Freund von Klischees
Kurz vor dem Champions-League-Rückspiel Barca-Arsenal 2011 spricht Tim Oehler mit dem Liedermacher Gisbert zu Knyphausen über Fußballer, Musiker und den SV Werder Bremen.
G: Ich bereite mich schon mental auf heute Abend vor.
T: Arsenal?
G: Auf das Fußballfest.
T: Ja, ich glaub auch, dass die Chancen gut stehen, dass es das wird. Hast Du das Hinspiel gesehen?
G: Das Hinspiel habe ich gesehen. Das war echt ein Knaller. Ich hätte nicht gedacht, dass die das noch umbiegen.
T: Ja, und Barca muss ja heute kommen, aber ich glaube, die können eh nicht anders. Und meine Frau hat mir gesagt, dass sie zu ihren Schwestern fährt, also kann ich das einfach nur wirken lassen.
G: Das kann eigentlich nur gut werden. Ja genau, die müssen Tore schießen.
T: Van Persie ist aber nicht dabei. Ich hab das vorhin im „Kicker“ gelesen. Aber egal, die haben trotzdem immer noch eine ausreichend gute Mannschaft.
G: Ja, der ist aber natürlich schon gut.
Fußballerleben, Musikerleben
T: Gucken wir. Aber das ist eigentlich im Prinzip schon eine schöne Überleitung, die man da so hingekriegt hat. Ich glaube ja, dass es viel gemeinsam hat, so ein Musikerleben und ein Fußballerleben. Es gibt wohl einige Parallelen, und da Du ja ein ausgewiesener Freund von Klischees bist, bediene ich mich derer mal. Vor zwei, drei Jahren ist es Dir ja auch so ergangen, dass Du auf einmal in der Öffentlichkeit standst. Leute, die auf einen einrennen und alles Mögliche von einem haben wollen. Ich denke schon, dass man das vergleichen kann. Siehst Du das auch so?
G: Ja, ich denke schon, wobei Fußballer schon viel mehr im Fokus stehen. Die sind ja jedes Wochenende im Fernsehen. Das ist man ja als Musiker nur, wenn man Madonna ist. Oder um in Deutschland zu bleiben: Grönemeyer, aber der hat’s ja auch ganz gut hingekriegt, sich aus der Öffentlichkeit zu ziehen.
T: Der lebt in London.
G: Genau, der ist geflüchtet. Vor dem deutschen Boulevard zumindest. Aber bei mir ist das erst vor drei Jahren losgegangen. Da war ich schon älter als die Fußballspieler. Du hast auf einmal Berater und alles reißt sich um dich. Ich kann mir vorstellen, wenn die in dem Alter nicht gut geschützt werden – vom Trainer und vom Verein – und die dich nicht ein wenig heraushalten aus diesem medialen Kreuzfeuer, dann kann das wohl schon sehr, sehr schwierig sein, mit der Situation umzugehen. Das wird dann echt anstrengend, glaube ich.
T: Und wer schützt Dich?
G: Vor allem ich selbst. Aber ich habe auch einen Berater, einen Manager sozusagen. Am Anfang wollte ich alles selber machen, aber mittlerweile habe ich viel abgegeben. Die Anfragen, die kommen, gehen zuerst zu ihm und er leitet mir das dann weiter.
T: Also er filtert das auch für Dich?
G: Ja genau, und wenn ich dann sage, dass ich keine Lust darauf habe zu antworten, dann schreibt er eine nette Absage. Das hört sich jetzt privilegiert an, ist aber ab einem gewissen Punkt wichtig. Bei mir hält sich das alles noch in Grenzen, aber wenn der Erfolg noch größer wäre, ist das unumgänglich.
T: Klar, und wenn du dann als Spieler jede Woche von einer Horde Reporter umlagert wirst, dann ist das mit Sicherheit nicht einfach. Aber trotz allem wundere ich mich immer, wie die Spieler mit 21 oder 22 Jahren so abgesottene Medienprofis sind. Im Grunde sind die ja echt noch klein. Da drängt sich mir immer auf, dass es irgendwo irgendeinen Gesprächsleitfaden für „Ich werde Profi und stehe im öffentlichen Leben“ geben muss...
G: Du kannst ja auch so Interview-Kurse machen, wo du lernst, damit umzugehen. Große Plattenfirmen bieten das auch an. Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie das bald macht. Was vielleicht auch gar nicht so doof ist, weil man einfach lernt, wie man ein Gespräch elegant in seine Richtung lenken kann.
