Ottmar Hitzfeld

Walther Bensemann-Preisträger 2014

Ehrenmitglied
Auszeichnungen

Begleittext zur Preisverleihung 2014

Die Sommersonne strahlte wärmend vom tiefblauen Schweizer Himmel. Oliver Kahn, Stefan Effenberg und die anderen Berufsfußballer des FC Bayern hatten an diesem wunderbaren Julitag 1999 Mittagspause am Vierwaldstättersee, als Ottmar Hitzfeld von einem ihm gut bekannten Fotografen gefragt wurde, ob er ihn auf einem Liegestuhl ablichten dürfe. Zunächst willigte Hitzfeld arglos ein, lehnte dann jedoch geistesgegenwärtig ab. Die Begründung, die ihm in den Kopf schoss, ist leicht zu erraten: Welchen Eindruck würden derartige Aufnahmen vermitteln! Die Bayern und ihr Trainer zum Sonnenbaden im Urlaub statt zum Schwitzen im Trainingslager! Erholung statt Saisonvorbereitung!

„Man muss immer um drei Ecken denken“, sagt Hitzfeld, gut 15 Jahre später, mit beiläufiger Gelassenheit. Er sitzt in einem Hotel in Zug, gut 20 Kilometer südlich von Zürich im Schweizer Mittelland, und sieht blendend aus. Entspannt, mit gesunder Gesichtsfarbe. In sich ruhend, in bester Laune. Dennoch immer hoch konzentriert. Denn bei seinen Aussagen kalkuliert Hitzfeld immer und überall die Wucht einer möglichen Schlagzeile, also die öffentliche Wirkung mit ein – wie er es in seinen rund 30 Berufsjahren stets tat und heute in seiner Funktion als TV-Experte für Sky fortsetzt. In diesem neuen Nebenjob verzichtet er auf heftige Kritik an den ehemaligen Kollegen oder aktuellen Spielern, weil er um den donnernden Nachhall weiß. Sein Verantwortungs- und Solidaritätsgefühl verbieten Hitzfeld die harsche Schelte in der Öffentlichkeit. Es geht ihm immer um die Bewahrung des Menschlichen, das er schon auf der Trainerbank und im Trainingsanzug pflegte.

„Die Mannschaft musste sich auf mich und mein Wort verlassen können“, betont er. Wenn er wie gewohnt am Tag vor einem Spiel die Startelf vor dem Team verkündet hatte, blieb sie unverändert. „Meine Art der Menschenführung war mit ein Baustein, dass ich meinen Mannschaften einen entsprechenden Teamgeist vermitteln konnte“, darf Hitzfeld in aller Bescheidenheit, aber auch Bestimmtheit über sich sagen. Seine Spieler bestätigen diese Selbsteinschätzung. Hitzfeld war ihm „wie ein Vater, wie ein Freund“, sagt Giovane Elber auf der Basis einer fünfjährigen Zusammenarbeit mit diesem Vorgesetzten, der ihm für eine verspätete Rückkehr aus dem brasilianischen Heimaturlaub zur Weihnachtszeit immerhin die astronomische Geldstrafe von damals 100.000 DM aufbrummte. Das gute Einvernehmen zwischen Hitzfeld und Elber hielt dennoch bis heute, an Geburtstagen werden die Glückwünsche im persönlichen Gespräch übermittelt. „Wir hatten Vertrauen zu ihm“, sagt Elber und nennt Hitzfeld einen „großen Psychologen“.

Die positive Würdigung des Starstürmers und Stammspielers Elber bestätigt Thorsten Fink, selbst mehr Ersatzmann und eher eine Randfigur unter den großen Namen des FC Bayern. Der defensive Mittelfeldmann, einer der seltenen Nichtnationalspieler in München, fühlte sich von Hitzfeld „immer gleichbehandelt“. Er erinnert sich an einen „unheimlich ausgeglichenen Trainer“, der nie die Fassung verloren habe. „Er konnte mit Stars umgehen und große Mannschaften führen“, sagt Fink.

Sein damaliger Mitspieler Thomas Helmer nennt neben Hitzfelds Glaubwürdigkeit dessen Konsequenz als charakteristisches Wesensmerkmal. Beide FCB-Profis mussten diesen Zug bitter spüren. Fink erfuhr eines Tages von Hitzfeld, dass sein FCB-Vertrag nicht verlängert würde; Helmer wurde nach dem verlorenen Finale der Champions League 1999 und einem Eklat suspendiert. Diese harte Entscheidung erläuterte Chef Hitzfeld dem Angestellten Helmer auf dessen Zimmer im Mannschaftshotel: Er müsse so handeln, um die Mannschaft zusammenzuhalten. Anschließend herrschte minutenlange Stille im Raum. „Ich glaube“, so Helmer heute, „es tat ihm leid“. Es waren die Stunden nach der niederschmetternden Niederlage im Finale der Champions League gegen Manchester United, als in der Nachspielzeit zwei Treffer den Traum vom 1:0-Sieg und vom großen Triumph zerstörten – 1:2.

