"Das ist ein Klasse-Typ da oben"

Jana Wiske ist die Expertin für Frauenfußball beim kicker-sportmagazin. Sie hat sich bei deutschen Spielerinnen umgehört , was sich in den letzten Jahren im Frauenfußball bewegt hat und wie die Entwicklung wohl weitergeht.

von Jana Wiske 

Es herrschte gähnende Leere im Moskauer Luschniki-Stadion. Gerade mal 200 Zuschauer interessierten sich für das entscheidende WM-Qualifikationsspiel zwischen Russland und Deutschland. Der Gewinner sollte zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2007 nach China fahren. An diesem frischen Herbsttag Ende September 2006 saß ein Mann mit weiß-grauem Haar und Brille in feinem Zwirn auf der Haupttribüne. Er muss die Bilder von restlos ausverkauften Stadien, vom kollektiven Jubel eines ganzen Volkes und umlagerten Fußball-Helden bei der WM 2006 in Deutschland noch im Hinterkopf gehabt haben. Er war drei Monate zuvor so hautnah dran wie kaum ein Anderer. So ehrt es Dr. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, dass er dennoch in die russische Hauptstadt kam, um sich das Kontrastprogramm in der wenig einladenden Ferne anzuschauen und das deutsche Frauen-Nationalteam bei so einem wichtigen Spiel zu unterstützen. Die Truppe von Bundestrainerin Silvia Neid gewann am Ende 3:2, das Ticket für China war gelöst.

 

"Wir haben mit ihm wirklich einen richtigen Ansprechpartner, der uns sehr ernst nimmt und der uns ehrlich fördert - er hat wirklich Interesse am Frauenfußball", schwärmt nicht nur Birgit Prinz von Zwanziger. Die Spielführerin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft weiß, wovon sie spricht. 1994 stand die heute 29-Jährige zum ersten Mal im DFB-Dress auf dem Platz. Damals steckte der Frauenfußball in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Erst vier Jahre zuvor fiel der Startschuss für die zweigleisige Frauen-Bundesliga. Damals war Hermann Neuberger noch im Amt, 1992 trat Egidius Braun dessen Nachfolge als DFB-Präsident an. Undenkbar wäre damals gewesen, was Zwanziger noch in Moskau bekannt gab: Das deutsche Frauen-Team erhielt 200 000 Euro für die erfolgreiche WM-Qualifikation. "Den Betrag zahlen wir gerne, weil das Team positiv für das Image des Deutschen Fußball-Bundes ist, es ist zu einem Aushängeschild des Verbandes geworden", begründete der oberste Mann im deutschen Fußball diese finanzielle Zuwendung, und fügte hinzu: "Die Prämie ist auch eine Anerkennung für die großartigen Leistungen der vergangenen Jahre, die die Mannschaft jetzt wieder bestätigt hat."

 

Zwanziger hat es sich auf die Fahne geschrieben, den Frauenfußball in Deutschland weiter zu fördern. Und er tut recht so, denn die steigende Mitgliederzahl beim Deutschen Fußball-Bund liegt vor allem an den kickenden Mädchen und Frauen. Derzeit sind im DFB 955 188 weibliche Mitglieder registriert. Über 50 000 von insgesamt 138 930 Neuanmeldungen 2007 fielen in den Mädchen- und Frauenfußballbereich. "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich", prophezeite schon FIFA-Präsident Sepp Blatter vor gar nicht allzu langer Zeit. Wer auf die DFB-Mitgliederzahlen schaut, fühlt sich bestätigt. Kein Wunder also, dass sich der größte deutsche Sportverband auch um die Ausrichtung der Frauenfußball-WM 2011 bemüht. "Wiedersehen bei Freunden" heißt die Bewerbungskampagne, die auf eine WM abzielt, die nahtlos an das überwältigende Mega-Ereignis 2006 auf deutschem Boden im Männerbereich anknüpfen soll. Am 30. Oktober 2007 entscheidet das FIFA-Exekutivkomitee über die WM-Vergabe. Neben Deutschland haben sich auch Australien und Peru um die Ausrichtung beworben.