T: Das kannst du aber auch so...
G: Ja, das stimmt, aber man verplappert sich auch schnell. Das kommt immer darauf an, wie viel Angst man hat, etwas von sich preiszugeben, was andere Leute gar nicht wissen sollen.
T: Aber ist da nicht der beste Rat – wie im richtigen Leben auch: bleibe bei Dir selbst? Du warst immer sehr offen, habe ich den Eindruck gehabt. Ich hab jetzt bei weitem nicht jedes Interview von Dir gelesen...
G: Zum Glück!
T: Gut, ich hab Dich einfach kennengelernt, und das war schon so, dass Du eine sehr offene Art hast. In dem Moment gibst Du natürlich viel Angriffsfläche, aber andererseits auch nicht, weil alles gesagt ist.
G: Ja, das stimmt, da hast Du Recht. Aber es ist trotzdem ein seltsames Gefühl. Wobei, so viel habe ich gar nicht preisgegeben. Das liegt auch an der Art Musik, die ich mache. Da komme ich sehr schnell auf persönliche Themen. Und das ist dann schon seltsam, weil es ja meistens ein komplett Fremder ist, mit dem man da über seine Sachen redet. Die gebe ich natürlich auch preis auf der Bühne, aber da habe ich dann auch oft das Gefühl, dass eben alles gesagt ist.
T: Kann ich verstehen. Da baue ich mal noch ein Klischee ein, was die parallelen Lebenswelten betrifft. Stichwort „Lagerkoller“, bei Fußballern tritt der immer bei großen Turnieren auf. Jens, Dein Gitarrist, hat das neulich so schön gesagt, als wir in der „Hasenschaukel“ saßen. Da sagte er, dass ihr bei so einer Tour wie in einer Blase lebt.
G: Ja, genau.
T:. Lagerkoller. Kennst Du das auch? Bei einer Tour, wo Du dann im Bus sitzt mit den immer gleichen Leuten und jeder hat gute und schlechte Tage... Gibt es so etwas bei Euch?
G: Das gibt es auf jeden Fall. Generell, am Anfang freue ich mich immer sehr, dass es losgeht. Die ersten drei, vier Tage ist das immer ein wahnsinnig toller Roadtrip und am fünften oder sechsten Tag kommt dann der erste Hänger. Wenn man zwei oder drei Wochen zusammen unterwegs ist, wird das irgendwann anstrengend. Man ist in so einem kleinen Bulli unterwegs. Jeder Platz ist besetzt. Man sieht immer dieselben Fressen und dann freut man sich irgendwann über jede Minute, die man allein sein kann. Auf dem Konzertabend bist du dann ja auch entweder auf der Bühne und bist da sowieso nicht allein und nach dem Konzert willst du auch ein Bier trinken, lernst tausend Leute kennen und laberst und laberst. Eigentlich lernt man dann sehr zu schätzen, wenn man fünf Minuten auf dem Klo sitzt und allein sein kann oder tagsüber, wenn man Zeit hat, ‘ne Stunde spazieren zu gehen. Das ist dann schon absoluter Luxus, sich diese Ruhephasen zu suchen und bei sich selbst sein zu können, das ist das Schwierigste auf so einer Tour. Wenn man diese Zeit nicht findet...
T: Das kann ich gut nachvollziehen. Da finde ich auch tatsächlich Parallelen. Ich will jetzt auch nicht nur Parallelen wegschustern, aber die Mannschaft hockt ein ganzes Jahr zusammen. Die sehen sich jeden Morgen, jeden Nachmittag und grätschen sich obendrein noch in die Füße. Das ist schon was anderes.
G: Das ist echt was anders, wobei so ein Bandleben besteht ja dann auch aus Training. Wir proben ja auch. Wir sehen uns vor den Touren, telefonieren uns gegenseitig ab, um Sachen zu organisieren. Man sieht sich schon oft, was auch dazu führt, dass man sich abseits der Musik weniger sieht. Also weniger sehen will, weil man auch mal eine andere Fresse sehen will.

T: Kann ich verstehen. Ist das auch ein Grund gewesen, warum Du von Hamburg nach Berlin gezogen bist? Weil ja die meisten aus Deiner Band nicht in Berlin sind?
