Bundesliga-Tipp Spieltag 27: Von schwindenden Vorsprüngen und einem hochtourigen Trainerkarussell

Der Vorsprung der Tabellenführer schrumpft, in der Bundesliga wie beim Tipp – um einmal mehr die Parallele zu ziehen. Martin Haltermann rückt dem lange unangefochtenen Spitzenreiter Leon Gassner nun bis auf einen Punkt auf die Pelle. Benjamin Weiß, mit einer Durchschnittsplatzierung von 70,36 und zu Rückrundenbeginn noch auf Platz 130, springt scheinbar aus dem Nichts auf Position 4. Zudem kämpfen sich Theophil Graband und Uli Glaser in die Top-10 zurück.

 

Akademie Bundesliga-Tipp 2010/2011: Der Stand nach Spieltag 27


Liebe Tipperinnen und Tipper,

wer zählt die Trainer, nennt die Namen?

Es kommt ja kaum noch eine/r mit – wenn’s noch dazu an allen Ecken brennt, von Japan bis zum Mittelmeer, von Berlin bis Gorleben, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. 
Aber gut, zählen wir mal durch, Praktikant Philipp verbürgt sich dafür, anderslautende Angaben der Presse können Sie getrost vergessen. Die Rochaden der letzten gut zwei Wochen: Oenning für Veh, Rangnick für Magath, Magath für Littbarski (für McLaren), Dutt für Henyckes, Henyckes wohl bald für van Gaal, und vorläufig letzte Pointe, Daum, „der Undurchsichtige mit dem stechenden Blick“ (SZ) ab sofort für Skibbe. Derzeit, Trainer-Ticker-Stand 24.03.2011, 09.08 Uhr, vor kicker und kicker-online-Check und immer noch sieben Spieltage vor Schluss, könnten es demnach gerade mal sieben Vereine mit dem Stab von 2010/2011 in die nächste Saison schaffen. Darunter, wir verbeugen uns!, mit Bremen, Kaiserlautern und St. Pauli immerhin drei seit einiger Zeit stark Abstiegsgefährdete. Dass die Zahl der erfolgten (10) und fürs Saisonende angekündigten (3) Wechsel – Schalkes Eintagsfliege Seppo Eichkorn mal gar nicht mitgezählt – bei 13 liegt, ist kein Rechenfehler (18 minus 7?), denn Stuttgart und Wolfsburg treten schon mit der dritten Bankbesetzung an. Alles verrückt genug und rekordverdächtig obendrein.

Die Zeitungen und Blogs sprechen inzwischen vom ‚Tollhaus’, vulgo Irrenanstalt, die besseren haben zumeist genüsslich auf Kabarett-Ton umgeschaltet. Und tatsächlich passt das Gros der Meldungen am besten in ‚Neues aus der Anstalt‘. Wer aber hat eigentlich was davon, mal abgesehen von den Passagieren im Trainerkarussell und den Pointenjägern der Medien? Nicht mal die Fachpresse, sagt mein Kioskmann, der Umsatz steige nur, wenn der eigene Klub mal gewinnt. Das wollten die Leute lesen.

Vermutlich haben die meisten den immer selben öden Witz vom Trainerwechsel inzwischen gründlich satt. Und manche erinnern sich vielleicht, dass der Irrwitz der Liga auch schon mal besser war. Als die Kurzzeittrainer hinterm Vereinsheim schnell noch mit 30.000 Mark im Schuhkarton abgefunden wurden, als der St. Paulianer und Schlangenfreund Franz Gerber einst Giftiges im Mannschaftsgepäck schmuggelte (und sich von der Königskobra später sogar beißen ließ) oder ein Erfolgscoach wie Dettmar Cramer noch was zu sagen hatte: »Es hängt alles irgendwo zusammen. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge.«

