Bundesliga-Tipp 19. Spieltag: Brehms Tierleben, schamlose Wölfe und ein kräftiges Gaßnern im Tipp

In der Liga war’s gleich zum Auftakt eine wahre Hatz, in Wolfsburg dreht ein obskurer Spielerhändler das große Rad und im Tippspiel gassnert es mal wieder kräftig: Nach Leon Gaßners überragender Vorsaison heißt der Mann an der Spitze jetzt Dieter Gaßner.

Rundschreiben zum Bundesliga-Tippspiel
der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur



Akademie Bundesliga-Tipp 2011/2012: Der Stand nach Spieltag 19


Liebe Tipperinnen und Tipper,

herzlich willkommen im Fußballjahr 2012 – was für eine Hatz gleich zum Rückrundenstart! Wie für ‚Brehms Tierleben‘ gemalt. Der Platzhirsch strauchelt, zwei große alte Tiere des Reviers ziehen gleich und lange Zeit sehr zahme ‚Fohlen’ nur einen Prankenhieb entfernt. Dazu ab Platz acht eine ganze Meute in Aufruhr, ein paar Große, ein paar Mittlere, ein paar Kleine, alle angststarr und kollektiv dem Abgrund nah. ‚Wild wild life‘ sangen einst die Talking Heads, und das war schon damals eine gute Nummer. Was aber, wenn’s vollends vogelwild wird, zumal im Daseinskampf der Liga?

Man hat in Sachen Fußball, Kapital und freies Spiel der Kräfte ja einige Kröten geschluckt, so man denn keine 20 mehr ist und die Transparente ‚Gegen den modernen Fußball!’ lieber von andern pinseln lässt. Man hat sich arrangiert damit, dass Fernsehrechte, Merchandising und VIP-Logen wertvoller sind als die Zuschauer und ihre Eintrittsgelder. Selbst als Gegner des FC Bayern kann man womöglich zugeben, dass der Krösus das meiste Festgeld redlich, sprich mit Fußball und dem dabei gewonnenen Renommee, verdient hat. Und vielleicht will man gar nicht so genau wissen, warum es den BVB damals 2005 oder den FC Schalke heute trotz Hunderter Millionen Schulden nicht längst zerlegt hat (beide derzeit kraftstrotzender denn je, während fünf Millionen Miese bei andern locker zur Insolvenz reichen). Jetzt aber setzt der VfL Wolfsburg noch mal eins drauf. Mitten im Abstiegskampf kann der sich zwischen den Jahren mal eben einen kleinen Wettbewerbsvorteil erkaufen: acht neue Spieler für schlappe 30 Millionen. Manager Magath dazu treuherzig: ‚günstig eingekauft’. Fragt sich nur: Darf der das? Und falls ja, warum?

Es gibt im deutschen Fußball die 50+1-Regel, sie soll die Vereine vor gierigen Investoren schützen. Dann gibt es einen Sonderstatus für die Werksklubs in Wolfsburg und Leverkusen, der den Unternehmen VW und Bayer wesentlich mehr als 51 % erlaubt. Es gibt das Lizenzierungsverfahren der DFL, das die Klubs vor Überzocken und plötzlichen Pleiten schützen soll. Und schließlich gibt es das Financial Fair Play der Uefa, das eigentlich noch nicht recht gilt, aber in den nächsten Jahren dann alles noch ein bisschen hübscher machen soll, im Sinne eben von mehr Fair Play beim Kapitaleinsatz. Dereinst soll es seine volle Wirkung entfalten als eine Art Schuldenbremse im europäischen Fußball, erste Erfahrungen gibt es schon: »Dort lässt sich die ganze Bandbreite der Methoden beobachten, mit denen eine solche Regelung ausgehebelt werden kann: von plump bis erstaunlich kreativ.«(SpOn) Doch selbst, wenn die Uefa mit einem Anti-Aushebel-Programm nachrüsten sollte, muss den Wolfsburgern wohl nicht groß bange sein: Solange nur der VW-Konzern solvent und zahlungswillig bleibt, kann nach Belieben nachfinanziert und weitergeklotzt werden. Oder haben wir da etwas falsch verstanden?

Vorläufig jedenfalls halten wir fest: Im Keller der Liga gibt es mindestens fünf, sechs Vereine – Freiburg, Augsburg, Mainz, Kaiserslautern, Nürnberg und vielleicht sogar die Hertha –, welche die Winterpausen-Investition des VfL in Höhe von 30 Millionen nicht im Ansatz kontern konnten: Nicht mal innerhalb der letzten fünf Jahre hatten die für neue Spieler so viel Geld übrig, über den gesamten Zeitraum und alle zusammen wohlgemerkt. Womit der gedankliche Sprung von den ‚Wölfen‘ zum Raubtierkapitalismus alter Schule eigentlich gar keiner mehr ist. Am Ende aber zahlt die arbeitende Bevölkerung bekanntlich stets die Zeche, in dem Fall halt jene im VW-Konzern.

