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Football is (be)coming homo

Tanja Walther, selbst eine der führenden Aktivistinnen gegen Homophobie im Fußball, also gegen die Angst vor Schwulen und Lesben, beschreibt, wie schwierig es sein kann, als Fußballer/in oder Fan homosexuell zu sein. Sie berichtet aber auch von einigen positiven Entwicklungen - und der Unterstützung von höchster Stelle.

Lesben und Schwule und die schönste Nebensache der Welt
von Tanja Walther

Die Ausstrahlung der DSF-Dokumentation "Das große Tabu - Homosexualität & Fußball" hat im Mai 2008 für viel Wirbel in der deutschen Presse gesorgt. Besonders die Äußerungen von Fußball-Coach Christoph Daum zeigten, wie groß die Ressentiments, oder auch Gedankenlosigkeit gegenüber Homosexuellen im Fußball sein können.

Nach der EURO ist vor dem CSD

Gerade ist sie vorbei, die EURO 2008, und wie bei der WM 2006 gab es keinen Weg vorbei: Fußball tanzte durch Europa und den Rest der Welt!
Gerade hat sie begonnen, die Zeit der Christopher Street Days, Regenbogenparaden, Stadtfeste und Demonstrationen. Lesben und Schwulen tanzen durch die Straßen, um ihre Gleichstellung weiter voran zu treiben.
Millionen Menschen nehmen weltweit an diesen Veranstaltungen teil. Aber treffen sich diese Menschen auch?

Die schönste Nebensache der Welt ist ein globales Phänomen, wird erfolgreich als Event verkauft, ist ein ökonomischer Machtfaktor und besitzt große mediale Bedeutung. Das Spiel mit dem Ball wird immer mehr zum Familienereignis und zieht ein zahlungskräftiges Eventpublikum an. Es fasziniert Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft – aber auch jeglicher sexueller Orientierung?

Ein Doppelleben im Machosport

Offiziell gibt es weltweit keine schwulen Fußballer. Liegt das daran, dass die ca. 5-10% Homosexuellen, die es statistisch in den europäischen Profiligen geben müsste, ein Doppelleben zwischen dem Machosport Fußball und den eigenen Bedürfnissen führen und mit der ständigen Angst vor Entdeckung, Veröffentlichung oder Zwangs-Outing leben? Oder liegt es daran, dass Schwule durch die Strukturen des Fußballs "aussortiert" werden und tatsächlich nicht in den Profiligen spielen? Reine Spekulation...

Lesbische Frauen stehen sowohl auf dem Platz, als auch auf den Rängen anderen Problemen und Diskriminierungen gegenüber als schwule Männer. Fußball gilt immer noch als Teil „männlicher Sozialisation“. Frauen werden somit schnell mit sexistischen Diskriminierungen konfrontiert, die nahtlos in Homophobie übergehen. Denn nur "Mannweiber" oder Lesben spielen bzw. interessieren sich fürs runde Leder.

Homosexualität war lange Zeit gar kein Thema auf und um den Sportplatz. Das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) versuchte schon Ende der 90er Jahre das Problem der Homophobie im Fußball z.B. mit der Ausstellung "Tatort Stadion" öffentlich zu thematisieren, was jedoch nicht gelang. Erstmalig tauchte das Thema Homophobie bei der von der UEFA organisierten internationalen
"unite against racism" (pdf, 4,3 MB)-Konferenz 2006 in Barcelona auf. Dort wurde ein Workshop zum Thema angeboten und im Konferenz-Handbuch für Fußballvereine gibt es Hinweise zum Umgang mit Homophobie.

Dieser erste Workshop sowie ein breit angelegter Artikel in der Fußballzeitschrift RUND (ebenfalls 2006) führte zur Mitarbeit der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) beim ersten DFB-Fankongress in Leipzig im Juni 2007 und mündete in einem ersten Aktionsabend gegen Homophobie im Oktober 2007 im Olympia Stadion in Berlin.

Regenbogenfahnen schmücken die Stadien

Trotz alledem gilt Homosexualität noch immer als das letzte große Tabu in der Fußballwelt. Bisher sind es fast ausschließlich Lesben und Schwule selbst, die viel für ihre Sichtbarkeit im Sport und im Fußball tun. Dafür sorgen die Aktionsabende, große internationale Veranstaltungen wie etwa die EuroGames sowie zahlreiche lesbisch-schwule Sportvereine. Oder die seit Ende der 1990er Jahre gegründeten lesbisch-schwulen Fußball-Fanklubs, die mit Regenbogenfahnen die Stadionränge schmücken.

