Auch dem Sand-Franz rast das Fußball-Herz

Am 7. Juni beginnt in Österreich und der Schweiz die Fußball-Europameisterschaft. Das Kunst und Kulturprogramm ist schon im Gang. Was es zu bieten hat, kann nun gesichtet werden.

Auch dem Sand-Franz rast das Fußball-Herz

Eine Sichtung des EM Kunst- und Kulturprogramms

von Jochen Hieber

Bergdörfer unter sich

Es gibt allerlei. In den Walliser Alpen etwa findet vom 23. bis zum 25. Mai auf 2008 Metern Höhe die erste Fußball-Europameisterschaft der Bergdörfer statt. Gastgeber für sieben ausländische Teams und zugleich Vertreter der Schweiz ist der FC Gspon, für Deutschland tritt der TSV Rugendorf aus der A-Klasse Bayreuth/Kulmbach an, für Holland nimmt der SC Buitenveldert teil – Berge gibt es im Amsterdamer Vorort zwar nicht, vor vier Jahrzehnten aber hat dort der nachmalige Ausnahmespieler und Trainer Frank Rijkaard die ersten Fußballstiefel geschnürt: das reicht als Legitimation bis heute. Gespielt wird in der nur für Bergsteiger oder mit der Seilbahn zu erreichenden „Gspon Arena“, einem Kleinfeld aus Sand und Holzspänen, acht Spieler stellt jedes Team, zwei Mal dreißig Minuten müssen die blutigen Amateure pro Auftritt in der dünnen Höhenluft durchhalten.

 

Der Sand-Franz

Auch in Klagenfurt kommt Fußballkultur vor. Dort wird im Juni der Villacher Künstler Gert Hödl eine überlebensgroße Sandskulptur von Österreichs berühmtestem Wahlbürger errichten. Der „Sand-Franz“, der dem Kitzbüheler Bauernhofbesitzer Franz Beckenbauer bis aufs letzte Korn ähneln soll, sorgt in Kärnten schon seit Monaten für heftige Diskussionen – nicht zuletzt die Partei des Landeshauptmanns Jörg Haider polemisiert heftig gegen das Projekt und sähe es am liebsten vom Winde verweht. Solche Gegnerschaft kommt dem Künstler sehr zugute – der deutschen Nationalmannschaft, die am 8. und 12. Juni die ersten beiden Gruppenspiele in Klagenfurt absolviert, könnte das temporäre Kaiser-Denkmal immerhin als statuarische Mahnung dienen, gepflegten und erfolgreichen Fußball zu spielen.

 

Österreich am Ball

Gleich zwei Institutionen konkurrieren in Österreich um die Kulturhoheit vor und während der Euro 2008. „Österreich am Ball“, vom Bundeskanzleramt finanziert, bietet unter anderem die Fußballausstellung „herz:rasen“ im Künstlerhaus Wien, die Fußballoper „Playing Away“ in St. Pölten, das Kurzfilmfestival „Eleven Minutes“, dessen Beiträge in den „Kunstzonen“ aller vier Ausrichterstädte zu sehen sein werden, sowie am 11. Mai im Wiener Ernst-Happel-Stadion eine der jedenfalls medial spektakulären Nacktinstallationen des New Yorker Artisten Spencer Tunick. Dass die singenden Weltstars Anna Netrebko, Plácido Domingo und Rolando Villazón am 27. Juni, zwei Tage vor dem Endspiel, zu Ehren des Fußballs ebenso in Schloss Schönbrunn auftreten wie am Abend danach die Wiener Philharmoniker unter Zubin Mehta und mit Lang Lang am Flügel, ist fast schon eine kulturprominente Selbstverständlichkeit.

 

Plattform 32

Die „Plattform 32“, benannt nach den 32 Lederflicken des klassischen Fußballs, sucht ihr Heil in eher alternativen und avantgardistischen Genres und Aktionen. Neunzehn Projekte von der „Politgeschichte des Vereinsfußballs“ bis zur Internetperformance „Wunschwelt“ – hier soll sogar Österreich Europameister werden können –, von „Emotionszonen“ zum Abreagieren der Fan-Gefühle in der Nähe der Spielorte bis zur Erkundung des „Nobelpuff“-Quartiers beim Wiener Praterstadion sind angekündigt, oftmals indes sehr vage. Ob, wann und wo etwa die „battle of music“ stattfindet, ein Wettbewerb von Musikern aus den sechzehn Teilnehmerländern der Euro 08, bleibt bisher ebenso unklar wie der Standort der „Europabrücken“, eines Wettstreits zur Überwindung von Gräben.

 

Literaten-Euro

Sicher ist, dass es vom 6. bis zum 21. Mai in Wien ein „Literaturfest“ geben wird, an dessen vier Schlusstagen eine „Literaten-Euro“ über die Bühne geht – die Autoren-Nationalteams von Österreich und der Schweiz treffen auf diejenigen der Nachbarländer Slowenien und Ungarn. Ehrenspielführer des einheimischen „Wunderteams“ ist der vierundfünfzig Jahre alte Erzähler und Essayist Robert Menasse, seinerseits Sohn eines österreichischen Altinternationalen. Menasse vermisst am Kunst- und Kulturprogramm zur Europameisterschaft vor allem eine „übergreifende Idee“ und beargwöhnt die „ästhetischen Parallelaktionen“ als bloße Camouflage für „die Schamlosigkeit der Geschäftemacherei“.