Hitzfeld wusste, dass es nun ganz besonders auf ihn, auf seine Führungsstärke ankam. „Wenn man Ziele verfehlt“, sagt der studierte Lehrer für Mathematik und Sport, „ist die Gefahr groß, dass der Trainer seine Autorität verliert.“ Also hielt er vor dem folgenden Bundesligaspiel in Leverkusen im ausgehenden Mai 1999 die längste Spielerbesprechung seiner Karriere, benannte einsichtig und schonungslos die begangenen Fehler und rief die neuen Ziele aus. „Da muss man alle Kräfte mobilisieren“, sagt Hitzfeld, damals habe „die Zukunft auf dem Spiel“ gestanden, seine und der Bestand dieser Mannschaft. Hitzfeld hat diese Extremsituation gemeistert und zwei Jahre später diese angesehenste Trophäe im europäischen Klub-Fußball gewonnen, zum zweiten Mal nach 1997, seinerzeit mit Borussia Dortmund.

Ebenso dirigierte er den Weltpokal nach München, sieben Mal holte er sich mit seinen Mannschaften die deutschen Meisterehren, dreimal mit dem DFB-Pokal zum Double angereichert. In der Schweiz gelang ihm dieser Zweifachtriumph mit Grashopper Zürich, die B-Meisterschaft mit dem SC Zug in seinem ersten Jahr bewertet Hitzfeld als genauso schön und wichtig wie alle anderen Erfolge: Jeder habe ihn auf die nächste Stufe seiner großen Karriere gehoben.

Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist sie beendet, das WM-Achtelfinale Schweiz gegen Argentinien in São Paulo sah den Fußball-Lehrer Hitzfeld letztmals im Dienst. Es war ein spektakulärer Showdown, mit dem 0:1 in der 118. Minute und einer sagenhaften Chance zum Schweizer Ausgleich in der Schlussminute. „So ist der Fußball, wie ich ihn über drei Jahrzehnte erlebt habe“, sagt Hitzfeld heute nüchtern bei einem Schluck stillen Wassers. „Restlos glücklich“ fühlt er sich mit seiner Trainerzeit und seinen Entscheidungen, zu denen unter anderem die Absage an Real Madrid 1997 und 2004 an den DFB gehörte. Zu den „Königlichen“ wollte er nicht, weil er fürchtete: „Bis ich Spanisch kann, bin ich schon entlassen“.

Das Nein zum Amt des Bundestrainers befahl die Vernunft, Hitzfeld fühlte sich seinerzeit mit den Kräften am Ende und verordnete sich eine schöpferische Pause. Genauso überlegt traf er seinen Entschluss für die Nationalmannschaft der Schweiz 2008. Die rund 60 Spiele pro Saison, die die ganze Kraft aus einem Vereinstrainer saugen, tauschte er gerne gegen ein stark reduziertes Programm mit zehn bis zwölf Länderspielen pro Jahr. „Ich wollte mehr Lebensqualität“, sagt Hitzfeld: mehr Zeit für Frau und Sohn, für das Golfspielen, das er „ohne den typischen Golfer-Ehrgeiz“ betreibt, für das Skifahren.

Den neuen Alltag des Rentners Ottmar Hitzfeld füllen noch Referate über Menschenführung und Motivation, über Teambuilding, zudem gehört er dem Stiftungsrat der Laureus Stiftung Schweiz an. Bei den Treffen alle drei Monate werden Sport-Projekte zur Unterstützung von sozial, körperlich und geistig benachteiligten Kindern vereinbart. Auch bei der Finanzakquise für den guten Zweck engagiert sich der prominente Trainer, der jährlich einige fußballerische Übungseinheiten für diese Jugendlichen abhält. Wertvoller als die vielen Titel und Trophäen sei ihm heute „die menschliche Komponente“, sagt der Walther-Bensemann-Preisträger 2014. Bleiben solle von den drei Jahrzehnten des Trainers Ottmar Hitzfeld: „Dass er Mensch war.“ Karlheinz Wild

Ottmar Hitzfeld
© Bild: ©Ralf Lang, 2014
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