Bundesliga-Tipp Spieltag 28: Bayern verfehlt Ewigkeitsrekord um Längen

In all den Jubelarien um die Märzmeisterschaft des FC Bayern wurde völlig übersehen, dass der Rekordmeister einen Rekord für die Ewigkeit in Wahrheit meilenweit verfehlt hat. Dafür nämlich hätte er schon am 21. Spieltag den Sack zumachen müssen. Zugebenermaßen hat sich diesmal aber auch die sogenannte Konkurrenz nicht wirklich rekordkollegial verhalten. Sondern noch immer viel zu viel selber gepunktet. Hier steht, wie’s künftig besser werden kann – und dass unser Altmeister Dieter Gaßner die Tipptabellenführung neuerdings wieder an sich gerissen hat!

Akademie Bundesliga-Tipp 2013/2014: Der Stand nach Spieltag 28

Rundschreiben zum Bundesliga-Tippspiel
der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur

Liebe Tipperinnen und Tipper,

wir kennen das in 1000 + 1 Varianten, die Quellen reichen in die Ur- und Frühgeschichte zurück: Geld regiert die Welt, erst das Fressen, dann die Moral, economy first, oder die relativ junge Klage über eine galoppierende Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse. Okay, aber doch nicht im Fußball. Na gut, nicht ganz jedenfalls.

Vielleicht aber doch. Gestern etwa der Leitartikel im Wirtschaftsteil der Süddeutschen. Die Rede ist vom Exodus der gut ausgebildeten Jugend, der Eliten und der noch halbwegs aussichtsreichen Unternehmen aus den Euro-Ländern Griechenland und Portugal. Tendenz: „Portugal stirbt aus.“ Zeitgleich feiern EU-Strategen die nahezu vollendete Sanierung eben dieser Krisenländer. Und liest man dann ein bisschen weiter, könnte der geneigte Sportsfreund möglicherweise gar ein Orakel der real existierenden Bundesliga erkennen: „Die Kluft zwischen Ländern, die als gut geführt gelten wie Deutschland, und denen, die als kaum wettbewerbsfähig betrachtet werden, verbreitert sich von Tag zu Tag. Deutschland profitiert von der Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, in den Auswanderungsländern verschwindet mit den Jungen die Zukunft.“

In der Bundesliga ist im Grunde nur Nord und Süd vertauscht, hier prosperiert der sogenannte Stern des Südens, seine Fußballmigranten kommen aus Spanien, Brasilien und der ganzen Welt. Und gerne auch vom letzten heimischen Konkurrenten, oder besser gesagt vom vormals letzten: aus Dortmund. Das verbreitert die Kluft am Ende so, dass der FC Bayern heuer die erste Märzmeisterschaft der Geschichte bejubeln darf, zum 27. Spieltag, Glückwunsch!, und noch mal einen früher als 2013.
Schön und sportlich und unbedenklich und wirtschaftlich gerecht finden das Leute wie Matthias Sammer, einer, der selbst mal runtermigriert kam. Und Leuten wie dem DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig fällt dazu bislang auch nicht viel ein, nur ein bissl seichtes Kabarett wie zuletzt im ZDF-Sportstudio. Der bekanntlich über die Maßen humorbegabte Matthias Sammer fand das ganz besonders lustig. Und fast hatte man den Eindruck, er sei auch ein wenig erleichtert gewesen: Dass es diesmal nur bei Späßchen blieb.