G: Nein, mit denen hatte das nichts zu tun. Die vermisse ich schon. Auch wenn man sich mal auf den Geist geht und man sich so oft sieht, ist es schon eine Art Ersatzfamilie, die man sich da geschaffen hat. Ich freue mich auch jedes Mal, die wieder zusehen.
T: Also wie Bayern jetzt Van Bommel verkauft hat, das ist bei Euch nicht vorstellbar?
G: Nein, das ist nicht so einfach vorstellbar! Es gibt aber Bands, die arbeiten auch so. Das sind dann eher offene Projekte, wo ständig das Rotationsprinzip angesagt ist. Aber bei mir ist das eine feste Truppe.
T: Aber die ist ja auch gewachsen. Wenn ich mir das mal von Anfang an ansehe, bist Du zuerst allein aufgetreten und dann hat sich die Band irgendwie ergeben.
G: Ja.
T: Und dann seid ihr zusammengewachsen. Ich habe euch echt haufenweise gesehen und da gab es schon Unterschiede. Am Anfang war das auch gut, aber am Ende einer Tour kamt ihr auf einmal als abgeklärte Rampensäue rüber. Das täglich miteinander Spielen scheint auch so eine Art Konversation zu ersetzen. Zu einer Art besserem Verständnis zu führen...
G: Ja genau. Man lernt immer mehr, wie der andere tickt und funktioniert in dem Song, und kann auch sehr direkt darauf reagieren. Ich merke das oft, wenn wir einfach mal so drauf losbollern und kein konkretes Lied haben und einfach so herumjammen.
T: Ist es da auch so, dass Du Dir sagst, ich hab hinten links Philip Lahm und auf der Ecke passiert mir nichts. Ich hab was Verlässliches. Das man ein Charakter findet für ein Instrument. Das man weiß, der macht immer sein Ding. Und der andere überrascht mich auch mal, wenn er nach vorne geht. Das Bild drängt sich mir gerade auf.
G: Das haben wir in unserer Band auch. Gunnar ist so der verlässliche Part. Das könnte so eine Sechser-Position sein.
T: Gunnar Ennen als Sechser!
G: Sozusagen der Ruhepol im Spiel. Der ist einfach immer konstant. Der ist auch immer gut gelaunt. Ich habe den noch nie so richtig schlecht gelaunt gesehen. Und wenn er auf der Bühne ist, ist es echt selten, dass der sich mal verspielt. Der ist immer total da und total drin. Und man weiß, um den muss man sich keine Sorgen machen. Und da gibt es andere Leute –zu denen zähle ich dann auch – wenn die einen schlechten Tag haben, dann ist es auch mal schlecht.
T: Aber das merken die selbst dann auch am ehesten. Das Konzertpublikum bekommt das doch selten mit, oder? Das ist beim Fußball dann schon anders. Wenn da einer einen schlechten Tag hat, weiß das ganze Stadion Bescheid. Tausende Max Merkels, die ohnehin alles besser wissen. Das ist ja klar. Und beim Konzert spielst du ja auch nicht gegen irgendjemanden. Mich hat es interessiert, weil es sich bei einer Band ja auch um ein festes Team handelt.
G: Ja, das stimmt. Was das betrifft, ist ein Konzertpublikum viel dankbarer als ein Fußballpublikum.
T: Genau.
G: Die pfeifen einen nicht so schnell aus. Es sei denn, es ist eine Horde Tote-Hosen-Fans und die warten auf die und das Vorprogramm ist nicht gewünscht.
T: Meines Wissens warst Du noch nicht Vorband von den Toten Hosen.
G: Ne, war ich noch nicht.
T: Das würdest Du doch auch nicht machen.
G: Das würde wohl auch nicht hinhauen.
Fußball gucken - Overkill
T: Themawechsel. Im Grunde ist es ja so, dass man von Montag bis Sonntag Fußball gucken kann. Und Du bist dem Sport ja sehr zugewandt. Ich habe oft das Gefühl, dass es viel zu viel wird. Heute Abend, klar, das ist ein Leckerbissen, das wird wohl ein großes Ding, aber wir haben letztes Jahr Stuttgart gegen Urinici oder wie immer sie hießen in der Champignon-Liga geguckt und das war nun wirklich ein Albtraum. Ist nicht die Überdosis an Fußball schon längst erreicht? Es soll ja jetzt noch mal alles verändert werden. Geht Dir das auch auf den Sack?