Dass das Burgtheater während der EM wegen der so lärm- wie umsatzträchtigen Fanmeile an der Ringstraße auf Vorstellungen verzichtet, dafür aber dem Bundeskanzler und gleichzeitigen Sportminister Gusenbauer als „Regierungslounge“ zur Verfügung steht, gilt Menasse als weiterer Beleg für die „allumfassende Gier nach Profit und Prominenz“. Tatsächlich dominieren einen Monat vor Beginn der Europameisterschaft in beiden Gastgeberländern die Marketingaktionen und Werbekampagnen lokaler Unternehmen wie globaler Konzerne ganz eindeutig das öffentliche Bild.

 

Spielbereite Stadien und die Herrschaft des Pöbels

Bei der Fahrt durch Österreich und die Schweiz kann man aber auch musterhaft erledigte Hausaufgaben besichtigen. Trotz minimaler Restarbeiten, etwa in Innsbruck, sind die acht Stadien längst spielbereit. Ihre Architektur verbindet das Kleine und Feine mit gediegenem und, wie der neue Zürcher Letzigrund, bisweilen auch mit extravagantem Raffinement. Sie ist schon jetzt repräsentativ für das, was vom 7. Juni an für drei Wochen von den Gastgebern zu erwarten ist: Überschaubarkeit und Gelassenheit vor einer so selbstbewussten wie perfekt aufgeräumten Kulisse. Man hofft unter einer dauerhaften Alpensonne auf ein farbiges, aber, bitte sehr, auch nicht zu überschwängliches, gar überbordendes Spektakel.

Im Schweizer Bürgertum, erzählt der Zürcher Philosoph Georg Kohler, gebe es durchaus Besorgnis über „eine kurzfristige Herrschaft des Pöbels“, in Ansätzen deshalb auch eine Bewegung des „Nichts-wie-weg“. Die ausländische Klientel, die das Ereignis millionenfach anziehe, sei zudem nicht diejenige, die die Schweiz suche: „Diese Klientel wird im Juni eher abgeschreckt“. Ein „Feuer der Begeisterung“ wie vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Deutschland werde es jedenfalls nicht geben. „Deutschland“, so Kohler, „musste und wollte sich vor der Welt beweisen. Die Schweiz aber steht nicht unter Beweiszwang. Man hat seinen Platz und daran ändert auch die EM nichts.“

 

Theatersport EM

In der traditionsstolz dezentralen Republik gibt es mit Ausnahme der „Theatersport EM“, einer höchst munteren Sprachrangelei zwischen sechs europäischen Improvisationsteams auf sechs deutschschweizer Bühnen, kein übergreifendes Kulturgeschehen. Dass man diese Veranstaltungsserie, wenngleich an spielfreien Tagen, ausgerechnet in die Finalwoche des Fußballs legte, wird in jedem Fall Zuschauer kosten – nicht wenige Fans müssen sich zwischen den entscheidenden Rasenspielen einfach erholen, jede noch so treffende Theaterpointe kann da der Anstrengung zuviel sein.

 

Der Triumph unserer Farben

Zu jeder Zeit komfortabel im Internet kann man sich hingegen die Ausstellung „Der Triumph unserer Farben“ anschauen. Die kundige Dokumentation des Schweizer Erfolgs bei den Olympischen Spielen von 1924 – man verlor zwar das Finale gegen Uruguay, war damit aber zum ersten und einzigen Mal so etwas wie „Europameister“ – wurde gerade beim Genfer Salon du Livre präsentiert, bleibt nun aber virtuell dauerpräsent – übrigens samt den hinreißenden Fußball-Karikaturen des Großdramatikers Friedrich Dürrenmatt aus den siebziger Jahren.

Selber Fußball gespielt hat Dürrenmatt von Berner Kindesbeinen an. Mit einem Teil der nicht unerheblichen Tantiemen aus den Welterfolgen „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ hat er später Xamax Neuchâtel, die Mannschaft seiner Wahlheimat, gesponsert. Unwahr jedoch muss die Anekdote sein, Dürrenmatt habe nach Niederlagen seines Lieblingsklubs, den Grasshoppers Zürich, jeweils eine Woche lang unter Schreibblockaden gelitten. Stimmte das wirklich, wäre sein Werk sehr schmal geblieben. Und ungeschrieben wohl auch jene Sentenz, die sich nun wie die Vorwegnahme einer Kritik am aktuellen Systemfußball liest. „Je planmäßiger Menschen vorgehen“, lautet sie, „desto wirksamer trifft sie der Zufall.“ Schauen wir gelassen und gespannt, wen die Sentenz bei der Euro 2008 zuerst treffen – und dann fällen wird.

 

Jochen Hieber

 

Jochen Hieber, geboren 1951 in Aalen/Baden-Württemberg.
Seit Sommer 1976 regelmäßige freie Mitarbeit als Literatur-, Theater-, und Fernsehkritiker bei der „Süddeutschen Zeitung” und der Wochenzeitung „Die Zeit”. Seit 1983 Feuilletonredakteur und Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 2001 bis 2005 moderierte er den „Weimarer Salon” im MDR-Fernsehen. Er war von September 2003 bis September 2006 als Kulturbeautragter für die Fußball-WM in Deutschland tätig und tourte mit dem GLOBUS durch die Austragungsorte, zudem war er Chefredakteur des Magazins ANSTOSS, der Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogramms zur WM. Hieber moderierte zusammen mit Katrin Müller-Hohenstein die Gala zum Deutschen Fußball-Kulturpreis der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur 2006 und 2007.