Das offene Spiel

Über die Möglichkeiten des Fußballs

von Stefan Willer

Fußball ist wohl diejenige unter den großen populären Mannschaftssportarten, bei der die Regelkunde am wenigsten von der Faszination des eigentlichen Spiels verrät. Auch in vielen anderen Torspielen wie Handball, Basketball oder Hockey sind die Regeln schnell erklärt, doch öffnet sich nur im Fußball eine derart unabsehbare, ja regellose Vielzahl möglicher Verläufe. Die Richtlinien des International Football Association Board sehen keinerlei bestimmte Spielzüge vor, und wenn man von der einzig komplexen Regel, dem Abseits, absieht, sind alle räumlichen Bewegungen der Akteure auf dem Feld erlaubt, kann der Ball überall hin gespielt werden. Die seit hundertfünfzig Jahren wachsende, in den letzten Jahrzehnten nochmals rapide zunehmende weltweite Beliebtheit des Spiels verdankt sich zu einem wesentlichen Teil eben dieser Differenz zwischen der Einfachheit der Regeln einerseits, der hohen Variabilität und weitgehenden Unberechenbarkeit des Spielverlaufs andererseits.

"Die Fußball-Matrix" wurde 2010 zum Fußballbuch des Jahres gekürt

Allerdings versucht jede Fußballmannschaft, auch wenn es sich um ein bloßes Freizeitteam handelt, gegen diese Unberechenbarkeit anzugehen: im Spiel selbst durch die Koordination individueller Wahrnehmungen und kollektiver körperlicher Verständigung sowie durch Kommunikation auf dem Platz, daneben aber auch durch taktische Vorabsprachen. Erst recht gilt das für diejenigen, die sich berufsmäßig mit fußballerischer Planung befassen. Die Trainer, Manager und Sportdirektoren heutiger Vereins- und Nationalmannschaften arbeiten an der mehr und mehr verwissenschaftlichten Berechnung des fußballerisch Möglichen – an einer Fußball-Matrix, wie es der Sportjournalist Christoph Biermann 2009 in einem vielbeachteten Buch genannt hat.1 Dieses in seiner Qualität neuartige Konzept der Planung und Berechnung versteht sich als eine Herausforderung der Grenzen fußballerischen Gelingens. Von diesen soll hier zunächst die Rede sein, bevor die von Biermann erörterte Vorstellung des „perfekten Spiels“ diskutiert wird.

Das Fußballspiel beruht auf einer gewissen Widersinnigkeit. Sie liegt schlicht und einfach, wie der Name schon sagt, in der Konjunktion von Fuß und Ball. Denn der Fuß ist als Körperteil ja eigentlich alles andere als optimal dafür geeignet, ein kugelrundes Spielgerät zu führen. Im Gegensatz zur Hand, die durch den aufrechten Gang des Menschen zu kultureller Tätigkeit frei wurde – und somit unter den Körperteilen geradezu als der Inbegriff von Evolution durch Kultur gelten kann –, ist der Fuß im selben Maß motorisch unfrei geworden. Je mehr die Hand lernte, um so mehr verlernte der Fuß. Füße sind unterprivilegierte Extremitäten; sie können zwar zu kulturellen Objekten werden (bekleidet, geschmückt, fetischisiert), aber in den wenigsten Fällen kulturelle Handlungen vollziehen, weil man sie fortwährend unter sich hat. Einen Ball mit dem Fuß zu spielen ist daher immer eine Herausforderung der körperlichen Balance. Aus dem prinzipiell schwankenden Ausgleich zwischen Stand- und Spielbein kommt das Graziöse ebenso wie das Groteske des Fußballspiels. Auch Weltklassespieler stellen bisweilen kuriose Dinge mit ihren Füßen an – kaum etwas wirkt so komisch wie ein misslingendes Kabinettstückchen der Ballbehandlung. Zudem setzt hier das Spielelement des Zweikampfs, also der unmittelbaren Auseinandersetzung um den Ball ein; folglich geschehen auch die meisten Regelverstöße durch unerlaubte Übergriffe auf die Beine und Füße des Gegenspielers.