G: Ich finde es schon echt einen ganz schönen Overkill. So gern ich auch Fußball gucke. Ich finde es schon ziemlich krass, wie sehr durch die Fernsehverträge die Spieltage auseinander gezogen werden. Wie es jetzt bei der Champions-League auch ist. Heute zwei Spiele, morgen zwei Spiele und nächste Woche die nächsten vier. Das ist echt zu viel.
T: Ja, wenn du Fußball-Fan bist, willst du die Spiele ja auch gucken. Und jetzt kommen ja die ganzen knackigen Spiele in jedem Wettbewerb. Eigentlich kann man sich nicht mehr wirklich verabreden.
G: In der Endphase einer Saison ist das immer krass. Die Bundesliga wird immer spannender, dann kommen die geilen Champions-League-Spiele und irgendwann wird die Euro-League auch interessant.
T: Sehr schöner Seitenhieb. Sehe ich aber ganz genau so.
G: Und DFB-Halbfinale, ja gut, das war ja gerade.
T: Stimmt, aber es gehört ja zu den Muss-Spielen ebenso dazu. Das war letzte Woche. Da sitzt man dann auch Dienstag und Mittwoch vor der Glotze.
G: Alle zwei Jahre ist dann im Sommer auch noch ‘ne große Veranstaltung, auf die man natürlich auch total Bock drauf hat. WM, EM. Apropos, guckst Du Dir eigentlich Frauen-WM-Fußballspiele an?
T: Barbara und ich wollen da hingehen.
G: Hatte ich auch überlegt. In Leipzig ist doch was?
T: In Berlin sind auch Spiele, oder nicht?
G: Ach so, das kann sein. Das weiß ich gar nicht.
T: Dann musst Du aber Kartenmeister sein.
G: Ja, ich guck mal, was da so los ist. Wann geht die denn überhaupt los? Auch im Sommer wahrscheinlich.
T: „20Elf von seiner schönsten Seite“. Das ist der Slogan, mit dem sie versuchen, das alles noch ein bisschen weiblicher zu machen.
G: Ah, echt?
T: Ja, ist offiziell. Dann siehst du immer – ich hätte jetzt fast gesagt Jermaine Jones – aber Steffi Jones heißt sie.
G: Ist ein schöner Slogan.
T: Den Frauen geht es meines Wissens aber noch nicht so. Die sind noch nicht so überspielt. Die müssen nicht alle drei Tage die Stiefel schnüren und loslegen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Spieler aufgrund der Vielzahl von Spielen ein Motivationsproblem bekommen. Und wenn es dann nicht so läuft, ist es schwer, wieder die Kurve zu kriegen, das kann man ja gerade bei Bayern sehen.
G: Ich stell mir das auch total schwierig vor. Gerade, wenn du in so einer Topp-Mannschaft spielst. Spielst in der Champions-League gegen die besten Mannschaften der Welt und dann spielst du im DFB-Pokal gegen Pforzheim. Das musst du erst mal hinkriegen, mit einer Topp-Einstellung dabei zu sein. Oder auf die Bundesliga bezogen, Kaiserslautern oder so. Du weißt, wie bei Bayern jetzt, dass die Saison eh verkorkst ist, Pokal-Aus, Champions-League-Platz muss erreicht werden.... Das stell ich mir schwer vor.
T: Wobei ich für unsere Statistik-Freunde festhalten muss, dass ich mich nicht an eine aktive Beteiligung von Pforzheim erinnern kann. Ich weiß nicht, wann die das letzte Mal dabei waren.
G: Mir ist jetzt nichts anderes eingefallen. Ich weiß auch gar nicht, warum ich auf Pforzheim gekommen bin.
T: Keine Ahnung. Wäre auch nicht meine erste Wahl gewesen. Du kommst ja aus Hessen. Vielleicht stehen da schon Straßenschilder Richtung Pforzheim...

G: Nein, eher Schwaben da unten.
T: Also, mir ist Pforzheim als Schmuckstadt bekannt. Aber da kommt gleich die nächste Frage. Wieso ist man als Hesse Fan von Werder Bremen?
