Aus traurigem Anlass - Depression und Fußballkultur

Der Abschied von Robert Enke war von einer öffentlichen Anteilnahme geprägt, wie sie die Bundesrepublik bisher nur selten erlebt hat. Wie ist sie einzuordnen, was könnte dies für die Zukunft bedeuten? Dr. Uli Glaser, wichtiger Vordenker der Akademie, versucht einige Antworten zu geben.

von Dr. Uli Glaser 

Dass Fußball eine Menge Welt-Erleben in sich trägt und als Metapher für das Leben als Solches taugt, dass der Fußball für kleine Fluchten und Eskapismus steht und ein exemplarisches Feld für Triumph, Leidenschaft und Niederlage ist, ja vielleicht sogar prädestiniert für eine gesellschaftliche Analyse im großen Stil: All dies stand Pate bei der Entwicklung der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur (seit 2002) und bei der Umsetzung in ein konkretes Veranstaltungs-, Informations- und Auszeichnungsprogramm (seit 2004). Und stand so auch explizit in und mehr noch zwischen den Zeilen des ursprünglichen Akademie-Konzepts.

Dabei war man natürlich nie ganz frei von der Faszination durch Oberflächeneffekte der großen Fußballdramen und der Leidenschaft für das Skurrilitäten-Kabinett des Ligaalltags, doch die ernsthafte Beschäftigung mit den Themen, die zwischen Gesellschaft und Fußball hin- und herschwappen, sie war stets mit von der Partie: geschichtliche Verarbeitungsprozesse z.B. oder Bildung und Gerechtigkeit, Entwicklung und Nachhaltigkeit, Integration und Konflikt, Homophobie und Genderfragen, ästhetischer Diskurs, Gewalt, Kriminalität und vieles mehr.

 

Auf allen Kanälen: Die tief schmerzende Paradoxie der Depression

 

Die Einzigartigkeit des Fußball als ein gesellschaftlicher Diskussionsort hat sich jetzt an einer überraschenden Stelle gezeigt: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik wurde die Volkskrankheit Depression so in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wie anlässlich des tragischen Selbstmords von Robert Enke („Die größte Beerdigung seit Adenauer?“, Edo Reents in der FAZ).
Dabei wird eine vielleicht sogar kathartische Funktion des erfolgreichen Fußballspielers deutlich: Er ist – durch eine spezifische Begabung, durch öffentlichen Ruhm und viel Geld – einerseits zu einer herausragenden Person geworden, andererseits bleibt er dabei doch meist eine relativ normale Existenz, deren Stärken und Schwächen im medialen Rampenlicht gut nachvollziehbar sind.

Denn gerade Fußball ist omnipräsent, auf allen Kanälen, und seine (Bild- und Alltags-)Sprache wohl eine der wenigen, die noch von fast allen Menschen gesprochen wird. So ist der Fußballer zwar herausgehoben aus der Masse, aber kein Held im Sinne enthobener Unantastbarkeit. Er bleibt gleichsam jemand aus der Nachbarschaft.

Umso bewegender deshalb wohl Enkes Schicksal: samt dieser tief schmerzenden Paradoxie des Depressiven, der alles unternimmt, um unerkannt zu bleiben, um Kind, Karriere und Reste des Selbstbilds nicht zu gefährden, der zugleich aber schon den Letztschlag gegen sich selbst plant, um damit all dies zu verlieren. Und der sich, finale Paradoxie der Hilflosigkeit, nach dem Tod der geliebten Tochter durch eine Adoption noch selbst zu heilen versucht, nur um am Ende neben der eigenen Familie auch den Lokführer in ein Trauma zu reißen.

 

Volkskrankheit Depression

 

Der Fußball wird bestimmt nicht das Umfeld sein, in dem eine weit verbreitete Krankheit (der man nicht ganz fälschlich nachsagt, auch eine Krankheit der Gesellschaft zu sein) ‘bearbeitet’ werden kann. Aber wie so oft ist der Fußball ein Ort der öffentlichen Zuspitzung, der Kenntnisse erhöht und zumindest kurzzeitig Sensibilität und Aufmerksamkeit schafft.

Drei Selbstmorde pro Tag werden in Deutschland auf Depressionen zurückgeführt, 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung erleiden im Laufe ihres Lebens eine ernsthafte Depression (mehr als die Hälfte wird sie aber nicht einmal identifizieren können), geschätzte 4 Prozent der Bevölkerung sind dauerhaft erkrankt und nur jeder Zehnte davon dürfte eine geeignete Behandlung erhalten. Die Krankheit kann tödlich sein, sie kann aber in sehr vielen Fällen und mit der richtigen Kombination aus Medikation und Therapie auch geheilt werden.

