Dritte Liga - Ein liebenswerter Fußball-Zwitter

Noch ist keineswegs klar, was das Wesen der „Dritte Liga“ ausmacht. Irgendwie ist sie von allem ein bisschen – vor allem aber ist sie neu. Und einen Namen hat die Liga auch schon – sie heißt blamabel banal nach ihrer Ordnungszahl, was immerhin Mitleid bewirkt. Wird Sie einen Meilenstein markieren auf dem steilen Weg des deutschen Fußballs nach oben, hinauf zur europäischen Spitze? Eher nicht. Dafür wird vermutlich bald ein anderer Einschnitt das System des deutschen Fußballs fundamental verändern.

von Bernd Gäbler


Was ist das „Wesen“ der Dritten Liga?

Nun spielen sie also zusammen in einer Liga: Kickers Emden und Erzgebirge Aue, Unterhaching, Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf. Ein stabiler Unterbau soll die beiden ersten Bundesligen abstützen. Der Graben zwischen dem in der DFL organisierten professionellen Spitzensport in erster und zweiter Bundesliga und den Spitzen der im DFB organisierten so genannten Amateure soll zugeschüttet werden. Aber selbst der Letzte der Zweiten Liga bekommt 3,9 Mio. € pro Jahr aus den Fernsehgeldern, während den Drittligisten eine Garantiesumme von zunächst 590.000 € zugewiesen wird, die aber bald auf 825.000 € aufgestockt werden soll. Manch ein Geschäftsführer von Vereinen mit großen, traditionsreichen Namen wie Kickers Offenbach oder Dynamo Dresden sähe seinen Club da viel lieber im Abstiegskampf in Liga Zwei als im Favoritenrang der Dritten Liga. Ihnen scheint es so, als sei der Abstand eher größer geworden, zumal die Dritte Liga gegenüber den regionalen Wettbewerben ja auch höheren Aufwand bedeutet.

 

DFB, Derbys und Reserveteams

Die Organisationsform – DFB statt DFL – weist auf das Dasein als Spitze des Breitensports hin, die Zentralisierung auf das Gegenteil. Irgendwie hängt die Dritte Liga immer dazwischen: Einerseits symbolisiert sie den Abschied von den großen Derbys im regionalen Fußball, denn Emden gegen Erfurt oder Jahn Regensburg gegen SV Sandhausen sind bestimmt keine gewachsenen Rivalitäten, andererseits ist sie eine Art Auffangbecken für die besten Ostvereine. Hier tummeln sich Dresden, Erfurt, Aue, Jena und der FC Union Berlin. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist sie eine Art DDR-Resterampe oder auch „Fußball für das Sendegebiet des MDR“.

Außerdem ist sie in sich sehr heterogen. Während Fortuna Düsseldorf von alten Zeiten träumt, aber damit immerhin die moderne LTU-Arena halbwegs füllt, spielt die U-23-Mannschaft des VfB Stuttgart im bis vor kurzem noch „Daimler-Stadion“ genannten Riesenrund vor einer Mini-Kulisse, die bei den eigenen Heimspielen sogar Wacker Burghausen mühelos übertrifft. Überhaupt lauern die Reserveteams der ganz Großen überall: zwar nur drei – neben Stuttgart noch Werder und die Bayern – in der Dritten Liga, aber darunter in den Regionalligen ihrer gleich 22. Was nur, wenn die alle aufsteigen dürften oder wollten? Künstliche Sperren wurden vereinbart, mal sehen, wie lange sie halten. Vielleicht sollte sich stattdessen jeder Bundesligist einen Drittligisten als Partner und Ausbildungsverein halten?

 