G: Das kommt durch eine damalige Freundin von mir. Ich hatte so eine Zeit, wo ich mich ein paar Jahre überhaupt nicht für Fußball interessiert habe, außer WM und so. Da habe ich die Sabeth kennengelernt und die war enthusiastischer Bremen-Fan. Die hat mich dann drei, vier Mal überredet, mit ins Stadion zu kommen, und da hat sich bei mir die Fußballleidenschaft wieder entwickelt und dann auch konkret zu dem Verein. Das kam eigentlich aber auch echt durch sie. Die Art und Weise wie Bremen arbeitet, fand ich sowieso immer sympathisch. Aber als ich dann im Stadion war und die Atmosphäre stimmte, hat sich das zu einem echten Fan-Tum entwickelt. Das hat nichts mit meinen Wurzeln zu tun, mit meiner Heimat, oder meinen Eltern. Also als Kind war ich bei der Eintracht. Es waren so zwei, drei Jahre, in denen ich ab und zu ins Stadion gegangen bin. Zu der Zeit hat die Eintracht noch ziemlich guten Fußball gespielt. Da war noch Anthony Yeboah da. Ich glaube sogar Uwe Bein.
T: Das passt sehr schön. Uwe Bein ist auch einer der wenigen, die den tödlichen Pass spielen konnten. Und somit einer der Namensgeber dieses Magazins, dem du gerade das Interview gibst.
G: Ja.
T: Das ist ja fast wie abgesprochen.
Lachen.
Der eigene Verein - Ja stimmt. Ich bin Opportunist
T: Bitte kurz zurück nach Bremen. Ich erinnere mich noch, wir haben vor fünf, sechs Wochen telefoniert und da warst Du der Meinung, Thomas Schaaf müsse gehen. Wie haut das hin?
G: Ja stimmt. Ich bin Opportunist.
T: Das glaube ich nicht. Die Bremer spielen seit Jahren einen gepflegten Ball. Das kann man nicht anders sagen. Sind die Fans eventuell zu verwöhnt?
G: Das Team Schaaf-Allofs habt in den letzten Jahren echt toll gearbeitet. Aber letzte Saison fand ich das schon alles etwas behäbig, wie die Mannschaft gespielt hat... Und da waren auch ein paar missglückte Transfers.
T: Ich muss Bremen aber auch ein wenig zur Seite stehen. Seit Micoud gegangen ist, haben sie immer jemanden aus dem Hut gezaubert, der im kreativen Spiel bombig eingeschlagen ist. Ich glaube, Bremen ist von Özil bei der WM überrascht worden und musste ihn gen Real Madrid ziehen lassen. Man sieht ja jetzt auch, was der in Madrid macht. Den bekommst du eben nicht auf die Schnelle ersetzt. Diego konnten sie kompensieren, aber Özil ein Jahr später war einfach nicht drin.
G: Ja, das ist wahr. Sie hatten ein bisschen Pech oder tatsächlich falsch eingekauft. Das kann ich nicht beurteilen. Ich sage jetzt mal, sie hatten Pech mit ein Paar Transfers. Zum Beispiel dieser Carlos Alberto, der überhaupt nicht funktioniert hat. Arnautovic hat auch nicht das gebracht, was sie sich erhofft haben. Der konnte sein Ego noch nicht nach hinten stellen und der Mannschaft helfen. Wen ich gut finde und einen guten Einkauf fand, ist Sandro Wagner, aber der hat auch noch nicht viel gespielt. Der war die letzten beiden Spiele dabei und hat gegen Freiburg getroffen.
T: Mitteldfeld. Ist Frings zu alt?
G: Nein, ich glaube nicht. Aber nächste Saison muss man sich dem Thema wohl langsam annehmen. Frings und auch Borowski sind beide gute Spieler. Die sind auch schon ewig dabei. Der Zenit scheint mehr als überstritten. Da weiß man nicht, ob es irgendwann vorbei ist.
T: Ich finde, bei Borowski ist das noch viel schwere zu verstehen. Der war mal eine tragende Säule und hat einen tollen Ball gespielt, aber seit Bayern ist da nichts mehr. Ich dachte, der kommt zurück nach Bremen und alles ist wieder so wie vorher, aber der ist nie wieder aufgetaucht.
G: Leider.
T: Das ist echt schade, der hat mir auch gut gefallen.