Es wird jetzt aber mal Zeit, dass Schluss mit lustig ist. Und dass es anfängt, ein bisschen weh zu tun. Umsturz, Revolution, Sozialismus, Gleichmacherei? Genau. Und zwar in etwa so, wie es die Avantgarde im einzig wahren Sportkapitalismus vormacht: in den nordamerikanischen Profisportligen – vom Basketball und Baseball bis zum Eishockey und Fußball, mit ihrem Rekrutierungssystem für die vielversprechendsten Nachwuchsspieler (Entry Draft). Simpel gesagt bekommen dabei die schlechtesten Teams am Ende der Saison vorzugsweise die besten Talente. Und damit die Chance, die Kluft zwischen Oben und Unten auf Sicht auch wieder zu schließen. Dass in den USA derzeit in der NBA ein kurioser Wettbewerb um die Rote Laterne läuft – im Kampf um die allerbesten Chancen bei der Verlosung um die Zukunft –, das ist nur ein kleiner Konstruktionsfehler im System. Und sollte mit deutschem Patent-Know-how von der DFL locker auszubügeln sein. Auf dass in irgendeiner Zukunft all die Lahms, Götzes, Lewandowskis, Schweinsteigers, Müllers und Neuers nicht immer nur auf einem Haufen, sondern endlich auch mal wieder gegeneinander spielen dürfen.

Bis es soweit ist, müssen wir uns über ein paar Kleinigkeiten freuen, solche, die der Normalität hier und da noch eine Nase drehen. Wenn es zum Beispiel seit Sonntag in Bundesland Bayern das erste Mal überhaupt zwei Landräte aus Reihen der Grünen gibt, und einen davon sogar mittendrin im Hoeneß-Country Miesbach, ganz nah am Tegernsee. Oder wenn der FC Bayern, schwer im Schongang, B-besetzt und noch leicht angeschickert von der Meistersause, nach 19 Ligasiegen am Stück (neunzehn) mal wieder ein 3:3 zulässt.

Oder wir nehmen das real Absurde, so wie’s nun einmal ist, und treiben’s nur ein kleines Stückchen weiter. Selbst wenn uns jetzt die Tagespresse diesen Gag schon geklaut hat (siehe z.B. Guido Schröter- Comic), wir machen die Rechnung trotzdem mal auf; war schließlich unsere Idee, ganz bestimmt vor allen andern, und: Das rechnerisch absolut exakte Ergebnis, das haben schließlich nur wir.
Bzw. unser Praktikant und Co-Tippwart Felix Gropper hat es, zusammen mit den frischesten Erinnerungen ans Mathe-Abitur.
Folgendes also. In steter Sorge um die Motivationslage beim deutschen Rekordmeister lautet unsere Frage und Textaufgabe: Wann frühestens könnten denn die Bayern eigentlich die nächste Meisterschaft klarmachen, so denn die Konkurrenz endlich mal bereit wäre, komplett und optimal mitzuspielen. Felix hat es ermittelt, näherungstechnisch, die passende Formel aus der Infinitesimalrechnung war grad nicht zur Hand. Und auch wenn jetzt Viele sehr traurig sein werden: Nein, zum Ende der Vorrunde kann es nie und nimmer klappen, auch nicht zum 18., 19. oder 20. Spieltag. Obwohl die Bayern alles gewonnen haben werden, und alle andern gegeneinander immer nur ein Unentschieden zustande brachten, mit Ausnahme natürlich ihrer jeweils obligatorischen Niederlage gegen den FCB. Denn, O-Ton Felix:
– Ausgangslage nach dem 20. Spieltag:

1.                
Bayern (20 Spiele, 20 Siege) 60 Punkte
2. bis 15.          All jene 14 Teams, die erst einmal gegen Bayern gespielt haben (19 Remis, 1 Niederlage) 19 Punkte
16. bis 18.       Jene 3 Teams, die bereits zweimal gegen Bayern verlieren durften (18 Remis, 2 Niederlagen) 18 Punkte
Noch aber stehen 14 Spieltage aus, und sind damit insgesamt 42 Punkte zu vergeben. Bayern könnte damit noch von allen 17 Vereinen überholt werden (selbst von jenen, die erst bei 18 Punkten stehen: falls diese neben 14 Siegen und zugleich 14 Bayernniederlagen auch das bessere Torverhältnis schafften).
– 21. Spieltag: Bayern gewinnt wieder, 63 Punkte, alle andern spielen unentschieden, alle Zweiten bei 20 Punkten maximal – jetzt ist die Meisterschaft perfekt.

