Ein winterliches Vergnügen - warum die Winterpause?

Wozu gibt es eine Winterpause im Deutschen Fußball? Und warum wird in England sogar am 2. Weihnachtstag gespielt? Ist Fußball ein Sommer- oder Wintersport? Und: Weshalb ist Grönland eigentlich kein FIFA-Mitglied?

Die leidige Winterpause ist nur halb so nutzlos, wenn Fußballhistoriker Christoph Bausenwein sie verkürzt.

von Christoph Bausenwein

Endlich Ferien! 

Nach dem Abpfiff des Spiels 1899 Hoffenheim gegen Schalke 04 am Sonntag, den 15. Dezember 2008, ruht der Ball wieder für sechs Wochen: Bis Ende Januar ist Winterpause. Die Fußball-Ferien geben Gelegenheit, es sich daheim im Warmen schön gemütlich zu machen, und man kann sich die Zeit zum Beispiel mit guten (Fußball-)Büchern oder alten Fußballfilmchen vertreiben. Sehr empfehlenswert ist etwa die Dokumentation „Profis“ über die Saison 1978/79 beim FC Bayern, die zu allerlei Betrachtungen über die alten Zeiten einlädt. Ja, das war schon eine Wahnsinns-Saison damals, als Breitner & Co. revoltierten, Bayern-Präsident Neudecker abdankte und Uli Hoeneß Manager wurde. Ein etwas steif und unbeholfen wirkender Hoeneß machte in diesem Winter vor 30 Jahren seine letzten Spiele im Trikot des 1. FC Nürnberg – bei eisiger Kälte, auf tief gefrorenem, weiß bezuckertem Geläuf. Erst beim zweiten Hinsehen wird einem klar: So etwas gibt es heute nicht mehr, da ist der beheizte Rasen immer grün und eher zu weich als zu hart; damals aber gab es lediglich in dem noch als supermodern geltenden Münchner Olympiastadion eine Rasenheizung. Und das führt zur Frage:
Warum eigentlich gibt es immer noch eine Winterpause?

 

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur...

Ursprünglich wurde die Winterpause eingeführt, um witterungsbedingte Spielausfälle zu verhindern. Sie betrug zur Einführung der Bundesliga bereits vier Wochen, konnte aber ihre Aufgabe nicht immer erfüllen. 1969/70 legte der strenge Winter erstmals in der Bundesliga-Geschichte den Spielbetrieb im Januar und Februar nahezu lahm, in der eben erwähnten Saison 1978/79 fielen insgesamt 46 Spiele den winterlichen Verhältnissen zum Opfer. Heute fällt kaum ein Spiel mehr aus – außer vielleicht in Schilda-Nürnberg, wo man im Februar 1990 einen mit Nägeln und Glasscherben durchsetzen „Sand“ verstreute, um den Platz bespielbar zu machen – und eben erst dadurch eine Absage nötig machte. Vereinen, die auf Fuhren mit Nürnberger Sand verzichten, machen allenfalls noch verschneite Stadiondächer zu schaffen; doch der Klimawandel könnte auch diese Situation in den nächsten Jahren weiter entschärfen. Als einziger Grund für die Winterpause bliebe dann die Sicherstellung von Regenerationszeiten für die Profis. Seit Jahren nutzen die Klubs diese Zeit, um ihre Spieler erst in den Urlaub und danach – meist ergänzt durch einige frisch transferierte Neulinge – in die Trainingslager zu schicken, die in der Regel irgendwo im warmen Süden abgehalten werden. Aber ist soviel Erholung tatsächlich nötig, und muss man die Saison nach einer erneuten intensiven Vorbereitung wirklich gleichsam noch einmal von vorne beginnen lassen? Wäre es nicht sinnvoll, die Winterpause abzuschaffen und dafür die Sommerpause zu verlängern?

 

Pausenlos Wintersport

Fest steht: Normal ist eine Winterpause nicht, ganz im Gegenteil. Fußball war schon immer ein Winterspiel, wie ein kleiner historischer Rückblick auf seine Ursprünge in England deutlich macht. Ein erster Hinweis findet sich bereits bei Alexander Barclay, der im Jahre 1514 ein urtümliches Fußballspiel in der englischen Provinz mit den Versen bedichtete:

„Laufend und springend vertreiben sie die Kälte.
Die robusten Landleute, lebhaft, stark und unerschrocken,
Überwinden Sie den Winter mit dem Treiben des Fußballs.“

Winter-Fußball ist demzufolge – das sei allen Weicheiern gesagt – gar nichts Besonderes, in England war es die Normalität. Offensichtlich war das Spiel schon im Jahre 1606 so verbreitet, dass der Künstler Henry Peacham in einer Abhandlung über die Zeichenkunst empfehlen konnte, in winterlichen Szenen neben Holzfällen und Eislaufen auch das (für diese Jahreszeit eben besonders typische) Fußballspiel darzustellen. Der Fußball also war von Anfang an ein Winterspiel, das allerdings, ganz im Gegensatz zum Sommerspiel Cricket, sehr wild und ziemlich regellos ablief.

Als englische Gentlemen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts daran gingen, nach dem Vorbild des bereits seit dem 17. Jahrhundert nach festen Vorschriften betriebenen Cricket auch dem „winter game“ ein Regelwerk zu verpassen und Wettbewerbe einzuführen, wäre kaum einer von ihnen auf die Idee kommen, im Sommer einem Ball hinterher zu jagen. Noch im Jahre 1906 sprach Robert Livingstone in dem Standardwerk „Association Football an the men who made it” vom Fußball als der „besten aller winterlichen Freizeitbeschäftigungen“ – obwohl man den „Winter“ zu dieser Zeit schon weit ausgedehnt hatte: Die erste Saison 1888/89 der „Football League“ dauerte vom 6. Oktober bis zum 20. April.