In der immer noch höchst lesenswerten kurzen Studie Das Fußballspiel, die der niederländische Psychologe Frederik Buytendijk 1952 veröffentlichte, wird die Besonderheit des Spielens mit dem Fuß anhand der Unterscheidung zwischen Werfen und Treten erläutert. Dort heißt es: „Das Treten unterscheidet sich wesentlich vom Werfen: einmal ist das Treten von Haus aus aggressiver als das Werfen, und zweitens gehört zum Werfen das Fangen, das heißt, das Empfangen; zum Treten jedoch das Zurücktreten.“2 Das Treten, so Buytendijk weiter, sei „allgemein ,gewagter‘ als das Werfen, deshalb, weil es einen Verlust an Sicherheit in der Körperhaltung bedingt“ und weil es „mehr als der Wurf zu einem Verlust an Geschlossenheit der ,Haltung‘, der normalen Körpergestalt führt.“3 Buytendijk leitet aus dieser Gegenüberstellung eine Typologie des weiblichen Werfens und des männlichen Tretens ab, der man nicht mehr folgen mag; zu sehr spricht dagegen nicht nur die Entwicklung des Frauenfußballs, sondern auch die Erfahrung des männlich-weiblichen Zusammenspiels in Freizeitteams. Überhaupt entzieht sich das Fußballspiel der Standardisierung eines bestimmten Spielertypus. Herausragende Fußballer können ebenso gut einen Meter fünfundsechzig wie zwei Meter groß sein, eben so gut federleicht wie grobknochig. Die von Buytendijk bemerkte „Akrobatik“ und „Waghalserei“4 des Spielens mit dem Fuß ist von sehr unterschiedlich gebauten Körpern zu leisten. Auch darin, in der Spannbreite möglicher Körperlichkeit, ist Fußball singulär unter den Mannschaftssportarten.


 

Die Hand zu vermeiden und statt dessen den unterprivilegierten Fuß neu zu privilegieren erzeugt möglicherweise einen gewissen Reiz der Kulturlosigkeit, worauf auch Buytendijk mit seinem Terminus des „Tretens“ abzuzielen scheint. Zutreffender ist aber der Befund einer zweiten Kultur, einer Akkulturation, der ungeeigneten Teile. Das gilt auch für die anderen Partien des Körpers, mit denen der Ball gespielt werden darf. Selbst der Kopf kommt im Fußballspiel nicht unmittelbar als hochentwickelter Kulturträger zum Einsatz, sondern zunächst einmal als vergleichsweise stumpfes Werkzeug der Ballbehandlung. Das Fußballspielen ist zwar eine kognitiv anspruchsvolle Angelegenheit, aber niemand käme auf die Idee, dass das Köpfen als solches die zerebrale Tätigkeit anregt. Zudem ist beim Spiel mit dem Kopf die Streubreite misslingender Aktionen nochmals um einiges höher als beim Spiel mit dem Fuß. Ähnliches gilt für die anderen erlaubten Körperteile, die Schultern, den Oberkörper und das Gesäß, sowie für das ebenfalls immer mögliche bloße Abfälschen des Balls durch einen Spieler, der gar nicht willentlich ins Spiel eingreift: Hier regiert vollends der Zufall.