Immer mehr Ärzte sind inzwischen sensibel geworden für psychosomatische Ursachen solcher Erkrankungen, immer deutlicher werden auch tatsächliche Wirkmechanismen (etwa dass der Weg häufig von der Depression zur Sucht führt und nicht umgekehrt). Immer mehr Prominente, auch aus dem Sport, zeigen – in sehr unterschiedlicher Art – ihre persönliche Betroffenheit: Sebastian Deisler, Sven Hannawald, Jörg Jaksche, Andre Agassi.

Fußball und Krankheit = Versagen

 

Exemplarisch zeigt der Fußball aber auch das Dilemma der aktuellen Betroffenheit. Denn die Enke-Tragödie ist angesiedelt inmitten einer leistungsoptimierten Gesellschaft, in der der Einzelne permanent Leistungsfähigkeit, Leistungswillen und Ich-Kompetenz beweisen muss (wenn nicht für den Arbeitgeber, dann für sein Selbstwertgefühl): „Jeder und jede Einzelne ist bei Strafe permanenter Benachteiligung gezwungen, sich als Planungszentrum des eigenen Lebensentwurfs zu betätigen.“ (Klaus Dörre).

Der Lebenszusammenhang Sport ist hier die sprichwörtliche Spitze eines Eisbergs: eine Zuspitzung der individuellen, nationalen, globalen Konkurrenzgesellschaft, durchsetzt mit vielen althergebrachten Machismo-Anteilen (noch immer bekennen sich weit weniger Männer zu ihren Depressionsproblemen als Frauen) und mit den durch Popularität und Geld aufgeladenen Egos junger Männer, die wenig Zeit hatten, sich auf ein Leben neben dem Fußball aufzustellen. In einem solchen Setting muss eine depressive Erkrankung verheerend wirken: Sie kommt vollkommen unvorbereitet – und wird in aller Regel und zu allererst als persönliche Schuld und Versagen vor der Aufgabe definiert.

Der kurze Atem der öffentlichen Trauer – und was langfristig helfen kann

 

Wie wird die Diskussion über Depression und der Umgang damit weitergehen? Dazu einige Thesen:

· Die große öffentliche Trauer um Robert Enke nimmt all jenen, die ebenfalls Mitgefühl verdient hätten, nichts weg. Sie ist zunächst eine Chance, mehr Offenheit zu schaffen. Sie allein aber wird das ‘System Fußball’ nicht ändern können.

· Nach dem Vorbild des „Nürnberger Bündnisses gegen Depression“ gibt es in Deutschland inzwischen rund 50 regionale Bündnisse, die sich einsetzen für eine Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen und damit erhebliche Aufmerksamkeit und dokumentierten Erfolg haben (in Nürnberg z.B. soll die Suizidrate in sieben Jahren um 40 Prozent zurückgegangen sein).

· Wichtig sind konkrete Beratungsstellen und Früherkennungsprogramme – aber auch das persönliche Engagement von Leitfiguren. Der DFB hat in den letzten Jahren den Wert und die Nachhaltigkeit von Stiftungen erkannt und genutzt, jetzt prüft man die Einrichtung einer Robert-Enke-Stiftung, die mit Institutionen in Forschung und Therapie von Depressionen zusammenarbeiten könnte. Das kann helfen.

· Ohnehin ist es ein seltener Glücksfall in der Welt der Sportverbände, dass mit Dr. Theo Zwanziger ein Mann an der Spitze des DFB steht, der die gesellschaftliche Funktion des Fußballs in einer demokratischen Gesellschaft mit konkretem und massivem Engagement stützt – und keineswegs nur in Sonntagsreden. Zwanzigers Handlungsanweisung am Rande der Trauerfeier in Hannover lässt hoffen: »Wir können dabei helfen, ein gesellschaftliches Klima zu verändern, damit eine Tabuisierung der Depression, aber auch der Homosexualität unmöglich gemacht wird. Wir müssen hier klare Zeichen setzen. Wir sind in der Bringschuld.«

Der Fußballkultur könnte das nur gut tun.

Dr. Uli Glaser (Jg. 1960) war als Leiter des Amts für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg maßgeblich an der Konzeptions- und Startphase der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur in Nürnberg seit 2002 beteiligt. Nach längeren Ausfällen aufgrund einer seit der Jugend wirksamen, aber erst 2004 diagnostizierten, leichteren Depressionserkrankung nimmt er seit 2006 andere Aufgaben bei der Stadt Nürnberg wahr, derzeit als städtischer Beauftragter für Bürgerschaftliches Engagement im Referat für Jugend, Familie und Soziales. Er ist und bleibt der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur eng verbunden.