Der zweite Aktionsabend gegen Homophobie im deutschen Fußball, im Mai 2008 im RheinEnergieStadion Köln, erhielt durch den Trainer des 1. FC Köln, Christoph Daum, eine Steilvorlage. Daum rückte in einem Fernseh-Interview Homosexuelle in die Nähe von Pädophilen: "Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen", sagte er. "Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen."
(DSF-Dokumentation "Das große Tabu – Homosexualität und Fußball").

Christoph Daum belegte damit stellvertretend, wie wichtig und notwendig der Kampf gegen Homophobie und Vorurteile ist.

 Prominentester Unterstützer der Arbeit der EGLSF ist der Präsident des DFB, Dr. Theo Zwanziger, dem die Bemühungen gegen alle Formen der Diskriminierung ein persönliches Anliegen sind. "Wir sind alle unterschiedlich", sagte er. "Unterschiede dürfen jedoch nicht zu einer unterschiedlichen Bewertung und Diskriminierung führen."

Großes Potential und erste Schritte

Die wichtigste Aufgabe besteht darin, Menschen für das Thema Homophobie zu sensibilisieren. Sport, und besonders Fußball, hat das große Potential, viele Menschen und Bevölkerungsschichten zu erreichen. Dieses Potential sollte auch genutzt werden. Erste Schritte sind mit den beiden Aktionsabenden getan worden. So haben mittlerweile 68 Organisationen, darunter 25 Profi-Vereine und DFB-Landesverbände, die Erklärung gegen Diskriminierung (pdf, 43 KB) unterzeichnet. Namhafte Organisationen wie DFB, DFL, UEFA, FARE, "Am Ball Bleiben" sowie das Bündnis für Demokratie und Toleranz haben die Aktionsabende unterstützt.

Eine Atmosphäre im Fußball zu schaffen, in der sich Lesben und Schwule auf und um den Platz wohlfühlen, trägt auch dazu bei, dass sich andere Minderheiten im Fußballkosmos wohlfühlen können. "Fußball muss sich gegen jede Art der Diskriminierung stellen. Das ist eine große Verpflichtung. Wenn uns das im Fußball gelingt, tun wir etwas Gutes für die Gesellschaft", sagte Dr. Theo Zwanziger beim Aktionsabend in Köln.

Das Bild des Fußballs ist ein sehr ambivalentes. Auf der einen Seite ist der Mikrokosmos Fußball immer noch die Männerwelt, die er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war. Auf der anderen Seite ist Fußball Popkultur, in der Fußballer mit Mode und Androgynität spielen. Leider ist ein Klima der Liberalisierung und Enttabuisierung nicht durchgehend zu erkennen. Homosexualität wird weiterhin tabuisiert und als Provokation empfunden.

Dr. Zwanziger schätzt die Vielfalt

Lesben und Schwule leisten bereits Basisarbeit in der Fankultur durch das sichtbare Auftreten als schwul-lesbische Fanclubs. Sie treffen sich in lesbisch-schwulen Sportvereinen, Spielen in den Ligen des DFB oder bei Turnieren wie dem
Come-Together-Cup und den EuroGames. Lesben und Schwule sind SpielerInnen, TrainerInnen, BetreuerInnen und SchiedsrichterInnen. Sie sind jung, arm, deutsch, dick, groß, alt, türkisch, klein und dünn. Sie tragen zur Vielfalt im Fußball bei, einer Vielfalt, die Chancen ermöglicht und die Dr. Theo Zwanziger schätzt. Er weiß: "Wir müssen die Bildungsarbeit voranbringen und wir brauchen junge Leute in den Verbänden, um etwas zu verändern und zu bewegen."

Wenn sich dann etwas verändert und bewegt hat, wäre ein Coming-Out eines noch aktiven oder ehemaligen Spitzenspielers ein Zeichen dafür, dass auch der Fußball im 21. Jahrhundert angekommen ist. Bis dahin kann durch den Abbau des eingefahrenen Männerbundes zugunsten einer neuen Solidarität - sowohl auf dem Platz als auch in den Fankurven - eine neue Atmosphäre geschaffen werden. Eine Atmosphäre, in der unterschiedlichste Lebensweisen jedem und jeder selbst überlassen sind, ohne mit den eventuell unliebsamen Konsequenzen alleine gelassen zu werden.

Dies geht jedoch nur, wenn Vereine und Verbände endlich anfangen, Homophobie und Homosexualität zu thematisieren. Vielleicht sind ja dann bei der nächsten WM sogar Lesben und Schwule zu Gast bei Freunden! Oder der DFB und seine Landesverbände und Vereine sind in einigen Jahren bei den Christopher Street Days vieler deutscher Städte zu sehen. Am 6. Juli 2008 jedenfalls unterstützt der DFB erstmalig einen Wagen der schwul-lesbischen Fanclubs auf dem CSD in Köln!!