Es ist wichtig, auf die fundamentale motorische Schwierigkeit des Fußballspiels hinzuweisen, weil sich aus dieser Schwierigkeit das Hauptcharakteristikum des Spielverlaufs ergibt: die Seltenheit, ja die Unwahrscheinlichkeit des zentralen Spielereignisses. Für das Ergebnis eines Spiels kommt es einzig und allein auf Tore an, aber Tore sind prinzipiell Mangelware. Sie fallen deshalb so selten, weil es so schwierig ist, welche zu erzielen. Die jeweils verteidigende Mannschaft muss die Schwierigkeiten maximieren, die jeweils angreifende muss versuchen, trotzdem zum Erfolg zu kommen. So lange es noch irgend geht, werden sich Abwehrspieler in den Weg des Angreifers werfen; und selbst freistehend vor dem leeren Tor vergeben auch gute Stürmer immer wieder die von den Sportreportern beharrlich so benannten „hundertprozentigen“ Chancen. Selbst äußerliche Zufälligkeiten des Wetters und des Untergrunds können sich dabei als verhängnisvoll erweisen, nicht sauber verlegte Rasenstücke oder auf das Feld geworfene Papierkugeln, die einen kullernden Ball abfälschen. Auch von solchen Unwägbarkeiten abgesehen gilt, dass das Vergeben einer Chance mit Abstand wahrscheinlicher ist als das Ausnutzen.

Unter den Torspielen kennt nur der Fußball eine so große Differenz zwischen Torchance und Torerfolg – während etwa im Handball oder Basketball viele Dutzend Treffer in einem Spiel erzielt werden.5 Das gilt nicht nur, weil bei diesen Spielen die Felder wesentlich kleiner sind, sondern auch, weil dort Spielzüge innerhalb einer knappen vorgegebenen Zeit mit einem Tor- oder Korbwurf abgeschlossen werden müssen. Das Fußballspiel hingegen kennt nicht diesen regelhaften Zwang zum Abschluss. Daher ist hier nicht nur das Ausnutzen, sondern sogar schon das Entstehen einer Torchance ein seltenes Ereignis. Es kann lange dauern, bis eine Mannschaft den Ball auch nur in die Nähe des gegnerischen Strafraums manövriert; gerade im professionellen Spitzenfußball gibt es jene notorischen Partien, in denen sich zwei Teams gegenseitig neutralisieren und in denen über neunzig Minuten kaum eine Tormöglichkeit zustande kommt.

Das heißt nun gerade nicht, dass solche Partien langweilig sein müssen, wie oft behauptet wird. In der Tat können Spiele arm an Höhepunkten sein, sofern damit Tore oder doch spektakulär vereitelte Torchancen gemeint sind; doch ist dieses Verständnis des Höhepunkts ein Missverständnis dessen, was in einem gesamten Spiel geschieht. Dieses Missverständnis verdankt sich nicht zuletzt der in den letzten ungefähr zwanzig Jahren zu beobachtenden Tendenz zu einer gewissermaßen pornografischen Bildberichterstattung. Sie fokussiert ganz auf das herausragende Gelingen, auf das Zum-Schuss-Kommen und den Torerfolg, daneben auf die technischen Finessen der herausgehobenen Offensiv-Einzelspieler, gern auch auf die theatralische Gestik, mit der viele dieser Spieler ihre Erfolge zelebrieren, sowie auf aufsehenerregende Fouls. Was demgegenüber ins Hintertreffen gerät, ist das Verfolgen längerer Spielzüge, also kollektiver Aktionen, die in den Verschiebungen ganzer Mannschaftsteile, letztlich aller zwanzig Feldspieler (und im heutigen Fußball mehr und mehr auch der beiden Torhüter) im großen Raum eines Fußballfelds bestehen – auch dort, wo der Ball jeweils gerade nicht ist. Eine solche Art der Beobachtung erfordert eine gewisse gleichschwebende Aufmerksamkeit, die sich vom Zoom auf das Detail und auf die Stars unter den Einzelspielern wesentlich unterscheidet. Sie entsteht besser bei Betrachtung eines vollständigen Spiels als einer Zusammenfassung, und besser im Stadion als vor dem Fernseher.

