Erlebe Emotionen...? Ein Stimmungsbericht aus Wien

„Erlebe Emotionen“ – der offizielle Uefa-Slogan zur Euro 08 verspricht Begeisterung und Leidenschaft im Übermaß. Aber passt das überhaupt zum Wiener Naturell?

Rund drei Monate vor Beginn der Europameisterschaft nimmt Prof. Dr. Friedhelm Kröll, an der Uni Wien Dozent für Kultur- und Religionssoziologie, die eher gedämpfte Stimmungslage in der österreichischen Haupt- und Finalstadt unter die Lupe.

von Prof. Dr. Friedhelm Kröll

 

Eine passable Halbzeit des österreichischen Nationalteams gegen Deutschland kann für die Wiener Seele kein Grund sein, in EM-Stimmung zu kommen. Wer derzeit hinhört und hinsieht, wird feststellen: von Anzeichen eines ausbrechenden Fußballfiebers weithin keine Spur. Da klingt es wie tröstender Zuspruch, wenn der Präsident des ÖFB, Friedrich Stickler, in einem Zeitungsinterview erläutert: „Wir dürfen die Menschen nicht überfordern, das Runterzählen der Tage bringt nichts. Man kann sich ja auch nicht eineinhalb Jahre lang auf Weihnachten freuen, nicht einmal ein paar Monate. Ist das Fest da, feiert man es.“ Die Anspielung auf das 2006 in Deutschlands WM-Austragungsorten allgegenwärtige elektronische Kalenderblatt-Abreißen, noch 93 Tage bis zur Eröffnung, trifft die österreichische Mentalität, die nie so recht eine eifernde Liebe zu Uhr und Terminkalender hat entwickeln können, durchaus. Puritanischer Protestantismus und katholischer Barock sind eben völlig verschiedene Welten.

Die Frage nach der Adventsstimmung hängt eben davon ab, ob es was zu feiern geben wird. Und diesbezüglich obwaltet eher gedämpfte Vorfreude, genauer: tiefe Skepsis, die mitunter in das von Ernst Happel her bekannte Granteln umschlägt, wenn nicht gar gelegentlich in einen Wienerischen Sarkasmus. An einen Coup, wie er vor vier Jahren bei der EM den Griechen unter Rehhagel geglückt ist, glaubt in Österreich, zumal in Wien im Ernst niemand. Überraschungen sind allemal selten, sonst wären es keine Überraschungen.

 

Deutsche Tugend ist dem Wiener fremd

Überhaupt, der bis ins Altösterreichische zurückreichenden Wiener Grundgestimmtheit ist das wesensfremd, was als deutsche Mentalität, Tugend und Transzendenzglauben gepriesen bzw. gefürchtet wird. Selbst in den Zeiten, als das österreichische National-Team über die Vorrunde von WM-Turnieren hinausgelangt ist, so etwa 1978 oder 1934 und 1954  (wo man erst im Halbfinale mit einem desaströsen 1:6 gegen Deutschland gescheitert war), selbst also in Zeiten, als die Wiener Fußballkultur internationale Geltung besessen hatte, war Österreich keinen Moment von dergleichem wie einem „Triumph des Willens“ beseelt gewesen. Die Wiener Fußballkultur hat nie dem Imperativ „Über den Kampf ins Spiel“ gehorcht, hat keinen Eckelschen Windhund und Vogts'schen Terrier zu Schlüsselfiguren gehabt. Und für den dem österreichischen Katholizismus einwohnenden Skeptizismus hat der Glaube noch nie Berge versetzt. Die Ideologie des Wunders war für Österreich stets ein Markenzeichen der Deutschen. Warum also an ein „Wunder von Wien“ glauben?!

Statt „Triumph des Willens“ ist die österreichische Seele von alters her dem „Zauber des Spiels“ zugetan. Statt den Dauerläufern und Kämpfern, den Eisernen Lungen zuzujubeln, hat sie stets dem Spielwitz, den Künstlern am Ball Kränze gewunden.

