Bundesliga-Tipp 21. Spieltag: Katalanische Fohlen, Hauptstadt-Chaos und Brüggemann on Top!

"Die Breite an der Spitze ist dichter geworden!" Diesem Vogtschen Bonmot folgend verzeichnet der Bundesliga-Tipp nach acht Auswertungen mit Thorsten Brüggemann bereits den fünften Spitzenreiter. Und in der Liga zaubern Vogts Erben unter schweizerischer Regie fast schon katalanisch während eine "alte Dame" mit hohem Männerverschleiß langsam dem Ende entgegen taumelt ...

 

Rundschreiben zum Bundesliga-Tippspiel
der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur



Akademie Bundesliga-Tipp 2011/2012: Der Stand nach Spieltag 21


Liebe Tipperinnen und Tipper,

 

zum Ende der Hinrunde, gut zwei Monate ist das her, stand in „Der Tödliche Pass“, Heft 63, ein Bericht aus Berlin zu lesen, der ebenso gut beobachtet wie klug verfasst war. Unter der Rubrik „Hauptstadtball“ ging es zu einem Gutteil um die Hertha. „Angenehm unaufgeregt“ gehe es dort nun zu, die Tabellenmitte sei als Heimat akzeptiert, das leicht überspannte Stadt- und Fußballvolk habe im Laufe der Büßertour durch Liga 2 an Realitätssinn gewonnen und sich mit dem Klub versöhnt. Den zentralen Befund brachte schon die Headline auf den Punkt: „Normalspur“.  
(Artikelautor Norbert Niclauss tippt übrigens ausdauernd mit, aktuell auf Rang 15 sogar sehr erfolgreich)

Wie weit die Hertha im Zuge des Babbel-Abgangs und des Skibbe-Intermezzos aus der Normalspur geraten ist, liegt auf der Hand. Das Dilemma eines Vierteljahres-Fußballheftes auch: Der „Tödliche Pass“ ist hierzulande das wohl feinsinnigste „Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels“ (Untertitel). Nur schert sich die chaotische Gemengelage in der Bundesliga mitunter um keine Analyse, und sei sie noch so profund. Das Bild kann jeden Moment kippen – gründlicher und schneller, als sich das nächste Heft drucken lässt.
Analysestand heute: Die Hertha ist nur noch drei Punkte weg von Platz 18, der Kardinalfehler von Manager Preetz aber datiert zurück auf den September 2009. Noch frisch im Amt hatte er nach einem miesen Start in die Saison (und dem Verkauf dreier Schlüsselspieler) überhastet reagiert und den Trainer geschasst: Lucien Favre. Ausgerechnet! Wie kann man nur …!? Schlimmer als die folgenden Trainerfehlgriffe, Analysestand heute, Funkel und Skibbe – und nicht aufzuwiegen von der guten Zwischenwahl Babbel – hängt Preetz heute der damalige Favre-Rauswurf nach. Denn Common Sense der aktuellen Analyse: Gladbachs Lucien Favre ist ein Trainerjuwel, das zu verkennen brauche es schon besondere Blindheit. Usw. usf.

Das Glück von Favre ist im Moment das Pech von Preetz, und dagegen dürfte Favre gar nicht so viel haben. Und ob er will oder nicht, ganz alt lässt Favre auch seinen Vorgänger bei Gladbach, Michael Frontzeck, aussehen. Der beißt jetzt sicherlich in die Kissen und kriegt nie wieder einen Job, spottete ein alter Gladbach-Fan und treuer Mittipper: Wenn der das jetzt sieht! Mit fast der identischen Mannschaft vom fast sicheren Absteiger zum fast sicheren Champions League-Teilnehmer. Binnen einen Jahres und 33 Liga-Spielen. Im Titelrennen ist Gladbach nach der Demonstration vom Wochenende jetzt sogar alleiniger Hecht im Teich von Dortmund und den Bayern: Schalke nach dem debakulösen 0:3 zur Sprotte geschrumpft.  