 

Ohne Nikolaus kein Osterhase

Vor diesem Hintergrund muss man sich nun nicht mehr wundern, dass es in England bis vor kurzem keine Winterpause gab. Vor drei (!) Jahren gab es erstmals eine kleine Unterbrechung, in der aktuellen Saison wird bis zum 31. Dezember durchgespielt und am 10. Januar geht es schon wieder weiter. Man sieht also, dass es auch (fast) ohne Pause geht. In England ist der 2. Weihnachtsfeiertag ein stimmungsvoller Festtag des Fußballs: Von der ersten bis zur letzten Liga wird gekickt, die Stadien sind ausverkauft, und überall singt die Menge abgewandelte Weihnachtslieder wie „Jingle bells“. Interessant ist zudem, dass man in früheren Zeiten vor allem hitzige Derbys auf Weihnachten legte: Man erhoffte sich offensichtlich ein Übergreifen der friedvollen Atmosphäre der heiligen Tage auf die Seelenverfassung notorischer Raufbolde.

Es spräche also durchaus einiges dafür, die Winterpause nicht nur zu verkürzen (wie es ja für die nächste Saison geplant ist), sondern gleich ganz abzuschaffen. Viel würde man nicht verlieren. Die brasilianischen Profis würden endlich winterfest und müssten ihren Urlaub nicht mehr eigenmächtig verlängern, die Trainer bräuchten nicht mehr schimpfen über Profis, die in den freien Tagen zuviel geschlemmt haben, überflüssige und verletzungsträchtige Hallenturniere würden entfallen. Das einzige, was es nicht mehr gäbe, wäre die mit großem Brimborium verkündete „Herbstmeisterschaft“ mit den üblichen Sprüchen von Uli Hoeneß. Nur der Bayern-Manager braucht also die Winterpause: Entweder, um die Herbstmeisterschaft als Vorentscheidung zu verkünden, oder um zur Jagd auf den Herbstmeister zu blasen – gemäß seinem Credo, dass der Nikolaus noch nie ein Osterhase gewesen sei und Bayern am Ende sowieso immer vorne stehe.

 

Grönland, ein Wintermärchen

„Im Februar kann man in Russland nicht Fußball spielen“, kommentierte Hoeneß vor ein paar Jahren einen Auftritt der Bayern in Moskau, der als „Winter-Alptraum“ in die Schlagzeilen einging. Mit entsprechender Ausrüstung ist Fußball jedoch selbst unter polaren Bedingungen möglich. In Grönland etwa gibt es eine jahrhundertealte Tradition des Kickens auf Schnee und Eis, bei der die Spieler freilich in Seehundfelle statt in luftige Sporttrikots gekleidet waren.

Skandalöserweise wurde die fußballbegeisterte Insel, die politisch zu Dänemark gehört, bis heute nicht in die FIFA aufgenommen, weil sie kein eigener Staat sei und keine Rasenplätze besitze. Inzwischen darf auf Kunstrasen gespielt werden, so dass Grönland nach der Errichtung eines Kunstrasenfeldes nach FIFA-Standard in der Hauptstadt Nuuk womöglich doch noch aufgenommen wird. Vielleicht ist dieser Weg aber auch der falsche. Vielleicht sollte man umgekehrt überlegen, ob der Fußball in der grönländischen Eis-Variante eine eigene Zukunft haben könnte – zumal es auch im Mutterland des Fußballs eine Tradition des winterlichen Fußballvergnügens auf eisigem Untergrund gab.

 

Die Krone aller Sportarten

Das erste überlieferte Eisfußballspiel fand am Neujahrstag 1564 in London auf der zugefrorenen Themse statt: „people played … football on the Thames by great numbers“, berichtete ein Mann namens John Stowe von dem Ereignis. Diese etwas exzentrische Spielart setzte sich zwar dann doch nicht durch, wurde aber immerhin gelegentlich aufgegriffen, so etwa von Max Morlock, dem Nürnberger Fußballhelden und Weltmeister von 1954: Als Kind verfeinerte er in den Wintermonaten auf dem zugefrorenen Zeltnersweiher seine balltechnische Balance. „Eisfußball“, meinte er, sei die „Krone aller Sportarten“.

Wenn schon eine Winterpause, so bleibt zu schließen, dann bitte statt Hallenmasters lieber einen Eisfußball-Cup. Als Austragungsort für die Premiere käme im Gedenken an den großen Eisfußballer Max Morlock selbstverständlich nur die (Eis-)Arena in der Glühweinstadt Nürnberg in Frage. Als Dauergastgeber für eine mögliche WM böte sich Grönland an, einerseits wegen der perfekten Verhältnisse und andererseits als Ausgleich dafür, dass es nicht in der FIFA sein darf.

 

Christoph Bausenwein zählt zu den profiliertesten Fußballbuchautoren in Deutschland. Der 1. FCN nimmt in Bausenweins Veröffentlichungen breiten Raum ein - kein Wunder, wenn man bedenkt, dass der Autor 1959 in Nürnberg geboren wurde. Gemeinsam mit Harald Kaiser und Bernd Siegler verfasste er „Die Legende vom Club“ (1996), das Standardwerk zur Geschichte des Fußballvereins aus der Noris. Darüber hinaus stammt aus seiner Feder das „Geheimnis Fußball“ (1995), das mehrfach als „bestes aller Fußballbücher“ (BR) bezeichnet wurde.
Fußball-begeisterte Kinder finden im WAS-IST-WAS Fußballbuch, das ebenfalls von Bausenwein verfasst wurde, Antworten auf wirklich jede Fußballfrage.
Seit 2005 ist Christoph Bausenwein Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.