G: Aber Pasanen. Der war nie besonders dolle. Sylvestre war wohl auch nicht der beste Einkauf. Da haben sie wahrscheinlich gedacht, wenn der Hyppiä bei Bayer so eine tragende Rolle spielen kann, dann kann das Sylvestre auch. Der auch vorher immer fantastisch gespielt hat, aber das hat nicht funktioniert. Sie hatten Unglück bei ein paar Transfers habe ich das Gefühl. Und ich finde schon, dass es an der Zeit ist, den Alten Dampf zu machen. In letzter Zeit hat Schaaf den Trinks öfter aufgestellt. So einen jungen 18jährigen Spieler. Der bringt frischen Wind. Das würde ich mir wünschen. Vor allem im Abwehrbereich.
T: Wo wir vorhin den verlässlichen Gunnar aus Deiner Band hatten: Per Mertesacker ist ein Schatten seiner selbst. Er hat zwischendurch Tore geschossen, was eigentlich nicht sein Job ist, aber selbst der wirkt verunsichert.
G: Ja, genau. Leider ist Naldo die komplette Saison verletzt. Das merkt man auch extrem. Der war wahnsinnig gut.
T: Aber wenn sie jetzt die Kurve kriegen, und das wünschen wir ihnen ja, dann haben sie doch alles richtig gemacht. Dann hat Allofs alles richtig gemacht, der nie eine Diskussion über Schaaf zugelassen hat. Dann ist es richtig, dass auf Kontinuität gesetzt wird und auch Schaaf bleibt. Die Bremer haben über die letzten sieben, acht Jahre wunderbaren Fußball gespielt.
G: Für so eine Stadt und Mannschaft über allen Erwartungen. Es ist auch Quatsch zu denken, dass das die nächsten 10 Jahre so weiter gehen kann.
T: Die Erwartungen sind aber trotzdem gestiegen. Auch bei Dir.
G: Erst bloß im Mittelfeld und jetzt Abstieg. Logisch. Klar, die Erwartungen steigen.
T: Kennst Du das nicht auch?
G: Ich wollte gerade sagen, um auf die Musik zurückzukommen: Das ist bestimmt das Selbe. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass statt 80 Leuten da 500 oder mehr auf einem Konzert stehen, dann ist es bestimmt ganz schön schwierig, wenn es irgendwann weniger werden... Dann zu sagen, „Eh, dann ist es eben so. Ich habe trotzdem meinen Spaß auf der Bühne!“ ist schwer. Man gewöhnt sich tierisch schnell daran und nimmt das als selbstverständlich hin. Dessen muss man sich immer bewusst sein. Erfolg ist nicht selbstverständlich. Ich weiß auch nicht genau, ob ich das mit Anstand hinkriegen werde.
T: Aber das sieht ja erst einmal nicht danach aus, dass das passiert.
G: Ja, so schnell scheinbar nicht. Wenn’s so weitergeht wie jetzt, wird es im nächsten Jahr nicht gleich auf 50 Leute herunterschrumpfen. Aber keine Ahnung was in drei, vier Jahren ist. Mal gucken.
T: Aber Du hast Dir ja auch im Prinzip eine Pause verordnet. Bist Du überspielt? Du bist zwei Jahre im Einsatz gewesen. Braucht man dann nicht auch zwei Jahre, um wieder anzukommen?
G: Ich glaube nicht. Zwei Jahre Pause finde ich ein bisschen übertrieben. Ich mache ja auch nicht komplett Pause. Ich spiele dieses Jahr nur viel, viel weniger Konzerte, habe keine Deadlines. Das ist schon mal sehr beruhigend. Ich freu mich aber tierisch auf die Konzerte, die wir im Sommer spielen. Da sind geile Festivals dabei.
T: Das ist aber überschaubar. Nicht wie die letzten Jahre, wo Du ständig unterwegs warst.
G: Stimmt. Ich freu mich auch auf die Ruhe. Aber ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, dass ich jetzt zwei Jahre pausieren will. Vielleicht.
T: Ich kenne das nur vom Reisen. Wenn ich länger im Ausland war, habe ich ungefähr immer die Zeit, die ich weg war, gebraucht, um mich hier wieder einzugewöhnen – weil die ganzen Einflüsse da waren und das ganze Leben auf den Kopf gestellt war. Und das ist es ja bei so einer Never-Ending-Gisbert-zu-Knyphausen-Tour auch. Das ist ja kein normales Leben im klassischen Sinn.
G: Ja genau. Man hat überhaupt keinen Alltag. Das ist dann vielleicht auch noch ähnlich mit Fußballern. Trainingslager, Bundesliga, unter der Woche durch Europa, dann noch WM und EM und irgendwelche bescheuerten Freundschaftsspiele in Asien, um den asiatischen Markt zu erobern. Pflichttermine, dazwischen haufenweise Interviews, Autogrammstunden im Einkaufscenter ...