Angesichts der Unwahrscheinlichkeit des Torerfolgs kommt den einmal erzielten Toren eine um so größere Bedeutung zu. Das gilt besonders für entscheidende Tore in letzter Minute, durch die Spiele unvergessen werden können – etwa die beiden Tore in der Nachspielzeit, mit denen Manchester United 1999 das Champions-League-Finale gegen Bayern München gewann, das seit der 6. Minute mit 1:0 geführt hatte; oder das kaum noch für möglich gehaltene 1:0-Siegtor gegen Polen, ebenfalls in der Nachspielzeit, mit dem für das deutsche Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 2006 das oft beschworene Sommermärchen seinen eigentlichen Anfang nahm. Solche späten Tore können der verdiente Erfolg eines lange vergeblichen Anrennens sein, sie können aber auch „den Spielverlauf auf den Kopf stellen“, wie es in solchen Fällen oft heißt. Das hochklassige Defensivspiel einer Mannschaft, die ihren knappen Vorsprung oder ein Unentschieden bis zum Ende der Spielzeit retten will, kann durch eine gelungene gegnerische Aktion oder durch einen Fehler eines eigenen Spielers konterkariert werden; innerhalb von Sekundenbruchteilen kann somit Gelingen in Scheitern und Scheitern in Gelingen umschlagen.

Es ist eben die Seltenheit des zentralen Spielereignisses, die dafür sorgt, dass die Fallhöhe im Fußball so extrem ist wie in keiner anderen Mannschaftssportart. Eine oft zu beobachtende Überinterpretation des Fußballs nimmt diese spezifische Heftigkeit des Glückswechsels zum Anlass, dem Scheitern im Spiel eine tragische Dimension zuzuschreiben. Vor allem die Legendenbildungen auf Seiten der Anhänger von grandios gescheiterten Teams oder Einzelspielern funktionieren auf diese Weise. Jedoch zeigen sich die professionell mit dem Fußball Befassten, Spieler wie Trainer, immer wieder deutlich desinteressiert gegenüber solchen Deutungsmustern. Was sie vielmehr antreibt und antreiben muss, ist gegenüber allen Wechselfällen des Glücks und des Zufalls die Planung des Erfolgs.


 

Mit den aktuellen Verfahren und Wirkungsweisen dieser Planung befasst sich Christoph Biermann in seinem Buch über die Fußball-Matrix. Er beginnt seine Darstellung mit einer ausführlichen Erörterung der Statistik – also jener Wissensform, die seit Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaften für die Berechnung des Glücks zuständig ist. Während in Sportarten mit stark standardisierten Spielzügen wie American Football oder Baseball schon seit Jahrzehnten statistische Informationen in strategische Handlungsanweisungen umgemünzt werden, sah das im Fußball lange Zeit anders aus: Hier galt das Führen von Statistiken – etwa über die Ausbeutung von Torchancen nach Freistößen oder über die Erfolgsaussichten der Torhüter beim Elfmeter – als Marotte einiger Buchhaltertypen unter den Fans. Biermann zeigt nun, wie die Arbeit mit detaillierten Statistiken seit den 1990er Jahren auch in der professionell betriebenen Fußballplanung Einzug hielt. Im Zusammenhang mit der digitalisierten Bildaufzeichnung lassen sich Spiele mittlerweile komplett aufschlüsseln, von der Quote der Passgenauigkeit einer Mannschaft über die pro Spieler absolvierte Laufleistung bis hin zur exakten räumlichen Verteilung des Spielgeschehens auf dem Feld. Die Datenfülle, die aus Fußball heute ein „Spiel der Zahlen“ macht, hat nach Biermann dazu beigetragen, „den Blick aufs Spielfeld zu objektivieren“; die Frage bleibe allerdings: „Doch wie können wir Fußball berechnen?“6

In der Antwort auf diese Frage spart Biermann die neuralgischen Punkte sportlicher Erfolgsplanung nicht aus. Bestechung und Wettbetrug gehören demnach ebenso zur Fußball-Matrix wie die Beeinflussung einzelner Spielerkörper durch Doping. Dennoch vollziehen sich die eigentlich entscheidenden Umbrüche im aktuellen Hochleistungsfußball auf einer anderen Ebene: der der raumzeitlichen Organisation des Mannschaftsspiels. Der Umstand, dass sich die heutigen Fußballstrategen solcher Aufschlüsselungstechniken bedienen, die in stark standardisierten Sportarten entstanden sind, hat umgekehrt dazu geführt, dass nun auch der Fußball wesentlich stärker standardisiert ist als früher. Die Bedeutung eingeübter Spielzüge hat deutlich zugenommen; Trainer entwerfen ausgeklügelte Matchpläne, mit denen sie ihre Teams präzise auf bestimmte Gegnermannschaften einzustellen versuchen; und angesichts solch durchstrukturierter Entwürfe verändert sich auch die Selbstwahrnehmung der Spieler.

