmann ist und nicht nur die beste Liga der Welt hat, sondern auch ein Fernsehen, das Wert legt auf Tempo, Sachverstand und analytische Tiefenschärfe.

 

Sensible Spielmacher im Studio

Sicher ist auch, dass die Verantwortlichen mitunter sehr dünnhäutig reagieren, vermutlich weil sie die Schwachstellen im System selbst am besten kennen. Als etwa zum Start der Bundesligasaison 2005/2006 Jürgen Kaube in der FAZ seinem Unmut über die jüngste Magersucht der Nettospielzeit zugunsten endloser Werbeorgien in der ‚neuen’ ARD-Sportschau Luft machte und ihm Sportsoziologe Dieter H. Jütting von der Uni Münster beisprang, um im Handumdrehen einige Dutzend Intellektuelle hinter eine scharfe Protestnote zu scharen, da war man bei ARD vor allem eines: ‚not amused’. Bis hinauf zum Intendanten. Die Konfrontation mutierte in der Folge noch zum Dialog, bei dem Sportschau-Chef Steffen Simon nicht nur ein offenes Ohr bewies, sondern durchaus Problembewusstsein – man arbeite laufend dran. Tatsächlich haben sich die Kommentatoren ja seit längerem schon das Schwadronieren im Stil alter Schlachtengemälde abgewöhnt, dafür quälen sie uns heute mit flachen Witzchen, abgedroschenen Pointen oder kräftiger Parteinahme bei Auftritten der deutschen Elf.

 

Ach, was waren das für Zeiten früher! Von wegen.

Je älter der Fußballkunde wird, desto wehmütiger wird er auch. Zum einen aber trägt das Fernsehen nicht unbedingt die Hauptschuld am Verlust unserer Jugend, zum andern ist gerade eine Glorifizierung früher Fußballpräsentationen recht bizarr. Ein kurzer Blick ins Archiv zeigt, dass sich die televisionären Spiel- und Macharten gehörig entwickelt haben. Und dass man es so wie damals kaum zurückhaben will. So hat die ARD-Sportschau heute mit Trendsetter-Formaten und Personal der RAN-Bundesliga bei SAT.1 (1992 – 2003; u.a. mit Simon, Beckmann, Lierhaus, Kerner) weit mehr gemein als mit den frühen Präsentationen von Ernst Huberty, Addi Furler und dann Heribert Faßbender oder auch dem ZDF-Sportstudio mit den Altmeistern Wim Thoelke und Dieter Kürten.

 

Mit dem gemeinsamen Siegeszug von Bundesliga, Nationalelf und Fernsehen seit den 60ern blieb es zwar lange noch beim gewohnten Bild, auch in Farbe alles in allem noch recht grau, doch ab Mitte, Ende der 80er Jahre kam schlagartig Bewegung ins Spiel: dank der neuen treibenden Kräfte Privatfernsehen, Computertechnik samt einer enormen Entwicklung des Fußball-ökonomischen Umfelds. Seitdem hat man den Formaten und Produktionsformen gehörig Beine gemacht. Brillante Bilder, Serien von Kameras mit teilweise extremen Perspektiven, rasante Bildregie, Super-Slow-Mo’s oder 3-D-Animationen sind heute ebenso Standard wie exzessive Vor- und Nachbereitungen. Mit allen Widrigkeiten des Fortschritts naturgemäß, man denke nur an Rolf Töpperwien und Epigonen am Spielfeldrand: Auf die erschöpfenden ‚Flash-Interviews’ mit abgekämpften Spielern direkt nach dem Match könnte man getrost verzichten – fände man nur den Aus-Schalter am Gerät.

 

Fragt sich, wieviel Spielraum und Kreativität heute bleiben

Wäre zu fragen, ob die Konzepte-Macher die Entwicklung heute überhaupt noch steuern können. Und das überhaupt wollen? Welcher Spielraum bleibt ihnen beim Auspendeln von Information und Show? Worüber denkt man nach, was stellt man zur Disposition, was muss als Mode und Zugeständnis an den Zeitgeist einfach so sein? Gibt es (finanzielle) Grenzen für noch mehr Kamera-/PC-Technik oder reicht als Vorstopper hier schon die globale Wirtschaftskrise? Gibt es bei den Sendern Experimentier-Klubs für neue Formen der Moderation und Präsentation? Wie steht’s insbesondere mit der sprachlichen Aufbereitung, z.B. mit Sprachlabors zur Überprüfung und Schulung der Kommentatoren? Wie schätzt man den wachsenden Markt für Internet-basiertes Fußballfernsehen ein, Beispiel kicker-tv? Und überhaupt: Welchen Idealtypus eines/r Fußballkonsumenten/in hat man da vor Augen – vielleicht mit guten marktforscherischen Gründen? Die Allianz von Fußball und Fernsehen ist (uns) so heilig, dass es Antworten für die Zukunft geben wird. Begleitet vermutlich weiterhin von viel Geschimpfe, Gezeter und Kritik – mit satten Quoten obendrauf.

Günter Joschko, geb. in Fürth, hat in Erlangen studiert, Kulturarbeit samt einschlägigen Publikationen im Großraum Nürnberg und in Wien gemacht und ist vom Anpfiff weg seit 2003 ‚Sport- und Kulturmanager’ der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Als 55’er Jahrgang und Frühinfizierter hat er die Entwicklung des Fernsehfußballs komplett und sogar ziemlich lückenlos im Blick behalten – bzw. durchgemacht: spätestens seit dem Start der Bundesliga 1963. Bis 1987 durfte er sich außerdem als Anhänger des deutschen Rekordmeisters fühlen, bis dieser Ehrentitel bekanntlich vom 1. FC Nürnberg an die Münchner Bayern fiel.