T: Das ist wohl das ganz normale Programm eines Profis. Ich glaube auch, dass die eigene Person bei der Unterschrift eines Vertrages gleich mit abgegeben wird. In dem Moment sind sie quasi Eigentum der Vereine und werden überall eingespannt.
G: Ja, das ist heftig. Das ist aber bei mir anders. Das gibt es im Musikgeschäft auch – wenn man böse Verträge unterschreibt mit bösen großen Firmen. Das nennt sich heutzutage „360-Grad-Deal“. Dann besitzt die Firma die Rechte an allem, was du machst. Die kassieren an den Konzerten mit, an den Gema-Einnahmen, an den Plattenverkäufen sowieso, und bestimmen auch zum großen Teil die Art der Promo, die gemacht wird. Da muss man dann schon ganz schön kämpfen. Aber davon habe ich mich immer ferngehalten.
T: Das war wohl auch gut so. Fällt mir gerade ein: Du bist ja jetzt Berliner und drückst der Hertha nun die Daumen, dass Du in der Hauptstadt nächste Saison Erstligafußball sehen kannst?
G: Ne, ich würde eher zu Union gehen. Ich glaube die Atmosphäre ist da schöner, um Fußball zu gucken.
T: Klar, aber dann müsste Bremen absteigen.
G: Dann müsste Bremen absteigen.
T: Und das willst Du ja auch nicht. Dann wirst Du die wohl lieber im Olympiastadion sehen.
G: Wenn es um Bremen geht, schon. Aber wenn es um einen Berliner Verein geht, um da Fußball zu gucken, dann eher Union. Mich zieht da nicht viel zum Olympiastadion. Ich war da noch nie drin, aber ich finde das einfach viel zu groß und weitläufig.
T: Das ist richtig. Das ist groß.
G: Du warst doch bestimmt schon mal da, oder?
T: Natürlich. Das ist groß und kalt.
G: Ja, das glaube ich.
T: Im Sommer ist es auch groß und kalt. Gesetzt den Fall, Bremen und natürlich St. Pauli bleiben drin, dann könntest Du in Berlin zwei wunderschöne Auswärtsspiele sehen. Spätestens wenn die Braun-Weißen da hinkommen, ist es nicht mehr kalt. Ich habe in der einen Saison gehofft, dass es im DFB-Pokal was wird... Da hätte Berlin dann auch eine Lektion bekommen, was es bedeutet, Fußballfan zu sein. Aber das wird wohl noch sehr lange dauern, bis ich mit St. Pauli in ein Pokalfinale nach Berlin fahre.
G: Wann sind die dieses Jahr rausgeflogen?
T: Erste Runde. Gefühlt wie immer. Einmal haben sie es geschafft, als Drittligamannschaft ins Halbfinale zu kommen, und das war dann auch die finanzielle Sanierung. Sonst gibt es aber gern auch frühzeitige Verabschiedung aus dem Wettbewerb.
G: Aber die Hertha steigt vermutlich auf. Dann mache ich das vielleicht tatsächlich nächste Saison.
T: Weiß Du eigentlich, wann das Spiel St. Pauli gegen Bremen ist?
G: Nein.
T: Am 23. April, mein Freundchen. Das könnte Dir eventuell Deinen Geburtstag verhageln.
G: Aber da bin ich vielleicht weg. Das würde wahrscheinlich direkt in die Zeit fallen.
T: Wenn es so ausgeht, wie ich das hoffe, dann schicke ich Dir gern eine SMS.
G: Mal gucken, wie die nächsten Wochen weitergehen.
T: Ich weiß noch nicht, wie das Restprogramm von Bremen aussieht. Ich habe mir das von St. Pauli eben angeguckt, und wenn die bis zum 32. Spieltag nicht sicher drin sind, dann fliegen sie raus. Bayer und Mainz sind unsere letzten beiden Spiele. Und vorher nur direkte Gegner im Abstiegskampf. Und das ohne Abwehr und Sturm. Das wird eng.
G: Scheiße, kann man nur hoffen, dass Frankfurt weiterhin kein Tor schießt.
T: Schönes Schlusswort als Hesse. Vielen Dank.





