Außer Kontrolle

30. November 2010: Neuer Korruptionsskandal bei der Fifa

Ein neuer Korruptionsskandal erschüttert die Fifa und rückt die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 in den Schatten. Thomas Kistner ( Süddeutsche Zeitung) sorgt sich vor der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022: „Die Milliardenflüsse der TV-Konzerne, von Adidas oder Coca-Cola üben enorme Reize aus auf die Fußballbosse, die offiziell Ehrenämtler sind. Über die ISL hatten sie seit den achtziger Jahren ein Kickback-System etabliert. Die Firma erhielt stets die Rechte, Ausschreibungen gab es nur pro forma, systematisch schmierte die ISL den Verbandsbetrieb. Auf einer Zahlungsliste der ehemaligen Fifa-Vermarktungsagentur ISL finden sich 175 Überweisungen, meist Bestechungsgelder an Sportfunktionäre. Die britische BBC hat das Dokument zutage gefördert und wollte am Montagabend berichten, die Liste liegt der SZ vor. Sie nennt Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) – drei wichtige Mitglieder der Fifa-Exekutive. Diese vergibt am Donnerstag die WM-Turniere – mit dem Trio oder ohne das Trio?“

Michael Ashelm ( Frankfurter Allgemeine Zeitung) schildert die neusten Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa: „So spitzt sich die Lage nun nochmals zu und gerät für die Fifa und deren Präsident Joseph Blatter mehr und mehr außer Kontrolle. Das Exekutivkomitee, de facto die Regierung des Weltfußballs, will am Donnerstag in Zürich über die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 entscheiden. Stimmen aber die aktuellen Enthüllungen, stellt sich die Frage nach dem Sinn der nun hochbelasteten Veranstaltung. Die wichtigsten Organisationen des Sports bringt dies wieder einmal in Verruf. Der bekannte Schweizer Strafrechtler und federführende Korruptionsbekämpfer der Weltwirtschaftsorganisation (OECD), Mark Pieth, hatte sich zuletzt für eine Gesetzesrevision in der Schweiz ausgesprochen, damit auch die dort ansässige Fifa und das Internationale Olympische Komitee nicht mehr vom Schweizer Antikorruptionsgesetz ausgenommen bleiben. Durch die Verwicklungen ihrer höchsten Repräsentanten gerät die Fifa schwer unter Druck. Zwei der ursprünglich 24 Mitglieder des Exekutivkomitees sind schon suspendiert, gegen drei gibt es neue schwere Vorwürfe, zudem sind weitere Funktionäre aus dem Führungszirkel nicht gerade gut beleumundet. Wie sauber und seriös können also die Entscheidungen am Donnerstag um die WM 2018 und WM 2022 überhaupt noch ausfallen? Es geht um Milliardenprojekte mit hohem Prestigewert. Der deutsche Fußball-„Kaiser“ Franz Beckenbauer, der ebenfalls in dem Fifa-Gremium mitstimmen wird, kann sich allerdings nicht vorstellen, dass die WM-Vergabe aus triftigen Gründen verschoben wird. Eine Organisation wie Transparency International rät zu dieser Vorgehensweise, zumal auf die Fifa hohe Schadenersatzklagen von Ländern zukommen könnten, die in der Wahl am Donnerstag unterliegen.“

Roland Zorn ( Frankfurter Allgemeine Zeitung) plädiert für eine Verschiebung der Vergabe: „Inzwischen ist derart viel schmutzige Wäsche vor der Verkündung der WM-Gastgeber 2018 und 2022 an die Öffentlichkeit gespült worden, dass eine Verschiebung der Doppelwahl sinnvoll wäre. Dazu wird es jetzt, da die Entscheidung unmittelbar bevorsteht, wohl nicht mehr kommen – doch die Risiken und Nebenwirkungen des Wahlaktes vom Donnerstag inklusive möglicher Anfechtungen danach sind längst absehbar. Die Zürcher Prozedur schadet dem Weltfußball und vor allem den in Sonntagsreden besonders eifrigen Hütern seiner ethischen Prinzipien. Kurz vor der Verkündung der Sieger von morgen ist ein Verlierer von heute schon gefunden: Es ist der Männerbund um Fifa-Präsident Joseph Blatter, der schwer zerzaust im Zentrum eines Skandals steht, der seinen Vormann den Job kosten könnte. Wer mag dem in seinen frühen Präsidentenjahren selbst skandalumwitterten Blatter unter diesen Umständen noch zutrauen, in seinem Verband und seinem Exekutivkomitee rücksichtslos aufzuräumen, wenn immer mehr jahrelange Wegbegleiter des Wallisers am Pranger stehen? Blatters Kabinett hat, das ist augenscheinlich, abgewirtschaftet. Was die Fifa braucht, sind ab sofort neue Leute, moderne, hauptamtlich geprägte Strukturen, mehr Transparenz und damit eine frische Glaubwürdigkeit. Nur dann kann sie auf ihrer obersten Ebene wieder ein Stück des verloren gegangenen Renommees zurückerobern.“

Jens Weinreich ( Frankfurter Rundschau) analysiert: „Nun sind also mehr als 140 Millionen Franken Bestechungsgeld dokumentiert. Auch das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Im Gegenzug haben die Sportfunktionäre der ISL Milliardenaufträge verschafft: Sponsorenverträge, Marketingrechte, TV-Rechte. Die Zahlungen liefen meist über Tarnfirmen und Stiftungen. Es war ein ausgeklügeltes System, an dem Anwälte, Steuerberater, renommierte Buchprüfungsfirmen und sogar die eidgenössische Steuerverwaltung mitgewirkt haben.“