4 Wochen zu Gast in Südafrika

Harald Kaiser vom kicker über seine persönlichen Erlebnisse während der WM in Südafrika

Harald Kaiser

von Harald Kaiser

Harald Kaiser berichtete für das kicker-sportmagazin von der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika - direkt aus dem Gastgeberland. Für die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur schildert er seine ganz persönlichen Eindrücke und Erlebnisse.

 

 

Die Ankunft - Tipps von Sean Dundee und Co.

Da standen sie also vor mir - John und Chloe, zwei der drei Personen, die für vier Wochen meine Gastfamilie werden sollten. Am Nachmittag des 10. Juni holten mich Vater und Tochter Loughead mit ihrem VW Golf bei strahlendem Sonnenschein vom Flughafen in Port Elizabeth ab, während Mutter Margaret noch ihrer Arbeit im nahen VW-Werk in Ujtenhage nachging; das große Abenteuer Weltmeisterschaft in Südafrika, es hatte begonnen.
Monatelang hatte ich mich genau wie die zehn anderen Südafrika-Fahrer des kicker akribisch auf diese erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden vorbereitet. Hatte mich in die Geschichte des Landes und des Fußballs auf dem schwarzen Kontinent eingelesen und unzählige Gespräche mit Rainer Zobel, dem deutschen Trainer des südafrikanischen Erstligisten Moroka Swallows, und meinem Kumpel Sean Dundee geführt, dem in Durban lebenden früheren Bundesliga-Torjäger. Das WM-Sonderheft des kicker hatte ich so gut wie auswendig gelernt, die aktuellen Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Spielern, Trainern und befreundeten Journalisten aus den 32 Teilnehmerländern zusammengestellt und nicht zuletzt meinen Körper so getrimmt, dass er auch eine alles in allem 24-stündige Anreise, die empfindlich kalte erste Winterwoche im heizungslosen Haus der Lougheads und 19 aufeinanderfolgende Tage mit mindestens zwei WM-Spielen verkraftete.

 

Port Elizabeth - zwischen Vuvuzelas, Townships und Carpaccio vom Kudu

Das Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko am Tag darauf erlebte ich zusammen mit 10000 völlig losgelösten Südafrikanern und gefühlten 20000 Vuvuzelas auf dem großen Fanfest im St. George's Park von Port Elizabeth, das ich, wie jeder unten am Kap, schon bald nur noch PE nannte. Es war der Auftakt einer Vielzahl von interessanten und spannenden WM-Erlebnissen. Aus dem spektakulären Nelson-Mandela-Bay-Stadion von PE berichtete ich über fünf Vorrundenspiele, darunter die Partie der deutschen Nationalmannschaft gegen Serbien - das Ergebnis hab ich längst vergessen -, das Achtelfinale Uruguay gegen Südkorea (2:1) und das Viertelfinale Brasilien gegen Niederlande (1:2); schnell wurde klar, dass sich alle im Vorfeld gestreuten Bedenken (Bayern-Präsident Uli Hoeneß: "Es war einer der größten Fehler der FIFA, die WM nach Südafrika zu vergeben") als null und nichtig erweisen würden. Das Lächeln auf den Lippen aller Offiziellen, Polizisten und Helfer ließ kleinere organisatorische Mängel vergessen, das vor Turnierbeginn so hochgekochte Thema "Sicherheit" spielte schon nach wenigen Tagen keine Rolle mehr. Im riesigen Township Kwa Zakhele vor den Toren von PE sah ich mir, neugierig bestaunt, doch nie bedrängt, einige Spiele eines von "A chance to play" organisierten großen Jugendfußballturniers an; fasziniert notierte ich, mit welcher Begeisterung die ausnahmslos schwarzen, sozial extrem benachteiligten Jugendlichen am Rande des aus ärmlichsten Blechhütten bestehenden Townships hinter einem zwei Meter hohen Drahtzaun "ihre" WM austrugen.
Ich aß scharf gewürzte Boerewors und Biltong (luftgetrocknetes Fleisch von Rind, Strauß oder Springbok), gegrillten frischen Frisch und Carpaccio vom Kudu, einer Antilopenart, und trank Windhoek Lager, ein streng nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier (was auch auf Deutsch auf dem Flaschenetikett steht). Und mein Gastvater John nahm sich Zeit, mir ein bisschen Südafrika zu zeigen. Wir besuchten den Addo-Elefantennationalpark, wanderten am weißen Strand von PE auf und ab und fuhren mit dem Auto die beeindruckende Küste entlang. Vier arbeitsreiche, aber überaus spannende und interessante Wochen rasten vorüber, und irgendwie konnte ich es kaum fassen, dass alles schon wieder vorbei sein sollte, als mich John, Margaret und Chloe einen knappen Monat nach meiner Ankunft wieder am Flughafen ablieferten.

 

Was brachte die WM dem Gastgeber?

Die WM also ist Vergangenheit, für mich, vor allem aber für die Südafrikaner. Natürlich hat der Fußball die großen Probleme des 49-Millionen-Einwohner-Landes nicht lösen können. Es gibt sie nach wie vor, die Rassenkonflikte, die extreme Kluft zwischen Arm und Reich, die hohe Arbeitslosigkeit, die schlechte Strom-und Wasserversorgung in den Armenvierteln und die erschreckend hohe Rate HIV-Infizierter. Andererseits, die Infrastruktur hat sich spürbar verbessert, vom Schienennetz über Straßen und Autobahnen bis hin zu den fünf hochmodernen neuen Stadien. Und, vor allem, das Land am Kap konnte sich einer gespannten Weltöffentlichkeit vier Wochen lang trotz teilweise sehr kühler Witterung als ein Quell überbordender Lebensfreude präsentieren. "Diese WM", sagte John Loughead noch am Flughafen zu mir, "hat unserem Land einen unglaublichen Schub gegeben."