Der Kreisel

oder die Lebensversicherung des FC Barcelona

von Patrick Becker (unser Mann in Barcelona)

Ein Porträt über einen Fußballspieler unserer Zeit hat nichts Romantisches mehr. Jeder Profi hat ein Schutzschild aufgebaut um Fans, Journalisten oder einfach nur Mitmenschen abseits der Familie fernzuhalten. Sie treten isoliert auf und zeigen sich vorwiegend passiv in der Gesellschaft. Meist zu ihrer Sicherheit, man weiß ja nie, wer da zu übertriebender Neugier neigt. Es gibt selten Spieler, die einem etwas über ihre Träume oder Sehnsüchte erzählen. Es hat auch nichts Herzerwärmendes, wenn man Fußballsöldner beobachtet, wie sie von Verein zu Verein wechseln, aufgrund monetärer Verlockungen. Ebenso fehlt vielen Fußballern etwas Magisches, weil sie einfach nur einen Job aussitzen oder arbeitsbedingte Spielverderber sind. Sie tragen genauso wenig eine Furcht in sich, das nächste Spiel könnte aufgrund einer Verletzung das Letzte sein, denn sie werden ja in jedem Falle weiter bezahlt. Das ist alles sehr vernünftig, aber nicht romantisch.

Beständige Zutaten zeichnen die Kunstepoche der Romantik aus. Sie verlangte vom Leser eine Produktion eigener Wörter, Bilder und Gedanken. Es ist eine Poetik des Wunderbaren und Imaginativen. Gewünscht wird eine Kreativität in der Rezeption, die sich stets verändern kann. Dadurch wollte die romantische Literatur der Unendlichkeit nahe kommen.

Schreibt man nun die Romantik in den Fußball ein, bedeutet das eine Beschreibung eines Spiels, das man nicht beschreiben kann, weil jeder, der es betrachtet, es unterschiedlich betrachtet. Es existiert bei jedem Zuseher die gleiche Idee der Taktik, aber dies ist die einzige Konstante. Es gibt unzählige Wörter, die das Spiel, die Dichtung also, beschreiben können. Jeder Schuss, jede Bewegung, jeder Lauf kann vielfältig ausgedrückt werden. Eine Allegorie eines Passes kann Beginn einer ganzen Kette von Allegorien sein. Aber was oder wer ist der Grund? Es ist der Dichter bzw. der Romantiker unter den Kickern, der mit seinen Gleichgesinnten auf dem Platz, das Unbeschreibliche demonstriert und hervorbringt.

Zum Erstaunen ist die Suche nach ihm, dem Kunstschaffenden, nicht schwer. Aber auch nur, weil er in einem der bekanntesten Klubs der Welt spielt. Ansonsten gibt es niemanden im Profifußball, dessen Natur der eines Romantikers entspricht. Dieser Mann trägt den „Künstlernamen“ Xavi. Vollständig wird der katalanische Spieler vom FC Barcelona Xavier Hernández i Creus gerufen und entspringt der Schule „La Masia“. Eine Akademie, voll mit jungen Fußballtalenten, denen vom ersten Tag an eine Spielphilosophie gelehrt wird, die einzigartig und derzeit die Erfolgreichste auf der Welt ist. Ihre Lehrer sind ihre Mentoren, die sie täglich in Geist und Körper trainieren. Keinem dieser Talente fehlt es an Respekt gegenüber dem Umfeld, das sie innerhalb der Mannschaft sowie abseits des Fußballs begleitet. Keinem dieser Talente fehlt es an sportlichem Geschick, das Bestmöglichste aus dem eigenen Können und für die gesamte Mannschaft herauszuholen. Alle sind individuell, aber jeder braucht den anderen. Ihr gemeinsames Auftreten auf dem Spielfeld, d.h. ihre Einheit macht sie stark.

Der FC Barcelona entwickelt eine romantische Auffassung des Fußballspiels, die ewig nur im Werden scheint. Die Entwicklung, die vor 40 Jahren begonnen hat, wird niemals vollendet sein. Es werden immer neue Talente kommen, die dann zu Stammspielern, und dann zu Trainern werden. Es kreiselt immer weiter. Dabei präsentiert sich das Spielaussehen auch immer wieder neu. Keiner kann voraussehen was als nächstes passiert. Lediglich die Idee bzw. die Philosophie bleibt bestehen. Viele Mannschaften zeichnen sich durch einen gewissen Stil, durch Stärken oder durch Schwächen aus. Während des Spiels gibt es taktische Verhaltensmuster, die toll aussehen, aber sich nicht ändern. Es werden zwar verschiedene Varianten getestet, um zum Erfolg zu kommen, aber irgendwann weiß das der Gegner, und dann weiß der normale Spieler nicht mehr weiter. Der Flankengott bleibt ein Flankengott, das Kopfballungeheuer ein Kopfballungeheuer, der Freistoßspezialist ein Freistoßspezialist.