Das ist natürlich ziemlich spät, schon spät im Spätwinter, heiße Glühweindusche könnte da nur grad noch gehen. Und man sieht schon, es bleiben jetzt wirklich nur noch ein paar wenige Schritte, von der Perfektion am 27. zur perfekten Perfektion und dem absolut finalen und endgültigen Rekord für die Ewigkeit am 21. Spieltag – die Ziele, ach, sie werden kleiner, und kleiner; bis sie in naher Zukunft ganz verschwunden sein werden.

Für fast alle andern aber gilt das Wort des großen Freiburger Charakterdarstellers Christian Streich (mit einer Repertoirespanne, die selbst Seitenlinienderwisch Klopp nicht ganz erreicht: vom extrem sympathischen badensischen Nuschler, Schrullenonkel und Lebensphilosophen (meist vor und nach dem Spiel) bis hin zum Wüterich und krachenden Berserker und Krakeeler wie sonst kaum noch einer (immer die 90+ Minuten) – bewiesen wieder beim sonntäglichen Clash of Characters mit Nürnbergs holländischem Gentleman-Mimen Gertjan Verbeek, der darob selbst mal völlig aus der Rolle fiel).
Streich
jedenfalls sagt: „Der Abstiegskampf isch die neue Meisterschaft.“
Und wo er Recht hat, hat er Recht. Fight auf Augenhöhe, stets aufs Neue Überraschungen – und richtig schöner Fußball ab und an: Das gibt’s vor allem im Abstiegskampf. Freiburg – Nürnberg etwa, das hatte was, wie zuvor schon eine Reihe anderer Kellerduelle. Von Frankfurt bis Braunschweig zeigen die Teams erstaunlich sehenswerte Auftritte, es wird vielerorts offenbar gut gearbeitet (jawoll, Herr Sammer!) und das Beste aus den Möglichkeiten gemacht – nur, und das gilt wohl schon ab Platz 2 abwärts: Unterm Strich sind die halt zu bescheiden. Siehe auch Leverkusens und Schalkes Klatschen in der Champions League oder generell das traurige Abschneiden der Bundesligisten in der Europa League. Heißt, Dortmunds und Schalkes Kader sind zu dünn, um die Bayern ernsthaft zu gefährden, und schon ab Platz 4 beginnt endgültig die Wundertüte: mit ungeahnt langen Durststrecken bei vermeintlichen Spitzenteams wie Leverkusen, Wolfsburg oder Gladbach. So ist die Matrix aus Pfosten, Latte, Formschwäche, Schiri-Optik, Schlüsselspieler-Präsenz und Verletzungspech labiler und wechselhafter denn je – und entscheidender als sie in besseren Fußballwelten sein sollte. Im Staate Bundesliga scheint jedenfalls einiges faul zu sein, der Funktionärsklamauk vom Samstag wird das nicht ändern.   


Fehlt nur noch das Wichtigste …, was ist eigentlich los im Tipp?
Der Kellerparty sei Dank, es geht weiterhin rund. Um satte 17 Punkte hat sich die Tabelle insgesamt verschoben, damit zeigen sich neuerlich fünf Neu- und Wiedereinsteiger ganz oben in den Top-Ten – und ein Altmeister erobert die Tabellenführung zurück: Dieter Gaßner, unser Tipp-Champ von 2011/2012, liegt jetzt mit 45 Punkten an der Spitze, gefolgt von Günter Clobes (47) und Oli Fritsch (48 – von Platz 22 auf 3!). Dahinter folgen Alexander Sobotta, Jan Welle, Jannis Albus (Ex-22.), Ludger Schulze (Ex-13.), Michael Schott (Ex-22.), Nicolas Heckel und Stefan Bauer (Ex-13.).

Die aktuelle Tabelle nach  28 Spieltagen (pdf, 67KB) finden Sie hier.

Soviel für heute, wir melden uns dann gleich wieder nächste Woche nach Spieltag 29 zurück.

Mit sportlichen Grüßen aus der Noris!
Ihr

tippwart joschko