Wenn als grundlegende Anforderung an diese Selbstwahrnehmung die Orientierung im Raum gelten kann – also die Vermittlung des eigenen Blicks mit einer vorgestellten Gesamtperspektive auf das Geschehen –,7 dann erhält in einem zunehmend standardisierten und vorstrukturierten Raum vor allem die Antizipation des Spielgeschehens, das oft so genannte „Lesen“ des Spiels durch die Spieler, eine neuartige Bedeutung. Auch hier spielt die Technisierung und Digitalisierung eine wichtige Rolle: Durch technische Bilder, insbesondere durch die längst flächendeckend im Profitraining eingesetzte Videoanalyse, wird nach Biermann für die Spieler evident, „was richtiges und was falsches Verhalten auf dem Platz ist“.8 Schon Klaus Theweleit hat in seinem 2004 erschienenen Buch Tor zur Welt außerdem darauf hingewiesen, dass die neue Generation der Fußballprofis die Wahrnehmung ihres eigenen Spiels mit dem elektronischen Fußball der digitalen Spielkonsolen verknüpfe. Theweleit konstatiert geradezu einen Paradigmenwechsel „vom perspektivischen zum gerasterten Raum“.9

Allerdings produziert die Emphase der Digitalisierung, Standardisierung und Perfektionierung ein Paradox. Je mehr sich der professionalisierte Fußball der Entwicklung einer Fußball-Matrix verschreibt, um so weniger kann Vollkommenheit erreicht werden – zum Glück, wie man sagen muss. Es mag kurz- oder mittelfristigen Vorsprung einer Mannschaft durch technisch-strategische Neuerungen geben, aber gerade unter den Bedingungen der „Matrix“ wird dieser so bald wie möglich von der Konkurrenz wettgemacht. Ansonsten müsste Vollkommenheit im Fußball gleichbedeutend sein mit der Unschlagbarkeit einer perfekten Mannschaft. Wenn es auch immer wieder Teams gibt, die selbst in der internationalen Spitzenklasse mit Abstand überlegen erscheinen, so wie derzeit der FC Barcelona im europäischen Vereinsfußball oder die spanische Nationalmannschaft bei der letzten Welt- und der letzten Europameisterschaft, gibt es doch im Fußball niemals Perfektion im Sinne faktischer Unschlagbarkeit.

Das gilt vor allem deswegen, weil Fußball „auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos“ bleibt, wie Christoph Biermann am Schluss seines Buchs betont.10 Auch wenn man sich fortwährend „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ befindet, kann Perfektion zwar eine regulative Idee, aber kein jemals erreichter und auch kein wirklich erstrebenswerter Zustand im Spiel zweier Mannschaften sein. Denn das hieße, dass es keine Gegenspieler mehr gäbe, also niemanden, der mit dem perfekten Team mithalten könnte (oder in ihm mitspielen dürfte). Damit wäre eine wesentliche Voraussetzung des Spiels nicht mehr gegeben, nämlich die, dass Fußball, wie Buytendijk zu Recht betont, zu den „sozialen Sportspielen“ gehört, in denen die Gegenspieler die „unerläßliche Bedingung für das Spiel“ sind – und somit von den Mitspielern nicht kategorial unterschieden. „Mitspieler und Gegenspieler sind aufeinander angewiesen und sollen durch ihre Geschicktheit aufeinander abgestimmt sein. Das Zueinanderpassen der Spielgegner vermittelt erst die Freude an einem guten match.“11

