Bundesliga-Tipp Spieltag 29: Schnauze voll: "Nie mehr e r s t e Liga!"

In der Liga beginnt man sich allmählich Sorgen zu machen über das eklatante Leistungsgefälle, in Fürth singen die Fans schon mal "Nie mehr erste Liga!", und nur der Liga-Sorgenonkel No. 1 wiegelt vollegoistisch ab. Unseren Tipp dagegen dominiert weiter Dieter H. Jütting.

Akademie Bundesliga-Tipp 2012/2013: Der Stand nach Spieltag 29

Liebe Tipperinnen und Tipper,

was soll man zu diesen Spanier-Herausforderern aus Dortmund und München sagen? Seit die Saison in ihre heiße europäische Phase eingetreten ist, spielen sie die nationale Konkurrenz her, wie sie’s brauchen. 9:2, 4:0, 6:1 und gestern das nächste 6:1, egal ob Liga oder Pokal, ob Abstiegskandidaten oder die Vertreter aus der großen grauen Masse der Liga. Durch die Fürther Partymeile in der Gustavstraße hallte am Samstag nach dem Debakel schon mal die Losung: „Nie mehr erste Liga, nie mehr, nie mehr!“

Nie mehr erste Liga, neben einer Portion Resthumor ist das vor allem ein klarer Fall von: Schnauze voll!, erst mal. Und obwohl die Fürther Extremerfahrung nur bedingt verallgemeinerbar sein dürfte, beginnt sich selbst Liga-Mastermind Uli Hoeneß allmählich Sorgen zu machen. Dem kicker sagte er: „Es gibt ein großes Leistungsgefälle in der Liga, das kann uns nicht recht sein. Wir müssen analysieren, warum das so ist.“ Wäre ja auch blöd, wenn so eine Masochismusverweigerung der Marke ‚Schnauze voll‘ Schule machen würde. Wen sollten die beiden Überflieger dann noch Woche für Woche rasieren? – ohne Gegner: Hat der Fußball fertig.

Keine Sorgen macht sich bei dieser Gemengelage nur FC Bayerns Kummer- und Sorgenonkel No. 1, Matthias Sammer. Man versteht ja kaum, was dieser Sammer dort in München eigentlich produziert, außer Kummerfalten und Sorgengerede. Was man sieht, schaut jedenfalls ziemlich ungesund aus; und Outfit-mäßig, au Backe, gibt’s das überhaupt? (kleiner Exkurs: Sie selbst ziehen das Jackett auch nur an, wenn’s gar nicht anders geht? und müssen bei ‚Prêt-à-porter‘ erst im Lexikon nachschauen? … hab’s deshalb sicherheitshalber gleich mal hier reinkopiert, und riskier jetzt trotzdem mal die Lippe: Einer, der öfter als George Clooney im Fernsehen ist, sollte doch mal schauen; muss ja nicht gleich, sagen wir mal, für einen saloppen Al Pacino-Look reichen; aber Otto Rehhagel, oder Thomas Schaaf,  d a s  könnten doch zumindest Maßstäbe sein, und am besten gleich im Trainingsanzug. Aber bitte doch nicht so wie Sammer, was immer das kleidungstechnisch eigentlich sein soll.).  
Sammer jedenfalls, gestern bei der ARD-Pokalnacht: die Liga-Schieflage, das sei nun aber das Letzte, was ihm Sorgen mache; nein, da sei er Egoist und hoffe lieber auf 15 Jahre allesübermannende und titelsatte Bayernherrschaft (die er im eigenen Interesse bestimmt auch bitter nötig hat, bevor in der nächsten Krise beim FCB noch einer auf die Idee kommt zu fragen: Was dieser Sammer eigentlich macht? und überhaupt, wie der immer rumläuft!).

Ausgerechnet der Sorgen-Sammer lässt uns in dieser brenzligen Lage also im Stich. Nun könnten wir uns auf Hoeneßsche Tatkraft und Hoeneßschen Altruismus verlassen: den es nachweislich gab und gibt, wie bei etlichen Supports schwächelnder Vereine ebenso unter Beweis gestellt wie im Solidarmodell der zentralen Vermarktung der Bundesliga-TV-Rechte – der an manchen Stellen aber auch zu wünschen übrig lässt, z.B. bei der miesen finanziellen Ausstattung einer Teilnahme an der Europa League im Vergleich zur Champions League. Noch etwas beruhigender wird das Ganze allerdings, wenn man die These von den drohenden „Spanischen Verhältnissen“ (sprich: ewige und himmelhohe Dominanz zweier Vereine) ein bisschen relativiert. Denn: Was heißt im Fußball schon ewig? Im Grunde funktioniert er doch eher wie Kapitel der Menschheitsgeschichte im Schnelldurchlauf, mit ca. 32-facher Vorspulgeschwindigkeit.

