Fans

Frank Rost über Fan-Rechte

Der HSV-Keeper bezieht im Interview mit kicker-Redakteur Marcus Lehmann klar Stellung: "Die Freiheit des einzelnen wird immer mehr beschnitten"

Interview mit HSV-Keeper FRANK ROST (33)

von kicker-Redakteur Marcus Lehmann 

Herr Rost, Sie haben nach dem letzten Saisonspiel des HSV (4:0 gegen Aachen) auf dem Platz ein Bengalo gezündet. Ein Fan bekäme dafür Stadionverbot, was hatte es mit dieser Aktion auf sich?

Frank Rost: Das waren Wettschulden, bei denen ich mir beinahe die Füße angesengt habe. „Wettschulden sind Ehrenschulden“ und die habe ich gerne eingelöst. Aber es ist klar: Das war eine absolute Ausnahme und darf keinesfalls auf den Rängen zur Nachahmung führen.

Warum aber haben die Ultras und andere engagierte Fangruppen, die im Stadion für Stimmung sorgen, einen solch schlechten Ruf?

Rost: Diese Fans sind kommerziell nicht nutzbar. Bei denen geht es um Leidenschaft, die wollen sich nicht verkaufen, nicht vermarkten lassen. In der Bundesliga kommen immer mehr Event-Besucher, um sich berieseln zu lassen. Dieser Bogen darf nicht überspannt werden. Das hat nicht mehr viel mit Fußball zu tun. Die echten Fans jeder Couleur werden durch Verbote vergrault: Irgendwann kommt die Frage auf, wo die Stimmung geblieben ist...

 

Was wäre für Sie der Fußball ohne Fans?

Rost: Das ist undenkbar. Solange es Fußball gibt, wird und muss es auch Fans geben. Gerade die Ultras investieren viel Zeit und viel Geld für Choreographien, weil es ihr Antrieb ist, weil sie es wollen. Nicht weil es ihnen diktiert wird. Diese Kultur darf nicht sterben. Ich finde es bedenklich, wenn von außen versucht wird, in jede Art Fan-Kultur einzugreifen.

 

Sie bilden da eher eine Ausnahme oder können Vereinsoffizielle und Funktionäre diese Kultur überhaupt nachvollziehen?

Rost: Schon. Nur ist die Gefahr im Profifußball groß, dass man sich immer mehr von der Basis entfernt, weil man selbst im Goldenen Käfig sitzt. Ich will das nicht. Wir Spieler sollten uns bewusst sein, wie viel Zeit und Arbeit die Fans in ihr Fansein stecken. Transparente malen sich eben nicht von selbst und Choreos brauchen Wochen bis sie stehen – außerdem literweise Schweiß und Tonnen an Koordination.

 

So mancher Spieler küsst in seiner ersten Partie gleich das Wappen des neuen Vereines. Ihr Empfinden dabei?

Rost: Naja, so etwas käme für mich nicht in Frage. Da gehören schließlich Gemeinsamkeiten dazu, eine emotionale Bindung. So etwas braucht Zeit und muss behutsam aufgebaut werden. Alles andere wäre wenig authentisch.

 

Warum gibt es für Belange und Sorgen der Fans keine Lobby?

Rost: Leider haben die Fans unseres Sports es heute sehr schwer, ihren Platz zu wahren, ohne die Identität aufzugeben. Zwischen Hools, Gewalt und Kommerzialisierung ist es schwer, seinen Weg in die Neuzeit des Fußballs zu finden und dabei die Traditionen des Spiels zu wahren. Alles muss kontrolliert ablaufen, planbar sein. Aber Emotionen können nicht einfach verordnet werden. Im übertriebenen Sicherheitswahn und dem Schielen auf Profit verlieren viele die Wurzeln des Fußballsports aus den Augen.

 

Warum setzen sich Funktionäre und Medien mit dieser Thematik so selten und so undifferenziert auseinander?

Rost: Es gibt eben Druck von oben. Viel zu wenige wollen sich deshalb konstruktiv damit auseinandersetzen -- Sponsoren sind meist wichtiger als Fans. Geht es so weiter wie zuletzt, kommt hierfür irgendwann die Quittung: Wenn keine echten Fans mehr da sind, lohnt sich das Ganze doch nicht mehr. Okay, finanziell vielleicht schon – aber das ist doch nicht Alles.

 

Ihnen liegen auch die Sicherheitsvorkehrungen am Herzen, mit denen viele Fans bei Fußballspielen konfrontiert werden.

Rost: Was da teilweise abgeht, ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Ich habe selbst einige Male miterlebt, wie Fans von Ordnern und Polizisten regelrecht provoziert werden. Und das alles nur, weil vielleicht ein paar Chaoten darunter sind. Diese Störenfriede sollen dingfest gemacht werden, keine Frage. Es gibt aber andere Methoden als diesen Sicherheitswahn, mit dem die Fans zu kämpfen haben. Nicht alle dürfen über einen Kamm geschert werden. Die Freiheit des einzelnen wird immer mehr beschnitten, sogar in der Freizeit, beim Fußball. Das sind die Zeichen der Zeit, aber der völlig falsche Ansatz.

 

Wie würde sich der Stadiongänger Frank Rost heutzutage bei einem Spiel seiner Lieblingsmannschaft verhalten?

Rost: Wenn man mich, gerade bei Auswärtsspielen, so behandeln würde, wie es momentan fast an der Tagesordnung ist – ich wüsste nicht, ob ich noch weiter zum Fußball gehen würde. Da bezahlen Leute Geld und bekommen den Spaß genommen. Ich wünsche mir, dass da ein Kompromiss gefunden wird und die Belange der Fans ernster genommen werden.

 

Gerade der „Streitfall Stadionverbot“ führt immer wieder zu Diskussionen. Sie sitzen im Beirat des Fanrechtefonds, was wollen Sie damit erreichen?

Rost: Sicherlich verstehe ich alle, die verlangen, dass hart gegen Randalierer durchgegriffen werden muss. Dieses darf aber in keinem Fall zu Lasten der echten Fans gehen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass immer noch die Möglichkeit zur Kommunikation bleibt und es nicht zu einer allgemeinen Kriminalisierung der Fangemeinde kommt. Denn weder auf dem Feld noch auf den Rängen gibt es nur Schwarz und Weiß. So soll der Fanrechtefonds ausschließlich Unschuldigen zu ihrem Recht verhelfen, das ihnen leider immer noch in vielen Fällen verwehrt wird. „Kollektivstrafen“ wie jetzt in München zum Beispiel halte ich absolut für kein probates Mittel. Aus diesem Grund versuche ich, meine Popularität in den Dienst derjenigen zu stellen, die leider keine Lobby im Fußball mehr haben - unsere Fans. Denn: Fans sind keine Kunden, sondern diejenigen, ohne die es die „Faszination Fußball“ gar nicht geben würde.

 

Lesen Sie dazu auch den Beitrag über Stadionverbote von Marcus Lehmann:  "Plötzlich ausgesperrt"

(Ursprünglich: Thema des Monats im Juni 2007)