F_in zum heute stattfindenden "Sicherheitsgipfel"

17. Juli 2012: Pressemitteilung des Netzwerks Frauen im Fußball

Das  Netzwerk Frauen im Fußball (F_in), Akademiemitglied, nimmt Stellung zum heutigen Sicherheitsgipfel der Präsidenten der Vereine, des Bundesinnenministers und der Verbandspräsidenten:

Auch bei dem Sicherheitsgipfel heute in Berlin mit dem Titel: "Für Fußball. Gegen Gewalt" werden die Fans und unter ihnen die aktiven Frauen im Fußball nicht gehört. Dies entspricht den gängigen Sicherheitskonzepten, die seit Jahren davon ausgehen, dass es zwangs­läufig zu Ausschreitungen zwischen Gruppen von Fans, bzw. zu körperlichen Auseinander­setzungen unter Fans kommen wird, sofern man nicht dafür sorgt, dass jede Zuschauerin und jeder Zuschauer einer eingehenden Kontrolle und Überwachung unterzogen wird. Lieber greift man zur "Fantrennung" statt "Fanbegegnung" zu ermöglichen. Frei nach dem Motto: Ausgrenzung statt Kommunikation.

Was vor ein paar Jahren noch keine Ausschreitung war oder teilweise noch nicht mal eine Ordnungswidrigkeit, ist heute verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Dieses immer enger werdende Netz von Regeln, Gesetzen und Verordnungen lässt sich auch an Beispielen verdeutlichen: Das Besteigen der Zäune war nie erwünscht, inzwischen ist es aber verboten und wird als Ordnungswidrigkeit verfolgt. Darüber hinaus wird man sehr schnell zum „Gewalttäter Sport“, ohne jemals einer strafrechtlich relevanten Tat beschuldigt, geschweige denn verurteilt worden zu sein. Manchmal reicht schon die einfache Anwesenheit in einer Gruppe, der abweichendes Verhalten unterstellt wird, die Personen also als potenzielle Gewalttäter gelten.

Frauen tauchen in diesen Konzepten eigentlich nur als kontrollierte Wesen auf. Spätestens wenn ihnen die Rucksäcke, Labellos oder Hygieneartikel abgenommen werden, spüren sie die Kontrolle am eigenen Leib und dürfen sich so richtig sicher fühlen … Wenn Frauen in der Sicherheitsdebatte auftauchen, dann viel zu oft als Argumente für eine verstärkte Sicherheitspolitik im Stadion. Es heißt, wenn es weniger Gewalt in den Stadien gäbe, würden mehr Frauen in die Stadien kommen, und man tut andersherum so, als ob die Anwesenheit von Frauen die raubeinigen Männer zivilisieren würde. Beide Argumente führen aber leider dazu, dass Frauen mitunter nicht besonders gut gelitten sind in den Fankurven und als Agentinnen der Verbürgerlichung wahrgenommen werden.

Die „Abwesenheit von Gewalt“ als Sicherheit zu verkaufen, lässt die Frage nach dem Preis aufkommen. Wenn aber der Preis für Sicherheit die totale Kontrolle und Überwachung ist, dann werden die bedient, die Sicherheit verkaufen wollen, nämlich die Sicherheitsindustrie und die Gewerkschaften der Polizei, die in den letzten Monaten den Preis immer höher geschraubt haben. Freiheit aber stirbt mit Sicherheit.

Und wenn der Preis die Abschaffung der Stehplätze und der Umbau der Stadien nach Englischem Modell sein soll, dann fordern wir die Verantwortlichen auf, sich die Entwicklung der Fußballkultur in England genauer anzuschauen. Wir sind sicher, dass das nicht gewollt sein kann...

Und wenn der Preis für Sicherheit die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen, insbesondere jüngerer StadionbesucherInnen, sein soll, dann machen wir darauf aufmerksam, dass damit auch ein Großteil der Frauen im Stadion betroffen sein wird. Denn unser Platz ist auch auf den Stehrängen, ein Platz, den wir uns in den vergangenen Jahren vielfach erkämpfen mussten.