Mit dem Fußball alter Schule jedenfalls hat der VfL Wolfsburg der Saison 2011/12 nichts mehr zu tun. Und mit einem Fair Play im Abstiegskampf schon gar nicht. 38 Spieler bislang im Kader, 35 davon eingesetzt und erst gut die Hälfte der Spielzeit rum (okay, zwei, drei Spieler wurden jetzt schnell noch verliehen; aber selbst nach Schließung des Transferfensters sind einige Märkte weiter offen, die USA z.B., dazu derzeit auch noch Russland, Schweden oder die Wüstenstaaten).
Und Felix Magath, der obskure Spielerhändler? Bis vorgestern noch der Erfolgreichste von allen, bis heute einer, der sich als Schlaumeier (am Schachbrett!) perfekt in Szene zu setzen weiß. Vermutlich aber ist er sogar ein Oberschlauer, weil er das große Geheimnis aller großen Rätselhaften zu kennen scheint. Umberto Eco im ‚Foucaultschen Pendel’, irgendwo: »Benimm dich wie ein Dummer, und du wirst undurchschaubar für alle Ewigkeit.«

Und damit zurück zum Spitzensport. Dort spielt Dortmund im Moment wohl den besten Fußball (falls der HSV und Hoffenheim als echte Maßstäbe durchgehen können); spechten die Bayern notgedrungen auf ein Abheben wie nach dem Holperstart in der Hinrunde (als sie nach der Niederlage gegen Gladbach eine Siegesserie über damals leichte Gegner hinlegten); können sie auf Schalke ihr Glück angesichts zahlreicher Ausfälle kaum fassen (weshalb man fast ein bisschen konsterniert einfach mal alles auf den Huub-Faktor schiebt). Gemessen an Kaliber und Erfolg ihres Startprogramms samt zauberhafter Spielkultur aber sind die Gladbacher Borussen derzeit bestimmt die größte Überraschung – genau 12 Monate, nachdem sie noch als sicherer Abstiegskandidat galten. Klarer Fall, der Favre-Effekt. Oder doch ein bisschen mehr? Schaut ganz so aus, als sei Lucien Favre ein ausgesprochen Guter, einer, der fachlich und menschlich nach Mönchengladbach passt. Nur fängt es da im Grunde ja erst an, so richtig interessant zu werden: Was macht sie eigentlich aus, diese ‚Passgenauigkeit‘? Die ganze Wahrheit dürfte wie üblich ein bisschen komplizierter sein, demnächst an dieser Stelle vielleicht ein paar ergänzende Spekulationen …

Nur schnell noch zum europäischen Spitzensport: Im Clásico letzte Woche zwischen Barça und Real Madrid, der 10. in den letzten zwei Jahren, könnte sich eine kleine Zeitenwende angebahnt haben. Barça kam mit einem 2:2 im Pokal zwar weiter, verglichen mit den neun Matches zuvor lief freilich manches anders: die Partie wie immer atemberaubend, 60:40 Ballbesitz für die Katalanen – doch die Musik machte auf einmal Real (nur José Mourinho gab dieselbe A.…geige wie immer). Die Madrilenen waren nur (noch) etwas zu hibbelig: in der ersten halben Stunde fünf Hochkaräter vergeigt, Barça durch zwei singuläre Geniestreiche zur Pause ausgesprochen unverdient 2:0 vorn, trotzdem konnte Real fulminant zurückschlagen. Barças furchterregende Dominanz wie weggeblasen, Özil phasenweise der bessere Messi, von Xavi und Iniesta (der freilich nach 30 Minuten verletzt raus musste) diesmal wenig zu sehen. Es wirkte, als sei Madrid den ‚Europameistern im Ballbesitz‘ (SZ) allmählich auf die Schliche gekommen (wie die Konkurrenz in der Bundesliga möglicherweise dem ‚Vizeeuropameister im Ballbesitz‘ aus München). Dazu passt auch der 7-Punkte-Vorsprung in der Meisterschaft. Gemünzt auf die Euro 2012 – Barça verkörpert den Stil der Spanier – könnte das auch für die DFB-Elf Perspektiven eröffnen: Die Chefstrategen Reals heißen schließlich Kaka, Ronaldo, Özil – keiner davon tritt für Spanien an.

Wer’s verpasst hat, hier der heiße Tipp für den nächsten Clásico: Sie brauchen dafür keinen Bezahlkanal, nur einen halbwegs gängigen PC samt Internetanschluss und klicken dann auf  www.laola1.tv. Der Stream hat alle Spiele in Spaniens Liga und Pokal, umsonst, live, deutsch (ganz passabel) kommentiert und scheinbar voll legal. Was sonst noch so gratis im Netz läuft (TV, Radio), findet man übrigens auch sehr bequem auf  www.fussballgucken.info, schauen Sie halt mal.


Schließlich noch zum großen TipperInnensport, dem aktuellen Stand in unserer Tabelle: Ganz oben, wir kennen das aus der Vorsaison, gaßnert es mal wieder kräftig. Es ist ein ganz enges Rennen, ähnlich wie in der Liga: Zehn Punkte gutgemacht und mit jetzt 35 Zählern hoch von vier auf eins thront Dieter Gaßner über allen, gefolgt vom konstant starken Wolfgang Laaß (36) und den beiden Drittplatzierten, Ali Wagner und Fritz Höfler (beide 37).
In den Top-10 folgen dann dicht auf dicht Markus Schroth (von 19 auf 5!), Andreas Schade, Fadi Keblawi, Thorsten Brüggemann, Jan Welle und der 11-Freunde-Tipp (von 1 auf 10!).


 Der Zwischenstand nach Spieltag 19 (pdf, 66 KB)


Soviel für heute, wir melden uns dann in zwei Wochen wieder mit der Blitztabelle nach Spieltag 21.
Mit sportlichen Grüßen aus der Noris !
Ihr


tippwart joschko