Das Königsspiel zum Fest – Warum ein gutes Fußballbuch unbedingt unter den Christbaum gehört!

Seit 2006 vergibt die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur alljährlich den Preis für das beste Fußballbuch des Jahres. Seit Beginn war Christof Siemes daran meist maßgeblich beteiligt, als Chef der entscheidenden Buch-Jury. Er meint: Nein, Fußball zum Fest ist kein rohes Spiel - im Gegenteil.

von Christof Siemes

 

Eigentlich, sollte man meinen, ist über Fußball alles geschrieben, und fast auch schon von jedem. Bis zum Anfang der 1990er Jahre waren Fußballbücher – ich rede jetzt von richtigen BÜCHERN, nicht von WM-Bildbänden und von Geisterhand geschriebenen Kaiser-Autobiographien – bis vor knapp zwei Jahrzehnten also war das intelligente Schreiben über Fußball etwa so weit verbreitet wie der Jangste-Delfin (von dem es noch geschätzte 24 Exemplare gibt). Dann, 1992, kam Nick Hornbys „Fever Pitch“, die Bekenntnisse eines Arsenal-Fans, und plötzlich war der Proletensport endgültig literatursalonfähig. Und anders als auffem Platz, wo das Zerren am Trikot in Mode kam, war beim Beschreiben, Bedichten, Bekennen kein Halten mehr. Seither hat jeder Dorfverein seinen Chronisten gefunden, viel Licht ist gekommen in die braune Vergangenheit des Sports, und inzwischen gibt es sogar ein Standardwerk über den holländischen Fußball – auf Deutsch!

 

Die ,poetische Spieler-Biographie’ am Ende der Fußballgeschichte?

Hat das Fußballbuch damit jenen Zustand von Überreiztheit und Dekadenz erreicht, an dem das römische Reich zugrunde gegangen ist? Es gibt Menschen, die genau das befürchten, Menschen, die selbst begnadet über Fußball schreiben können. Und in der Tat: Inzwischen gibt es sogar Kochbücher mit Fußballanekdoten und von Randfiguren wie Stephane Chapuisat (tschuldigung, liebe Eidgenossen!) eine „poetische Biographie“ – kann man da überhaupt noch über Fußball schreiben?

 

Neue Märchen, klassische Dramen – und viele alte Rätsel

Man kann. Und das sage ich jetzt nicht als parteiischer Vorsitzender der Jury, die über den Preis für das Fußballbuch des Jahres zu entscheiden hat. Ich will hier nicht diesen ehrenvollen Posten wider besseres Wissen verteidigen, sondern zu erklären versuchen, warum das Fußballbuch Zukunft hat. Zunächst mal deshalb, weil der Fußball selbst eine Zukunft hat, jedenfalls hoffe ich das. Jede Veränderung, sei es zum Guten oder zum Bösen, wird Geschichten hervorbringen, die erzählenswert sind, weit über den Sportteil der Zeitungen hinaus. So ist zum Beispiel Declan Hills „Sichere Siege“ sicher nur der Anfang der Berichterstattung über Wettmanipulationen im Fußball. Und ist nicht der Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim schon jetzt ein Roman? Trotz vieler kluger Analysen sind zentrale Fragen des Spiels (und der Fans ans Spiel) immer noch nicht hinreichend beantwortet: Was genau passiert, wenn auf den Triumph sogleich der Absturz folgt (ich sage nur rein zufällig: Nürnberg!)? Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Trainer, einen erfolgreichen von einem loser? Und dass der Fußball zwar nicht jedes Jahr einen Maradona hervorbringt, aber doch genug Typen, deren Schicksal mindestens so interessant, exemplarisch, verrückt und aufschreibenswert ist wie das von Dieter Bohlen, versteht sich eh von selbst. Und hier rede ich dann doch in eigener Sache, weil ich mich mit dem Gedanken trage, genau so ein Buch selbst zu schreiben, und dafür wäre mir die Zeit zu schade, wenn ich nicht an meinen Gegenstand glauben würde – und daran, dass es für ihn ein Publikum nicht nur im Stadion, sondern auch unter der Leselampe gibt.

 

Zidane: Elefant mit dem Gehirn einer Tänzerin

An Stoff also wird kein Mangel sein. Wenn dann auch die marktverstopfende Trittbrettfahrerei aufhört und die Nachahmungstäter müde werden (machst du ein WM-Buch, mach ich zwei), werden wir ein wunderbar übersichtliches Spielfeld mit ausreichend Platz für Arbeitssiege wie für Kabinettstückchen haben. Der Preis für das Fußballbuch des Jahres hat ja in den vergangenen drei Jahren versucht, als eine Art Schiedsrichter auf diesem Platz zu agieren und wenn schon keine direkten Spielregeln (gute Bücher leben eh von der Regelübertretung), so dann doch ein paar Qualitätsmaßstäbe zu setzen. Dass der Preis auch von jenen gelobt wird, die ihn knapp verfehlt haben, spricht für seine Größe (und die der knapp Geschlagenen). Mag sein, dass sich bislang die belletristischen Titel allzu schwer taten gegen die Übermacht der Sachbücher und Reportagebände. Aber aus einem Spiel, das selbst schon Kunst ist, ein Kunstwerk zu machen, ist eben schwieriger, als es nur zu beschreiben. Allerdings hatten auch die nominierten und preisgekrönten nichtfiktionalen Titel durchaus poetische Qualitäten: „Zinédine Zidane ist ein Elefant mit dem Gehirn einer Tänzerin“, heißt es in Jorge Valdanos „Über Fußball“, oder: „Matthäus betritt das Spielfeld wie der Filmbösewicht den Saloon: Der Geist des Heizers und der Überblick des Architekten in einem einzigen Spieler.“

 

Wozu der Herr die Welt erschaffen hat

Und in seiner „Deutschlandreise im Strafraum“ schreibt Péter Esterházy: „Wenn wir nämlich vom Spielfeld abgehen, wissen wir, wozu wir auf Erden sind, wozu der Herr die Welt erschaffen hat. Oder einfach, was an dem Ganzen gut ist.“

Drunter macht es das gute Fußballbuch nicht. Und das ist gut so. Es erzählt uns, wie man durch das Spiel, das uns am meisten am Herzen liegt, die Welt begreifen kann. Es macht uns von Fans zu Verständigen. Und kostet in der Regel viel weniger als eine Eintrittskarte zu einem Bundesliga-Durchschnittskick!

Ich werde jetzt einen Teufel tun und meine Präsidenten-Überparteilichkeit aufs Spiel setzen, indem ich hier einzelne Titel als Weihnachtsgeschenke empfehle. Der Star ist auch hier die Mannschaft, von unserer short list 2008 macht sich jede Empfehlung gut unterm Baum. Und die Titel aus den Jahren zuvor sollten auch noch lieferbar sein. Die frohe Botschaft lautet vielmehr: Nach dem Fußballbuch ist vor dem Fußballbuch.