 

Eleganz und Virtuosität – beim Fußball wie beim Opernball

In einer altehrwürdigen Metropole, deren Herz beim Opernball schlägt, ist es nur zu verständlich, daß Fußball vornehmlich nach den Maßstäben der Eleganz und der künstlerischen Virtuosität gemessen worden ist: Der Name Sindelar, Ikone der österreichischen, der Wiener Ballkunst der 30er Jahre, mag hierfür repräsentativ stehen. Auch Andy Herzog ist auf dem Platz das Gegenteil eines deutschen Kraftrüpels gewesen. Es ist schon so, wo das Leben als Traum, die Welt als Bühne empfunden wird, kann es nicht wunder nehmen, daß die Fußball-EM-Werbung neulich inmitten der Wiener Ringoper, inmitten des Opernballs platziert worden ist. Haben nicht Fußball und Opernball im altgriechischen „ballein" (= werfen) die nämliche Wortwurzel?! Ob man ins Nationalleiberl schlüpft, um auf dem Rasen zu zaubern, oder ins Ballkleid, um auf dem Tanzboden zu bezaubern, die Welt ist ein Theater – und wer wird das so ernst nehmen. In Wien ist der Fußball kein Ethno-Drama und das Kaffeehaus ist so wenig ein Stammtisch wie das Beisl.

 

Selbst Córdoba ist fast vergessen

Und die Sensation von Córdoba? Hans Krankls legendäres Tor zum 3:2 gegen Deutschland bei der WM 1978 in Argentinien zwei Minuten vor dem Abpfiff, der Hinauswurf Deutschlands aus dem WM-Turnier? Vielleicht lockt es noch einen Hund hinter dem Ofen hervor, mag es vor und während der EM, zumal zur Zeit des Vorrunden-Spiels Österreich – Deutschland, den einen oder anderen Sportfeuilletonisten zur Glosse anregen. Aber ansonsten liegt für die Wiener Seele Córdoba zwar nicht ganz so weit zurück wie der Kaiser Franz Joseph und sein Habsburger Reich, aber doch weit hinten in der Vergangenheit.

Was gibt’s sonst noch von der Vorfreude auf die EM zu berichten? Halten wir uns, dem Zeitgeist konform, ans Positive. Die Würstelstände in der Wiener Fanzone zwischen Heldenplatz und Rathausplatz werden offen gehalten. Darüber hinaus hat sich die Stadt der Musik mit der Musikpädagogik befaßt. Es soll wenn nicht einschläfernde so doch dämpfende Musik erschallen: „Die Musik sollte auf das Publikum abgestimmt sein, und eher zum Mitsingen anregen. Dadurch können Schlachtgesänge unterbunden werden.“ Bei Gläsern und Flaschen soll auf Plastik umgestellt werden, um das Schlachtgetümmel zu zivilisieren.

 

Österreich steht als Europameister fest

Bleibt noch, daß, egal wie die EM ausgeht, ein Europameister für die EM-Verantwortlichen in Wien schon feststeht. Mag Deutschland (noch) Exportweltmeister sein und gelegentlich Fußballweltmeister, der Titel des Tourismus-Europameisters ist für die Alpenrepublik schon vergeben: „Wir werden auf jeden Fall touristisch mit der EURO 2008 gewinnen.“ Kein Wunder. Eingedenk der Vorzeit, als die Fußballwelt von der Glückauf-Kampfbahn über das Zabo-Stadion bis nach Wien-Hütteldorf noch in Ordnung war, kann Österreich, kann Wien, in Abwandlung einer berühmten österreichischen Kaiserhaus-Maxime den europäischen Fußballfans heute noch zurufen: Tu felix Austria, fume! (Aus gesundheitsmoralischen Gründen nimmt der Verfasser von einer Übersetzung aus dem Lateinischen Abstand).

FRIEDHELM KRÖLL

Prof. Dr. Friedhelm Kröll, geboren 1945 in Tirschenreuth/Oberpfalz. Kindheit und Jugend in Düsseldorf. Aktiver Fußballer seit dem siebten Lebensjahr. Meiste Zeit in Unterklassen. Eine Saison Landesliga. Studium der Kunstgeschichte und Soziologie in Freiburg, Wien und Erlangen-Nürnberg. Seit 1972 in Nürnberg ansässig. Seit 1990 Gastprofessor für Kultur- und Religionssoziologie an der Universität Wien.