Beispiel England: Vor einigen Jahren noch drei Teilnehmer in den Halbfinals der Champions League, diesmal keiner – und mit Chelsea auch nur einer in den Halbfinals der Europa League. Diagnose? Oliver Fritsch (aktuell Tipp-Platz 69) auf Zeit online: „In einigen Vereinen Englands sind die finanziellen Ressourcen größer als die taktischen.“ Sprich, Geld schießt nur dann Tore, wenn das Gesamtpaket stimmt. Die Premier League ist wegen der horrenden TV-Gelder deutlich reicher als die Bundesliga, aber das allein reicht eben nicht. Wenn die Spieler satt und überbezahlt sind, die Trainer mittelmäßig und vielleicht ein Sorgen-Sammer fehlt. Dann kann es schnell dekadent werden, und der Untergang Roms nur ein paar Jahre dauern.

Beispiel Dortmund: Erst eine ‚Olympiade‘, also vier Jahre ist es her: da beendete der BVB unter seinem neuen Trainer Jürgen Klopp die Saison 2008/2009 auf Platz sechs, nicht nur hinter Überraschungsmeister Wolfsburg und dem Vize FCB, sondern auch hinter Stuttgart, Hertha (!) und dem HSV. Und im Jahr drauf? Auch nur Fünfter, u.a. hinter Werder (!) auf Platz drei. Bis dann zwei Meistertitel am Stück folgten usw. Sprich, mit den richtigen Leuten und dem nötigen Glück kann was gehen, und kommt sogar das große Geld dazu: der BVB, 2005 noch ganz knapp vor der Pleite, setzt bereits ca. 250 Mio. Euro um, nur der FCB mit 400 Mio. ist weiter voraus – und alles nur binnen einiger Jahre.

Beispiel FC Bayern: Routiniert und relativ zynisch bis wenig berauschend gewannen sie mindestens jedes zweite Jahr die Meisterschaft, bis ihnen zuletzt der BVB kräftig in die Parade fuhr. Dieser Stachel hat gesessen, und doch hat es gut zwei Jahre gedauert, bis aus einem an Stinkstiefeln, Egobazillen und Diven reichen Ensemble das wurde, was Jupp Heynckes heute rühmt: „eine prima Clique“. Der Anteil des BVB am Aufschwung des FCB ist so gesehen weniger ein spieltaktisches Vorbild (siehe auch ‚Kopie‘-Debatte nach dem 1:0 der Bayern im Pokalviertelfinale), vielmehr war es die Bereitstellung eines mentalen Musters und Widerparts. Genau diese Liga-Konstellation auf Augenhöhe hat beide Klubs erst dort hingejazzt, wo sie heute sind – nur einen Schritt vom Finale der Champions League.

Das heute noch graue Mittelmaß sollte also nicht so viel jammern über die vermeintliche Uneinholbarkeit der beiden Big Player. Sondern lieber Herz und Beine in die Hand nehmen, so wie es heuer etwa der SC Freiburg vorgemacht hat. Dass es aber auch bei den Großen nicht ewig so weitergeht, lehrt nicht nur das alte Rom, sondern auch die Küchenpsychologie der Liga. Mittipper Oliver Fritsch noch einmal, die Aussicht auf eine fortdauernde Langeweile in der Liga souverän abwehrend: „Es ist offen, wie lange sich die vielen Bayern-Stars auf und neben dem Platz dauerhaft einem einzigen Ziel unterordnen werden.“ Und natürlich die vielen neuen Stars des BVB nicht zu vergessen. Fragt sich nur noch, wie da die Rückkehr von Peter Neururer auf die Trainerbank ins Bild passt, samt Renaissance des klassischen Feuerwehrmanns? Mit der Rücklauftaste ginge es, 32-fach. Womöglich aber auch nur im vor-postmodernen Bochum.


Beim Tippspiel dagegen wurde diesmal kaum gespult. Nur 11 Punkte waren insgesamt neu zu vergeben, mit den größten Ausschlägen bei Mainz (minus 3 Plätze) und Freiburg (plus 2). Zwar gab es vier Newcomer unter den zehn Besten (genau genommen sind’s 14), es führt aber weiterhin unangefochten Dieter H. Jütting, mit jetzt drei Zählern vor dem neuen Vize Knut Reinhardt. Auf Platz drei und nur einen Punkt dahinter drängeln sich gleichauf Alexander Sobotta, Andrea Gaßner, Budde Thiem und Christoph Zitzmann, es folgen in den Top-Ten Rainer Bode, Peter Hautmann, Charly Hörl, Hartmut Lehfeld, Klaus Farschon, Ludger Schulze, Manfred Ruschek und Markus Pohler.

 Die aktuelle Tabelle nach dem 29. Spieltag

Soviel für heute, wir melden uns dann nach dem 31. Spieltag Ende April, Anfang Mai zurück.
Mit sportlichen Grüßen aus der Noris!
Ihr

tippwart joschko