Düsseldorf gegen die Hertha

16. Mai: Ein Relegationsspiel und seine Deutungen

Welch großartiges Spiel! Schon Mitte der zweiten Halbzeit hätte man dieses Statement abgeben können. Beim Relegationsrückspiel um den letzten verbliebenen Platz in der Fußballbundesliga vereinigte sich Vieles, was man sich von einem Fußballspiel wünscht. Ein tolles Tor zum Auftakt, gut organisierte Düsseldorfer, die von der ersten Minute an zeigten, dass sie gewillt sind, alles für den Einzug in die Bundesliga zu geben. Aber auch die totgesagte Hertha nahm das Spiel - vielleicht etwas später - an, zeigte phasenweise richtig guten Fußball. Viele, enge Zweikämpfe, sicher auch hart, aber selten überzogen. Über weite Strecken konnte man glauben: Genau das war die Intention bei der Einführung der Relegation.

Zu diesem Zeitpunkt hätte man sicher auch noch über die ersten Einsätze von bengalischen Feuern im Block der Hertha (gleich vereinzelt auf Düsseldorfer Seite beantwortet) hinweg sehen können. Zu gängig war der Einsatz von Pyrotechnik nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Fan-Szene und DFB/DFL über einen kontrollierten Einsatz geworden. Mit dem per Stadionsprecher angekündigten möglichen Spielabbruch rechnete bis dahin niemand ernsthaft.

Und dann nahm das Spiel beim Stand von 2:1 für die Gastgeber sogar noch einmal an Fahrt auf: Minute für Minute schien die Hertha längst verloren geglaubte Fähigkeiten wieder zu finden, drückte selbst in Unterzahl auf den Ausgleich, der letztendlich nach einer herausragenden Kombination von Ramos und Rafael auch gelang. So erarbeiteten sich die Hauptstädter die Chance, in sieben Minuten Nachspielzeit die Verhältnisse noch einmal gerade zu rücken. Ein Tor würde reichen und der Klassenverbleib wäre in letzter Sekunde geschafft - Otto Rehhagel nebenbei erneut auf den Thron, in den Himmel oder den Olymp gelobt worden.

Doch heute spricht man fast überall von "Chaos". Was war passiert? Während die Einsatzkräfte der Polizei sich vor dem Block der Hertha-Fans positionierten, nutzten die euphorischen Fans der Düsseldorfer die Nachspielzeit, um sich auf einen obligatorischen Platzsturm nach Spielende vorzubereiten. Die Zurückhaltung hielt dann allerdings nicht bis zu diesem. Irgendjemand verstand irgendeinen Pfiff falsch, lief los und der Rest folgte. Nach ca. 20 Minuten Spielunterbrechung konnten die übrigen knapp 2 Minuten ausgespielt werden. Lediglich der Elfmeterpunkt im Düsseldorfer Strafraum erlebte den Schlusspfiff nicht mehr.

Und was soll man jetzt davon halten? Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, deshalb wird erst einmal sortiert:

Der sportliche Aspekt:
Mit dem regulären Spielende hat Schiedsrichter Stark dafür gesorgt, dass das Spielergebnis gewertet werden kann. Verantwortliche und Spieler der Hertha hielten sich am Abend dementsprechend zurück mit Forderungen nach einer Annulierung. Heute steht eine solche natürlich im Raum. Zurecht, will man sagen. Denn gerade die angehängte Restspielzeit lässt sich wohl kaum als reelle Chance für die Hertha beschreiben, das entscheidende Tor noch zu schießen. 11 Freunde-Chef Philipp Köster fordert deshalb unmißverständlich:  Wiederholung bitte! Man darf gespannt sein, ob diese Forderung ob der engen Terminkalender im Fußball nachgekommen wird.

Fußball, Fans und der Anstieg der Gewalt:
Schon die Live-Berichterstattung sah die Ereignisse als Art Höhepunkt der Gewalt in Fußballstadien (genau wie die  offizielle Stellungnahme von DFB und DFL), pflichtbewusst verurteilte man "sogenannte Fans" und "Chaoten". Aufgrund der kriegsähnlichen Bilder, die durch den massiven Einsatz von Pyrotechnik entstanden sind, mag das im ersten Moment durchaus verständlich sein.
Nicht zu unrecht beklagt aber die Redaktion von Publikative.org die undifferenzierte Berichterstattung, die dann auch noch den dummen, aber (offenbar weitgehend) friedlichen Platzsturm der Fortuna-Fans in die Ecke der Gewalt drängte.  Hurra, wir leben noch! lautet der Titel des Artikels.
Doch auch wenn es sich keinesfalls um einen Bürgerkrieg handelte - für alle aktiven Fans, die sich ernsthaft für den Erhalt von Fankultur einsetzen, könnte das Spiel ein Schlag ins Gesicht werden. Denn der "Weg zum Operettenpublikum wird weiter geebnet", wie Mark Basten bei  torfabrik.de feststellt. Er könnte tatsächlich Recht behalten. Die ersten klaren Forderungen nach Kollektivstrafen sind schon gestellt.

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