"Der erste Schritt" - ein authentischer

9. Januar 2014: Filmemacher Aljoscha Pause gewann für seine Dokus zur Homosexualität im Fußball den Grimme-Preis. Seine Gedanken zum Coming-Out von Thomas Hitzlsperger...

Akademie-Mitglied Aljoscha Pause feierte in den letzten Jahren große Erfolge mit seinen Filmen Tom meets Zizou und Trainer! . Doch schon vorher erregten seine sorgfältigen Werke große Aufmerksamkeit. In drei DSF-Dokumentationen (1 2 3) befasste er sich mit dem 'Tabuthema' Homosexualität und Fußball, wurde dafür sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Schon lange begleitet ihn also ein Thema, das heute durch das bemerkenswerte Coming-Out von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ganz oben in den Medien steht.

Hier seine Gedanken, die er auf Grund der Reaktionen heute noch einmal modifiziert und erweitert hat:

Zum Coming Out von Thomas Hitzlsperger

Verzeiht mir meine Naivität, ich sollte es besser wissen, aber ich bin ab und zu doch immer noch verblüfft, wieviel Negativität sich hier Bahn bricht. Es gibt Menschen, die suchen tendenziell eben immer das Haar in der Suppe.

Seit ich 2007 begann, mich mit dem Thema Homosexualität & Fußball journalistisch zu beschäftigen, hatte ich immer das diffuse, optimistische Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Coming Out kommen würde. Trotz aller Hysterie, mit der das Thema teilweise medial begleitet wurde, hatte ich immer den Eindruck, dass sich dort ein zartes Pflänzchen entwickelt und dass der immer offenere und differenziertere öffentliche Diskurs der Sache gut tut. Doch je mehr Zeit ins Land ging, desto deutlicher wurde mir auch, wieviel Mut wohl dazu gehören würde, „der Erste“ zu sein und so einen großen Schritt tatsächlich zu gehen, wie anmaßend meine eigenen Spekulationen zu einem vermeintlich idealen Hergang waren und wie individuell und privat ein solches Bekenntnis letztlich ist.

Ich hatte gemutmaßt, dass es realistischer wäre, wenn sich eine ganze Gruppe von Spielern outet, womöglich eine Gruppe von Ex-Spielern. Dass Thomas Hitzlsperger das Ding nun alleine durchzieht, ist für mich so spektakulär und beherzt wie es sein Schuss, seine Tore waren. Es zeugt nicht nur von Reife und wachem Verstand, sondern eben auch von seinem Kämpferherz.

Es fühlen sich nun viele zum Kommentar berufen. Das war absehbar. Doch dass Hitzlsperger nun vorgeworfen wird, er hätte „erst abkassiert und feist vom homophoben System profitiert“ oder er hätte „sich vorher nicht getraut“, sei ja „nur“ ein Ex-Spieler, hätte ich nicht erwartet.

Ich glaube, dass man für derartige Auslegungen sehr viel negative Energie besitzen muss. Ist es nicht einfach nur menschlich nachvollziehbar und völlig legitim und vor allem Hitzlspergers ureigenstes Recht, welchen Zeitpunkt er gewählt hat? Hat er den nicht sogar besonders klug gewählt, angesichts der Unwägbarkeiten, die den „Ersten“ als Aktiven im Bundesliga-Betrieb erwartet hätten? Angesichts der nahenden Winterspiele in Sotschi?

Es hat schließlich schon genügend Spieler vor Hitzlsperger gegeben (nämlich alle), die sich nach dem Karriereende NICHT geoutet haben. Weil sie nicht lebenslänglich als der „erste schwule Fußballer“ apostrophiert, sondern einfach als mehr oder weniger renommierter Ex-Profi (im Übrigen mit allen weiteren Zukunfts-Optionen in der Branche) in Erinnerung bleiben wollten.

Hitzlsperger handelt aus meiner Sicht in hohem Maße selbstlos. Und er hat auch in der Vergangenheit stets das Gegenteil des Branchen immanenten Geltungsdranges verkörpert. Wenn er sagt, er wolle „die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen“, dann  nehme ich ihm das ab. Erst vor 4 Monaten, bei seinem Rücktritt als Profi, sagte er: „Im Fußball gibt es genügend Menschen, die selbst ihr größter Fan sind. Ich bin kein überzeugter Selbstbewunderer.“ Hitzlsperger ist authentisch, nur so war dieser Schritt möglich.

Und es ist der erste Schritt. Es geht doch letztlich um Normalität und die kann nur mit der Zeit und sukzessive entstehen. Und irgendwann folgt dann der erste Aktive. Auch wenn ich das gar nicht so wichtig finde, wie die skeptischen Kommentatoren. Wichtig ist, dass sich die Stimmung im Fußball wandelt und dazu hat Thomas Hitzlsperger einen historischen Beitrag geleistet.

Bedenkt man die Strahlkraft des Fußballs in die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft hinein, wird noch deutlicher, wie wertvoll dieses Coming Out ist. Natürlich zeigt allein die Tatsache, dass dies im Jahr 2014 überhaupt noch so ein gewaltiger Schritt ist, dass etwas in unserer Gesellschaft nicht stimmt. Und unterschwellige, teils auch offenkundige Homophobie wird es weiterhin geben. So wie es trotz der Erfolge im Kampf gegen Rassismus im Fußball in den 90er und 00er – Jahren leider immer noch Probleme mit Neonazis gibt. Aber entscheidend ist doch, dass Diskriminierung jedweder Art nicht als salonfähig geduldet wird.

Ich finde die destruktive Tendenz, mit der ein paar Spitzfindige Hitzlspergers Tat in Misskredit bringen wollen, auch nicht viel weniger verwerflich als Diskriminierung an sich. Geht es nicht um Toleranz? Um Respekt? Überprüft das doch mal.

Es ist alles andere als selbstverständlich, sich auf eine solche Art „zur Verfügung“ zu stellen. Das hat auch etwas mit gesellschaftlicher Verantwortung, mit Zivilcourage zu tun. Und das ist hier wirklich keine Phrase. Nicht umsonst wurde „Hitz“ 2011 der Julius-Hirsch-Preis des DFB für sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus verliehen. Als er selber noch nicht „so weit“ war, hat er sich mit anderen Ausgegrenzten solidarisiert. Sein Handeln ist weder eitel, noch gedankenlos. Es ist im besten Sinne beseelt von der Hoffnung auf Veränderung. Und darauf, dass andere, die sich noch nicht stark genug fühlen, eines Tages nicht mehr im Versteckspiel  leiden müssen.

Soweit von mir - herzlich Aljoscha