 

Dass der Frauenfußball auch international immer mehr gewürdigt wird, zeigt die Tatsache, dass bei der WM in China erstmals Preisgelder von der FIFA ausgeschüttet werden. Der neue Weltmeister bekommt 800 000 Euro überwiesen. Der Finalist erhält 640 000 Euro. Platz drei wird mit 520 000 Euro, der vierte Rang mit 440 000 vergütet. Die Viertelfinalisten verdienen immerhin noch 280 000 Euro pro Team. Auch der DFB wird sich wieder nicht lumpen lassen, und eine entsprechende Erfolgsprämie mit den Spielerinnen aushandeln. Beim EM-Titel gab es 2005 pro Fußballerin 15 000 Euro.

 

Für den EM-Triumph 1989 gab es als Prämie ein Kaffeeservice vom DFB

Von solchen Summen konnte Doris Fitschen zu ihrer aktiven Zeit nur träumen. Die 144-malige Nationalspielerin, die nach der EM 2001 ihre internationale Karriere beendete, bekam nach dem ersten EM-Triumph für Deutschland 1989 ein Kaffeeservice vom DFB geschenkt.

"Ich nutze das heute noch, aber irgendein Teller oder irgendeine Tasse schmückt immer diverse Ausstellungen zum Thema Frauenfußball", so Fitschen. Die 38-Jährige beschreibt die damalige EM im eigenen Land als Wendepunkt: "Ich habe bis dahin immer nur vor 50 Zuschauern gespielt, bei der EM ging's vor 22 000 Fans in einem brechend vollen Stadion. Das war von jetzt auf gleich eine ganz andere Welt. Das war ein ganz wichtiges Ereignis für den Frauenfußball in Deutschland." Mit dem 4:1-Endspielsieg gegen Norwegen in Osnabrück präsentierten sich die deutschen Fußballerinnen erstmals einer breiteren Öffentlichkeit. Und das sollte sich so fortführen.

Notiz von den weiblichen Kickerinnen nahm man in der Regel nur, wenn mit der Nationalmannschaft Erfolge eingefahren wurden. Höhepunkt war dabei zweifellos der WM-Triumph von 2003 in den USA. "Da war die Euphorie wahnsinnig", sagt Weltmeisterin Silke Rottenberg. Die Torfrau vom 1.FFC Frankfurt hatte gehofft, dass sich dadurch ein größerer Schub für die Liga ergibt. "Die anfangs immens steigenden Zuschauerzahlen sind leider wieder merklich zurückgegangen." Die 35-Jährige warnt davor, dass sich ein schlechtes Abschneiden bei der WM in China negativ auf den gesamten deutschen Frauenfußball auswirken könnte. "Der deutsche Fußball ist sehr verwöhnt, gerade was den Männerbereich angeht. Da müssen wir Frauen versuchen, immer mit einer guten Leistung nachzuziehen", so Rottenberg.

 

Erst 1970 wurde der Frauenfußball vom DFB offiziell zugelassen. 1982 bestritt die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ihr erstes Länderspiel vor 5000 Zuschauern in Koblenz gegen die Schweiz. Seit 1993 gilt auch bei den Frauen die Spielzeit von zweimal 45 Minuten - früher waren es insgesamt zehn Minuten weniger gewesen. Erst langsam musste sich der Sport etablieren. "Die Akzeptanz war insbesondere bei meinen Eltern überhaupt nicht da, das war ein Sport für Jungs und Männer", weiß Fitschen noch heute. Sie konnte ihre Eltern überreden. Auch Kicker-Kollegin Steffi Jones, die bereits 1975 mit dem Fußballspielen begann, kann Ähnliches berichten: "Es gab ungläubige Familienangehörige, die haben gesagt: Was, die Steffi spielt Fußball?" Jones begann ihre Fußballkarriere bei den Jungs. "Mir war lange nicht bewusst, dass es Mädchenfußball überhaupt gibt." Auch die 34-Jährige sieht im Gewinn des EM-Titels 1989 einen Meilenstein für den deutschen Frauenfußball. Ein wenig Geld gab es für die Abwehrspezialistin erst Mitte der 90er Jahre zu verdienen. Dies schreibt sie auch ihrem Manager Siegfried Dietrich zu, der neben ihr auch Silke Rottenberg und Birgit Prinz unter Vertrag hat und gleichzeitig Manager des Frauenfußball-Vorzeigeklubs 1.FFC Frankfurt ist. "Bei dem einen oder anderen Wechsel spielt das Geld in der Bundesliga heute schon eine größere Rolle", weiß Jones. Aber auch der sportliche Anspruch bleibt für viele deutsche Fußballerinnen wichtig. So gibt es mit dem UEFA-Cup der Frauen, der 2001 ins Leben gerufen wurde, eine neue Herausforderung auf europäischer Ebene.

