Literatur

111 Gründe, den Hamburger SV zu lieben

Eine Liebeserklärung an den HSV von Jörn von Ahn, Thorsten Eikmeier, Malte Laband und Philipp Markhardt

Jörn von Ahn, Thorsten Eikmeier, Malte Laband, Philipp Markhardt

111 Gründe, den Hamburger SV zu lieben - Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt

ISBN 978-3-86265-259-4
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2013
256 Seiten, 9,95€

Rezension von Andreas Bischof*

Eigentlich braucht die Liebe zu einem Fußballverein keine rationalen Begründungen, womit sich der Titel "111 Gründe den Hamburger SV zu lieben" in eine gewisse Erklärungsnot bringt. Wozu in Vereinshistorie und Statistiken Argumente für den HSV suchen, wenn die Adressaten ohnehin Anhänger sind? Vielleicht weil für leidgeplagte Fans „des Dinos“ der Blick zurück in diesen Tagen tröstlicher ist als der auf die Sportseiten. Damit ist aber auch die große Herausforderung für ein Episodenbuch über die Rothosen klar: Es muss nicht nur über 256 Seiten unterhalten, sondern auch in harten Zeiten die Liebe zu ihrem Verein zu nähren. Unter den ersten Gründen finden sich dementsprechend fast ausschließlich Historienbilder: Die 36 in Folge ungeschlagenen Spiele von Januar 1982 bis Januar 1983, Reminiszenzen an „Uns Uwe“ und Dietmar Jakobs, gekrönt vom gemeinsam genutzten Spind von Kevin Keagan und Franz Beckenbauer (Grund 19). Keine ungeahnten Entdeckungen aus dem Archiv aber in appetitlichen Häppchen aufbereite Folklore. Zu echter Erbauungsliteratur, die mehr als wehmütige Erinnerungen bereithält, taugt eigentlich nur Grund 22 "Warum auch Niederlagen stark machen", der die nationalen und internationalen Triumphe von 1981 bis 1983 im verlorenen Landesmeisterpokalfinale von 1980 (0:1 gegen Brian Cloughs Nottingham Forrest) begründet sieht. Darüber, wie oft die Aussicht auf bessere Zeiten nach tiefem Tal von sportlich Verantwortlichen in Hamburg zuletzt beschworen wurde, schweigt sich das Buch freundlicherweise aus. (Ebenso wie über die skandalös aufgelöste Frauenfußballabteilung.)

Unglücklicherweise schafft es das Buch selten, die Episoden zumeist besserer Zeiten mit tatsächlich Erlebtem zu füllen. Der Verzicht auf Subjektivität bei der Präsentation der Anekdoten wirkt bei Themen aus den jüngsten Spielzeiten sogar merkwürdig. Für René Adlers wundersames Comeback vom Abgeschriebenen zum stabilen Rückhalt mag eine Erwähnung unter 111 Gründen Wert sein. Die Lobpreisung Rafael van der Vaarts rechtfertigt der vereinsinterne Verkaufsrekord des Trikots mit Nummer 23 zwar faktisch, Formulierungen wie „kleiner Engel“ und „einer der besten Spieler Europas“ klingen im Herbst 2013 allerdings etwas überholt. Wenn der geplante HSV Campus als Belebung des Volksparks oder der dort angelegte HSV-Friedhof oder das Videoportal HSV TV gefeiert werden, liest sich das eher wie ein Marketing-Positionspapier als eine Geschichte für Auswärtsfahrten. Die Aussage "Weil man auch im Jahr 2013 ein Sportverein und keine Kapitalgesellschaft ist", klingt angesichts der aktuellen Pläne zu "HSV Plus" gar naiv. (Böse Zungen könnten zudem anmerken, dass das jüngste Wirtschaften im Rahmen einer Kapitalgesellschaft die glorreiche Historie jäh hätte beenden können.)

Dieser Wermutstropfen soll nicht überdecken, dass die Annäherung an den eigenen Verein zuweilen auch mit Ironie geschieht. Neben Seitenhieben auf Konkurrenten („Wer meint, 32 Jahre seien eine lange Phase, der kann sich ja mal die Zeit nehmen und den Briefkopf von Schalke 04 etwas näher untersuchen.“) nimmt sich die Fan-Öffentlichkeit auch selbst aufs Korn, wobei sich auch der Rezensent als Nörgelfan ertappt fühlt: „Weil beim HSV alles schlecht ist. Immer.“. Eine echte Liebeserklärung an den HSV, wie es im Untertitel heißt, ist das Buch immer dann, wenn die Beobachtungen am Rande des Geschehens berichtet werden. Zum Beispiel die Überschreitung modischer Schmerzgrenzen beim Finalsieg im Pokal der Pokalsieger 1979 gegen RSC Anderlecht (2:0): Zur Pokalübergabe erschienen die Spieler in „nicht einmal knielangen Frotteebademänteln“ als Schutz gegen des Auskühlen. Wenn die Autoren noch mehr von sich selbst, ihren Fahrten, Siegen und auch Niederlagen mit dem HSV geschrieben hätten, hätte das Buch echte Infektionsgefahr. So ist es ein angenehmer Suchtersatz für bereits am Rauten-Virus Erkrankte.

FAZIT

Die im Klappentext versammelten HSV-Phrasen (Erstliga-Urgestein, emotionales Auf und Ab, Traditionsverein, Medienstadt Hamburg, schlafender Riese) geben den Rhythmus des Buchs vor: „111 Gründe den Hamburger SV zu lieben“ gehört eher zur Einsteigerliteratur für Hamburg-Fans. Auch wenn sich einige Gründe differenzierter ausnehmen, überwiegt der Eindruck eines unkritischen Emotions-Trailers in DFL-Manier statt eines Fan-Kompendiums. Dazu leider Abzüge in der B-Note für den inflationären Gebrauch von Ausrufezeichen und das fünfzeilige Silbermond-Zitat in Grund 106.

 Verlagsinformationen

* Andreas Bischof ist Kulturwissenschaftler und HSV-Fan, spielerisch eher Bernd Hollerbach als Felix Magath und beim Tippen in schöner Regelmäßigkeit so erfolgreich wie sein Verein in der Bundesliga.