Gladbach ist also die Mannschaft der Stunde, Lucien Favre als Wundermann allseits anerkannt. Schließlich hatte er in der Saison 2008/2009 schon die Berliner Hertha mit einer limitierten Mannschaft beinahe in die Champions League gehievt. Die Momentaufnahmen sind eindeutig. Gladbach spielt bärenstark: schnell, kombinationssicher, kompakt und top-organisiert, überfallartig und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Mannschaft ist vor allem stets perfekt auf den Gegner justiert. Die sog. Beobachter überschlagen sich: Gladbachs Spiel ein ‚Kunstwerk’, Favre ein ‚Künstler’ (M. Merk auf Sky), ‚beste Abwehr Europas’ (Sportstudio oder Sportschau), ‚Borussia Barcelona’ (Sportschau oder Sportstudio). Medienübliche Gemeinplätze bescheinigen Favre durch die Bank Spitzenfähigkeiten, sei‘s als Psychologe, Gruppendynamiker, Leistungssportler-Versteher, Manager oder einfach als Mensch. Sportjournalisten zeigen sich fast betört, Favres französisch grundiertes Schweizerdeutsch ist derzeit eben reizend statt holprig, die Type nicht skurril bis sperrig sondern zum Busseln. Und selbst seriöse Autoren des Fachbuchsektors, gewohnt, eher in langen Zyklen zu beobachten und zu urteilen, sind nach persönlichen Begegnungen berauscht von Favres Fachkenntnis, Finesse, Akribie, Mutterwitz und Leidenschaft für die Sache.

Aber wir wissen ja, Fußball ist ein seltsames Spiel. Wendet sich das Blatt, wird Akribie schnell umgedeutet zu Pedanterie und Verzetteln, wird Leidenschaft zu Verbohrtheit, die einstige Originalität zum Gähnfaktor. Und das ewige Radebrechen, na, das konnte ja sowieso nicht gutgehen. Dass Favre ideal zu Gladbach, der Mannschaft, der Stadt, dem Verein, seinem Umfeld und überhaupt an den Niederrhein zu passen scheint, das hatten wir zuletzt schon festgestellt. Dass alles sehr schnell kippen kann, auch. Nimmermüd im Einsatz gegen Glorifizierung, Legendenbildung und die Mechanismen der Vereinfachung unterziehen wir die ominöse ‚Passgenauigkeit‘ jetzt deshalb mal einer verschärften Faktorenanalyse ‘. Praktikant Dominik hat dankenswerterweise etwas tiefer gegraben und dabei u.a. Folgendes zu Tage gefördert:

·         Favre löste Frontzeck nach dem 22. Spieltag der Vorsaison ab. Gladbach damals: 16 Punkte aus 22 Spielen, 7 Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz, Torverhältnis 32:56;

·         Favre holt dann in den 12 restlichen Spielen: 20 Punkte bei 16:9 Toren; macht 1,66 Punkte pro Spiel und vor allem: im Schnitt nur noch 0,75 Gegentreffer;

·         Favre steht in der laufenden Saison nach 21 Partien bei 43 Punkten und 34:12 Toren; heißt 2,05 Punkte je Spiel und vor allem: nur noch durchschnittlich 0,57 Gegentore;

·         Spiegel online würdigt:»Gladbachs Erfolg ist vor allem das Resultat von Kontrolle, von Ordnung, Planung und sauberer Defensivarbeit.« Die Frankfurter Allgemeine vergleicht: »Mit nur 0,57 Gegentoren im Schnitt ist Mönchengladbach auf Rekordkurs – bisher steht der beste Wert nach einer Saison bei 0,62, aufgestellt von den Bayern 2007/08. Zwölf Gegentore nach 21 Spieltagen hatte in der vergangenen Saison im übrigen Borussia Dortmund, und wie das endete, weiß man ja.«