Das perfekte Spiel als das Spiel einer Mannschaft wäre also kein offenes, sondern ein geschlossenes Spiel. Umgekehrt empfinden und erinnern die Zuschauer gerade die offenen und dramatischen Begegnungen als perfekte Spiele, vor allem wenn in ihren viele Tore gefallen sind – etwa beim „Wunder von der Grotenburg“ (Bayer Uerdingen schlägt Dynamo Dresden im Viertelfinalrückspiel des Europapokals der Pokalsieger 1986 nach 1:3-Rückstand noch mit 7:3) oder den zahlreichen „Wundern von der Weser“ (eine ganze Reihe ähnlich spektakulär gewendeter Europapokalbegegnungen des SV Werder Bremen seit den Achtzigerjahren). Über solche Spiele können sich die beteiligten Strategen die Haare ausraufen, weil zumeist etliche taktische und persönliche Fehler geschehen müssen, damit es im Spielverlauf derart torreich hin und her geht. Aber es ist immer auch die Hoffnung auf solche Ausnahmeereignisse, die für gefüllte Stadien und für hohe Einschaltquoten bei den Fernsehübertragungen sorgt. Im erhofften, weil unvorhersehbaren „Wunder“ wird die fußballerische Differenz von Regelhaftigkeit und Regellosigkeit ins Extrem getrieben.

Dennoch findet sich diese Differenz auch in den alltäglicheren, unspektakulären Spielen. Sie liegt im immer gleichen, immer neuen Reiz des laufenden Balls und der laufenden Spieler, die sich über ein großes, weitgehend unstrukturiertes Feld bewegen. In dieser Bewegung liegt viel Freiheit, viel Latenz und auch viel mögliche Langeweile. Dennoch ist sie, selbst wenn das Hauptereignis des Torerfolgs ausbleibt, ganz und gar ereignishaft, sie genügt sich selbst und ihrer eigenen Evidenz – ganz im Sinn von Hans-Ulrich Gumbrechts Lob des Sports.12 Allerdings wäre die dort vorgenommene, bewusst ästhetizistische Zuspitzung auf die Erfahrung des Zuschauens auf die zugleich ästhetische und motorische Erfahrung des Selbst-Spielens zu erweitern. Erst in dieser Doppelbeleuchtung wird klar, was an dem allgemeinen Fußball-Interesse eigentlich so interessant ist. Es ist nicht so sehr – oder jedenfalls nicht exklusiv – die Erfahrung der Schönheit, des Gelingens, der Epiphanie, die Gumbrecht in den Vordergrund stellt, sondern es ist der Umstand, dass jedes Gelingen immer nur parziell ist und der weitaus wahrscheinlicheren Möglichkeit des Scheiterns abgewonnen werden muss.



 

1 Christoph Biermann: Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel (2009), Köln 2010.
2 Frederik Jacobus Johannes Buytendijk: Das Fußballspiel. Eine psychologische Studie (1952), übers. von Hans Waltmann, Würzburg 1953, S. 19. (Ich danke Benjamin Bühler für den Hinweis auf dieses Buch.)
3
Ebd., S. 20.
4
Ebd.
5
Relativ wenige Treffer fallen allerdings auch in Torspielen, bei denen Schläger zum Einsatz kommen (z. B. Feld- und Eishockey.)
6 Biermann: Die Fußball-Matrix (Anm. 1), S. 65 und 67.
7 Vgl. Yvonne Wübben: „Was heißt, sich im Fußball orientieren? Über rechte und linke Spielkultur“, in: Merkur 64 (2010), S. 545–550, hier S. 547.
8 Biermann: Die Fußball-Matrix (Anm. 1), S. 46.
9 Klaus Theweleit: Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell, Köln 2004, S. 139.
10 Biermann: Die Fußball-Matrix (Anm. 1), S. 244.
11 Buytendijk: Das Fußballspiel (Anm. 2), S. 26.
12 Hans Ulrich Gumbrecht: Lob des Sports, übers. von Georg Deggerich. Frankfurt a. M. 2005.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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