Das Auge der Liga, es tränt heute sehr. Für Bundestrainer Löw stellt sich die Charakterfrage (‚‚Seriosität!?’). Wie aber hängt’s zusammen? Felix Magath, wendigster Leibchenwechsler aller Zeiten, weiß zumindest, woran’s hängt: »Ich passe mein Verhalten nur den Gegebenheiten der Branche an.« Die SZ-Fußballsatiriker Herrmann / Kneer trauen ihm inzwischen auch einen Wechsel in der Halbzeitpause zu, gleich rüber auf die Bank des Gegners. Die Gegebenheiten in der Liga sind weiträumig geprägt von kurzatmigem Taktieren, halbgaren Manövern, hoher Beliebigkeit und hochgradiger Eitelkeit, und das jedenfalls durchschaut und nutzt Magath wie kein Zweiter. Mit traumwandlerischer Rollensicherheit: nach Wolfsburg sei er „heimgekehrt“. Und todsicherem Instinkt für die Rendite. So gesehen ist Magath kein selten gieriger Vogel, sondern eher Vorreiter und Trendsetter, und zugleich Sinnbild einer Branche, das phänotypisch nicht von ungefähr einem Ackermann in der Wirtschaft oder einer Merkel in der Politik immer ähnlicher wird. Das aber könnte dem Fußball am Ende noch leid tun.

Denn in dem Maße, in dem die Branche wichtig tut, mit Millionen um sich wirft (die sie oft genug nicht einmal hat), und in einem Furor des Heuerns und Feuerns menschliche Identifikation und Beziehungen in die Tonne tritt, verliert sie ihre traditionelle Funktion. Als schönste Nebensache der Welt ebenso wie für den Fußballexistentialismus der Bill-Shankley-Schule (‚viel wichtiger als Leben und Tod!’). Vom richtigen Leben ist der Fußball dann nämlich kaum mehr zu unterscheiden.
Gerade in Zeiten der Hiobsbotschaften aus Japan, Libyen, Jemen oder Lampedusa gibt es dann schier kein Entkommen mehr. Ein bisschen auf andere Gedanken kommen? Nö, iss nicht. Jeder Abstecher in die Liga führt schnurstracks zurück ins Weltbewegende, den ganz normalen Wahnsinn eben: Wo die Laufzeitverlängerer und Begriffsstutzigen von gestern die Schnell-Checker und vorgeblichen Blitz-Kündiger von heute sind – warum eigentlich nicht gleich verstärkt durch die Kompetenzler vom Aufsichtsrat des HSV oder dem Vorstand der Bayern? Wo eine Ethikkommission jetzt doch auch mal die Restrisiken einschätzen soll, keine 25 Jahre nach Tschernobyl und 30 nach Harrisburg und 17 AKWs später – warum nicht unter Mitwirkung der führenden Geschäftsethiker von Schalke, Wolfsburg oder VfB? Und wo sich bauernschlau bis wahltaktisch Gewendete wie Mappus, Seehofer, Söder, Brüderle womöglich selbst bald an die Transport-Castoren ketten werden, garantiert so ca. drei Monate lang – warum nicht unterstützt von den großen Verstellungskünstlern des Fußballs, Magier Magath und Irrlicht Daum? Neuerdings scheint sich das alles so nahe zu sein, dass es fast schon zusammenhängt. Mit drohender Kernschmelze der Kulturen.

Und damit auch schon zu unserm Kerngeschäft, die passende Intonation gleich dazu: »Tausend Mal berührt, tausend Mal ist nix passiert, tausend und eine Nacht und es hat …« Aber stopp, ganz so weit ist es noch nicht. Einen hauchdünnen Vorsprung konnte Langzeit-Spitzenreiter Leon Gassner behaupten, Martin Haltermann sitzt ihm jetzt aber direkt im Nacken. Es folgen mit etwas Abstand Fritz Höfler vor Newcomer Benjamin Weiß (von 19 auf 4!), Oliver Fritsch, Paul Joschko, Jürgen Kaube, Nicole Selmer, dem Top-10-Rückkehrer Theophil Graband und Newcomer Uli Glaser (von 48 auf 9!).

 

 Das Tipper Ranking nach dem 27. Spieltag zum Download (pdf, 68 kb)

 

Es könnte also noch mal richtig spannend werden – wir melden uns bald wieder, nach dem 28. Spieltag Anfang April.
Soviel einstweilen, mit sportlichen Grüßen aus der Noris !
Ihr

 

tippwart joschko