·         In den direkten Vergleichen der vier aktuellen Top-Teams 2011/12 steht es derzeit so:
– Gladbach: 10 Punkte aus 5 Spielen = 2,0 im Schnitt
(2 Siege gegen Bayern, Sieg und Niederlage gegen Schalke, Unentschieden gegen BVB)
– Dortmund: 7 Punkte aus 3 Spielen = 2,33 im Schnitt
(Siege gegen Bayern und Schalke, Remis gegen Gladbach)
– FC Bayern: 3 Punkte aus 4 Spielen = 0,75 im Schnitt
(Niederlagen gegen Gladbach (2x) und BVB, 1 Sieg gegen S 04)
– Schalke: 3 Punkte aus 4 Spielen = 0,75 im Schnitt
(Sieg und Niederlage gegen Gladbach, Niederlagen gegen BVB und Bayern)

·         Favres Stammspieler sind nahezu dieselben, die schon Frontzeck zur Verfügung standen: Von den 12 Zugängen seit Februar 2011 (davon zwei in dieser Winter-Transferperiode) spielt kein einziger bislang eine nennenswerte Rolle.

·         Favres erste Gladbacher Startelf am 23. Spieltag 2011 unterscheidet sich  nur in 3 Positionen von jener, die zuletzt am 21. Spieltag 2012 Schalke so bedient hat: Torwart ter Stegen spielt jetzt statt Logan Bailly, statt damals Tobias Levels und Mohamadou Idrissou sind die seinerzeitigen Reservisten Tony Jantschke und Mike Hanke von Anfang an aufgelaufen.

·         Favres Torhüterwechsel zu Marc-André ter Stegen war ein Volltreffer: ter Stegen hat im Moment die besten Werte von allen Keepern der Liga, während Bailly am Schluss nur noch als Fliegenfänger auffiel;

·         Favres Händchen für Mike Hanke könnte mitentscheidend für den Erfolg sein: Selten hat man einen so lange schon ziemlich eindimensional bis unbeholfen agierenden Strafraumstürmer so aufblühen sehen, mit ungeahnten Fähigkeiten aus der Tiefe des Raumes, als Scorer und sogar im doppelten Doppelpass.

Diese Zahlen und Fakten beeindrucken schwer, und sie reichen allemal, um Lucien Favre schon mal eine Girlande zu winden. Trotzdem gibt es unter Garantie spielentscheidende Einflüsse, die weit jenseits des Wirkungsbereichs eines jeden Trainers zu verorten sind, und sei er noch so akribisch: das Glück z.B., das auch den Tüchtigsten verlassen kann (Favre konnte beim designierten Absteiger Gladbach gleich mit einem 2:1 über Schalke durchstarten); das Pech, das man nicht unbedingt haben muss (weil die Ausfälle von Verletzten sich sehr in Grenzen hielten); eine Entwicklungsexplosion gleich mehrerer Jungstars, auf die Frontzeck selbst vielleicht nur nicht lange genug mehr warten durfte: Marco Reus, Roman Neustädter, Patrick Herrmann (der großartige Reus etwa war bis vor kurzem noch als rechter Chancentod verschrien); die Gunst der Stunde, die einen stets zur rechten Zeit auf den richtigen Gegner treffen lässt (etwa zweimal gegen startschwächelnde Bayern); eine Sichtungs- und Einkaufspolitik des Vorgängers, auf die sich offenbar solide aufbauen lässt; der vereitelte Putsch eines Effenberg, der womöglich den ganzen Verein zusammengeschweißt hat; ein Sportdirex wie Eberl, der landsmannschaftlich zum Schweizer passt. Und von all den andern Unwägbarkeiten mal ganz zu schweigen: den knappen Dingern, die raus- oder reingehen können; den Elfern, die man kriegen kann, aber nicht muss; dem Abseits, das der Schiri sehen oder übersehen kann; den Konflikten im Kader, die lähmen oder durchlockern können …