 

Eine neue Epoche des Frauenfußballs wird eingeläutet

Mit den internationalen Triumphen von Frankfurt (UEFA-Cup-Sieger 2002 und 2006) oder Turbine Potsdam (UEFA-Cup-Sieger 2005) sowie insbesondere den Erfolgen der Nationalmannschaft hat das Interesse der Medien und damit auch der Öffentlichkeit im Laufe der letzten Jahre stetig zugenommen. So werden große Turniere heute regelmäßig von einem guten Dutzend Journalisten vor Ort betreut. Die Frauen-Bundesliga wird redaktionell sogar im Fußball-Fachmagazin kicker Woche für Woche wiedergegeben. Ein Erfolg für den Titelverteidiger Deutschland bei der WM in China könnte noch einmal für einen kräftigen Schub sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Medien sorgen - zumal die Unterstützung beim DFB derzeit besonders intensiv ist.

 

Eine neue Epoche für den deutschen Frauenfußball läutete seit gut einem Jahr DFB-Präsident Zwanziger ein. "Der ist der Hammer hoch zehn", sagt Jones. Er hat ein offenes Ohr für die Fußballerinnen, unterstützt sie, wo es nur geht. So konnte Bundestrainerin Silvia Neid beispielsweise endlich ihren lange angeforderten festen Torwarttrainer installieren, arbeitet zudem ausgiebig mit einem Sportwissenschaftler von der Sporthochschule Köln zusammen. Zudem bekam jeder Frauen-Bundesligist für mindestens ein Jahr kostenlos einen Marketingspezialisten an die Seite gestellt. Damit soll die Professionalisierung der Liga vorangetrieben werden. Es bleibt fraglich, ob diese ganzen Maßnahmen ohne Zwanziger möglich gewesen wären. Auch Fitschen hat nur lobende Worte für ihren Chef: "Dass er den Frauenfußball unterstützt und als Fan beispielsweise auch oft Spiele der Frauen-Bundesliga besucht, wertet den Frauenfußball ungemein auf. Die Medienpräsenz steigt und man spürt es bis zu den DFB-Mitarbeitern, dass der Frauenfußball dadurch einen ganz anderen Stellenwert erhält." Und Conny Pohlers, Bundesliga-Torschützenkönigin in der Saison 2005/06, fügt an: "Das ist ein Klasse-Typ da oben. Er begleitet uns auch zu Spielen, bei denen man es nicht unbedingt erwarten konnte." Nach Moskau zum Beispiel.

 

JANA WISKE

Jana Wiske (32) ist Diplom-Kauffrau und seit 2001 Redakteurin beim
kicker-sportmagazin. Dort ist sie unter anderem für Frauenfußball zuständig. Jana Wiske wird bei der WM 2007 in China vor Ort sein.

 

Lesen Sie dazu auch den Beitrag von Prof. Dr. Claudia Kugelman und Yvonne Weigelt-Schlesinger:  Talentförderung für Spielerinnen im Deutschen Fußball Bund

(Ursprünglich: Thema des Monats im September 2007)