Zuschauer in den Stadien und vor dem Fernseher

So geteilt wie das Zuschauerinteresse in den Stadien – von 19.000 in Düsseldorf bis 2.500 in Haching – ist auch der TV-Markt. Einerseits zeigen sich die regionalen Dritten Programme an Derbys wie Dresden gegen Aue oder Wuppertal gegen Düsseldorf interessiert, andererseits sind die Spiele vor allem Füllmaterial für den ersten Teil der ARD- „Sportschau“, wenn diese mit den Bundesliga-Zusammenfassungen noch zeitlichen Abstand zum Spielende wahren muss. Das Deutsche Sportfernsehen (DSF), das mit Anstand aus der zweiten Reihe von der Zweiten Liga berichtet, ist eher desinteressiert – zu sehr würde der Sender, der doch eine nationale Größe sein möchte, hinabgezogen ins Provinzielle. Mal sehen, zu welchen Summen die regionalen Dritten Programme so bei spannenden Entscheidungsspielen zu treiben sind? Bei Sportrechten zeigen von Gebühren finanzierte Sender in der Regel wenig Verhandlungshärte. Aber wirklich leben können die Vereine von derartigen TV-Geldern kaum. Die DFL spendet zwar neuerdings sogar an die „Deutsche Sporthilfe“, um deutsche Olympioniken zu fördern, aber von einer Umverteilung der Fußball-TV-Gelder nach unten bis in die Dritte Liga will sie natürlich nichts wissen. Bleiben regionale Sponsoren, Liebhaber oder einzelne Markenartikler, die in Lage, Tradition und Perspektive eines Drittligisten Potenzial erblicken. Ob das auf Dauer reicht? Für einen organischen Unterbau zu Liga 1 und 2 scheint das ein zu instabiles Fundament zu sein.

 

Talentschmiede und Auffangbecken für Oldies

Dafür können die Vereine der Dritten Liga eine andere schöne Doppelrolle erfüllen: Sie bieten einigen verdienten Veteranen des Fußballs noch einmal zwei, drei Jahre, in denen sie als Stabilisatoren einer jungen Abwehr oder als nicht mehr ganz so laufstarke, aber technisch versierte Spielmacher agieren können. Außerdem ist es für manche Scouts und Spione jetzt weniger beschwerlich. Um Talente zu entdecken, muss man etwas weniger über die Dörfer fahren und stattdessen etwas genauer die Spiele der Dritten Liga analysieren. Denn neben einem Stadion mit 10.000 Plätzen und Rasenheizung müssen die Vereine immerhin einen Trainer mit ordentlicher Lizenz vorweisen.

 

Ein etwas schiefes Konstrukt, aber ganz liebenswert

So richtig weiß die Dritte Liga noch nicht, was sie eigentlich ist und wo sie hin will. Sie ist halb glänzend, halb matt; halb professionell, halb provinziell; zu stark zum Sterben, zu schwach für eine kraftvolle Perspektive. Aber mögen wir nicht gerade diese – um Gottes willen: „Missgeburten“ darf man auf keinen Fall sagen – sagen wir: etwas weniger perfekten Menschen und Systeme, die mit schiefen Ohren auf Identitätssuche sind? Man könnte diese Dritte Liga laufend streicheln: halb aus Mitleid, halb zur Aufmunterung.

 

Ein Meilenstein?

Eins ist sie gewiss nicht: ein Meilenstein auf dem langen Weg zu einem stabilen Fußballsystem, das dann am Ende in der Lage ist, den europäischen Spitzen Paroli zu bieten. Nur auf den ersten Blick sieht es aus wie in England. Da müsste gerade die Abtrennung von der DFL vermieden werden. Die Dritte Liga wird auch nicht der Ort sein, an dem sich Vereine für ein schnelles, aber substanzielles Wachstum qualifizieren, wie dies gerade der VfL Wolfsburg oder Hoffenheim vorexerzieren wollen. Nein, dafür wird die Neuorganisation der Beziehungen von Kapital und Verein ein entscheidender Einschnitt werden.

Noch gibt es die „50 plus 1“-Regel, nach der die Vereine und nicht die Investoren die Mehrheit in lizenzierten Klubs haben müssen. Viele arbeiten hinter den Kulissen des organisierten Fußballs daran, dass diese Regel fällt. Dann erst wäre der Weg frei für „VW Wolfsburg“, „SAP Hoffenheim“ – oder wie es gerüchteweise auch heißt: „Red Bull Düsseldorf“. Dadurch erst, und nicht durch die Dritte Liga, würde eine wirklich neue Seite im Geschichtsbuch des deutschen bezahlten Fußballs aufgeschlagen.

Bernd Gäbler

 

Bernd Gäbler, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur und der Jury zum Fußballbuch des Jahres 2008, wurde 1953 in Velbert geboren. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Anschließend war er als Journalist tätig, zunächst für verschiedene Printmedien, später fürs Fernsehen (WDR, Hessischer Rundfunk, VOX, SAT.1). Von 1997 bis 2001 leitete er das Medienressort bei der Zeitung „Die Woche", danach war er bis 2005 Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl. Zur Zeit ist Bernd Gäbler Dozent für Journalistik in Bochum.