Und überhaupt, wurde eigentlich schon mal das segensreiche Wirken von Hans Meyer in Gladbachs Führungsriege gewürdigt, der doch, rein zufällig?, so ungefähr seit Favre am Aufstieg der Bökelberger mitwerkelt? Wie auch immer, ein Resträtsel bzw. eine Restskepsis bleibt: dass ein einzelner neuer Mann in der Lage sein sollte, in kürzester Zeit alles komplett auf den Kopf zu stellen, oder auch vom Kopf auf die Beine – in einem so engen, mit Haken und Ösen geführten Wettbewerb wie der Bundesliga!? Und damit gleich die besten Argumente für den nächsten Trainerrauswurf frei Haus liefert, womöglich sogar für seinen eigenen. Wir halten es deshalb lieber wie gehabt mit ‚Trainerprofessor‘ Dettmar Cramer: »Es hängt alles irgendwo zusammen. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge.« Alles hängt irgendwo zusammen, und alles, das kann manchmal verdammt viel sein.

Ins Bild passt jedenfalls, dass Gladbach wie selbstverständlich auch im Pokal-Halbfinale steht, ironischerweise nach einem eher mäßigen Auftritt gegen die Preetz’sche Hertha. Dort finden sich sonst nur noch die beiden anderen Top-Klubs der Liga, und zur Freude einer qualifizierten wie begeisterten Minderheit im Raum Nürnberg-Fürth auch das Fürther Kleeblatt. Aufschlussreich für die gegenwärtige Einschätzung des Bundesliga-Leistungsstands die Reaktion auf das Halbfinal-Los BVB in der Kleeblatt-Stadt: schon okay, hieß es mehrheitlich, Gladbach wäre ja mindestens genauso schwer; leichter nur der FC Bayern, aber halt auch langweiliger. Fürth spielt übrigens in den besten Phasen, eingebimst von Coach Mike Büskens, ziemlich Gladbach-like, und das könnte zuletzt durchaus etwas beigetragen haben zur Gereiztheit der Mitfavoriten um den Aufstieg aus Frankfurt und Düsseldorf, siehe Volkstribun Veh vs. Rädelsführer Rösler. Doch auch St. Pauli und Paderborn sind weiter mit dabei, alle fünf nur ganze zwei Punkte getrennt.


Doch wie sieht’s zwei Spieltage später eigentlich beim Tippspiel aus? Auf insgesamt 15 Zähler summieren sich die zwischenzeitlichen Verschiebungen in der Ligatabelle. Es waren allerdings eher Veränderungen gegen den Trend der Erwartungen. So konnte schon ein kleines Punkteplus für einen großen Sprung in unserer Wertung sorgen. Schauen wir nur mal ins Vorderfeld, jeweils sieben Punkte gutmachen konnten da z.B. die Tippgemeinschaft MartAneMia Stumptner oder Stefan Erhardt, das verhalf den einen von Platz 54 auf 19 und dem anderen von 74 auf 35.
Die Top-10 dagegen wehrte alle Angriffe ab. Man rückte noch etwas näher zusammen, rochierte einmal kräftig durch, blieb ansonsten aber unter sich. Dem neuen Spitzenreiter – der fünfte in dieser Saison bei bislang acht Auswertungen – reichte eine Verbesserung um einen einzigen Zähler zum Sprung von sechs auf eins: Thorsten Brüggemann führt nun mit 38 Punkten das Feld an, einen Zähler vor Jan Welle und noch mal einen vor Fritz Höfler. Dicht auf den Fersen folgen dann Wolfgang Laaß, der 11-Freunde-Tipp, Ali Wagner, Andreas Schade, Fadi Keblawi, Markus Schroth und Ex-Leader Dieter Gaßner.

 Der Zwischenstand nach Spieltag 21 (pdf 72,0 KB)

So viel für heute, in rund zwei Wochen geht's dann weiter mit dem Zwischenstand nach Spieltag 23.
Mit sportlichen Grüßen aus der Noris!
Ihr

tippwart joschko