Die Romantik des Spiels


Doch was die Mannschaft des FC Barcelona macht, lässt erstaunen. Es gilt dort ein Passspiel zu erschaffen, das durch die Spieler befähigt scheint, das Fußballspiel im Raum des Vorstellbaren, des Traumhaften, neu zu schaffen. Kein Angriff sieht aus wie der hervorgehende. Kein Pass wie der zuvor. Nur eine Kette von Zuspielen trägt den Ball in den gegnerischen Strafraum, und meistens in das Tor. Es fließt alles so schön ineinander über. Wie ein perfekter Staffellauf oder eine chinesische Choreografie. Jeder einzelne Spieler passt zum Anderen, die Spieler verschwimmen zu einem Ganzen. Der Spieler, der die Kontrolle darüber über all dies hat, ist Xavi. Er wirkt wie ein Zauberstab, der ein jahrzehntelanges Ideal zur perfekten Umsetzung werden lässt. Die Idee blitzt in das Spiel und versetzt das Publikum in Verzückung.

Ich durfte schon viele Male ein Barça-Spiel unter Katalanen anschauen und die Gesichter, die ich anschließend nach jedem seiner Geniestreiche sehen durfte, waren stets von Unbeschreiblichkeit geprägt. Im Camp Nou hört man auch manchmal ein spezielles, sanftes Raunen. Eine Mischung aus verzaubertem Staunen und neidvoller Ungläubigkeit. Ein Kennzeichen, dem nun etwas Größeres folgt. Die Geräusche werden lauter und bestimmender. Sie nähern sich dem vermeintlichen Ziel. Es ereignet sich ein Prozess der universalen Integration, der sich auf immer höheren Ebenen bewegt, der uns selbst in seinen Verlauf aufnimmt und Teil davon werden lässt, bis schließlich der Höhepunkt des Torerfolgs auf der Ebene der Ekstase vorerst erreicht ist.

Doch dabei bleibt es nicht. Denn die Bewegung läuft nicht auf ein einzelnes Ziel. Es gibt zwar die Tore als Zwischenziele und den Schlusspfiff als Ende des Spiels, doch der Unterschied zu den vielen anderen Mannschaften und deren Ideen liegt woanders. Das Spiel Barças, dieses äußerst romantische Spiel hat kein Ende, seine Objektivierung, d. h. das Vorhaben zu kategorisieren, kann sich nicht zur Ruhe setzen. In sich selbst wird es stets neu erfunden. Nur die Idee des Spiels bleibt konstant. Die Rede ist hier von einem progressiven Universalfußball, deren Vollkommenheit nie erreicht wird, aber immer sehr nah dran ist. So ist das Spiel Barcelonas von Grund auf gedacht.

Ein wesentlicher Teil davon ist der Spieler Xavi. Der Dichter, ein Aufbauspieler mit der Fantasie eines Kindes, mit der Weisheit eines Gelehrten und mit einer Spielkunst wie kein anderer. In aller Ruhe schüttelt er seine Gegenspieler ab. Ein, zwei Körpertäuschungen reichen aus, um sich vom lästigen Gegner zu befreien. Dann ist der Raum vor ihm wieder offen. Sein Spiel ist sachlich, unkonventionell und bodenständig, genauso wie er selbst. Sein größter Wunsch ist es für Barcelona zu spielen und gesund zu bleiben, um dort zu sein, wo er sich am liebsten aufhält: in seinem Planquadrat Fußballfeld. Hier zieht er die Linien, die nur er sieht. Er findet den nötigen Raum, um den Knoten im Spiel zu lösen. Ab diesem, seinem Einfall ist das Spiel ganz schnell, zu schnell für viele. Sein Gedanke war nur ein Pass, dafür so präzise, als hätte er den Ball mit Händen zu seinem Mitspieler getragen. Dieser Moment ist magisch. Xavi, als perfektes Medium einer Ideologie, besitzt eine ästhetische Magie, um neue fußballerische Welten zu öffnen. Er hat noch Ideale, und Träume, die er erleben will und vor allen Dingen, die er mit- (uns) teilen will. Er ist der Kreisel im System Barças, und wir hoffen er kreiselt immer weiter.

 

Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur bedankt sich  für die freundliche Bereitstellung des Textes.


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