Marcello Lippi

Trainer

Auszeichnungen

Begleittext zur Preisverleihung 2015

Das Leitmotiv seiner Vita liegt nur einige Schritte entfernt. An der Strandpromenade der toskanischen Heimatstadt Viareggio könnte Marcello Lippi ebenso lang über das Meer wie über Fußball referieren. Womöglich noch länger. Spaziergänge am Meer, Abendessen am Meer, spiegelglatt oder mit aufgewühlten Wellen, Fischen, Hinausfahren mit dem Boot. Man spürt das viszerale Verhältnis in jedem Buchstaben und vielleicht liegt es in der Bestimmung der Küsten-Menschen, dass sie ihr Schicksal am Wasser suchen. Jugend an der tyrrhenischen Küste, Libero am ligurischen Meer, der Trainererfolg am Golf von Neapel führte zur Anstellung bei Juventus, das deutsche Sommermärchen färbte sich unweit vom Wannsee italienisch. Der Anfang vom Ende einer versuchten Titelverteidigung ereignete sich am Kap der Guten Hoffnung. Dafür gelang Historisches im Perlfluss-Delta Guangzhou, nahe des südchinesischen Meeres. Acht Jahre Turin klingen inmitten dieses Curriculums eher regelwidrig. „Damals setzte ich mich an jedem freien Tag ins Auto und fuhr nach Hause, um meine Energien aufzuladen. Lange kann ich ohne das Meer nicht überleben“, sagt Lippi.

Ausgerechnet die Fiat-Stadt Turin und ausgerechnet Juventus. Lippis Vater war Sozialist alter Schule und erachtete die Juve in etlichen Diskussionen als Leviathan und Verkörperung alles Bonzen-Bösen. Der Filius musste versprechen, ihr niemals seine Seele zu verkaufen. Nachdem Lippi den Trainer-Vertrag unterzeichnet hatte ging er zum Grab des Vaters und bat um Verzeihung. Doch auch die Bonzen konnten überraschen. Nach liederlichen Arbeitsnachweisen spazierte Patron Gianni Agnelli stets zum Trainingsgelände, ließ Coach und Kader grußlos liegen und plauderte mit Platz- und Zeugwart. „Das war seine Art uns zu sagen: Hintern hoch! Hier schuften Leute für euch Privilegierte, die einen Prozent von eurem Lohn erhalten. Das imponierte mir. Ich bin als Sozialist geboren und aufgewachsen, und wenn ich ins Wörterbuch sehe, gibt es keine großartige Definition“, bleibt Lippi bis heute seinem väterlichen Credo treu, das letztlich zu seinem eigenen wuchs. „Im Leben argumentiert man niemals mit ,ich‘, sondern mit ,wir‘. Wenn in einer Arbeitsgruppe Fußball oder in einer Fabrik jemand mit ,ich habe dies oder jenes vollbracht‘ daherkommt, wird das Erfüllen eines Projekts heikel. Eine erfolgreiche Philosophie muss seit jeher ausnahmslos mit ,wir‘ beginnen.“

Soll Lippi drei paradigmatische Ausnahmespieler aufzählen, die er in seiner Karriere trainierte, nennt er Gattuso, Cannavaro und Materazzi. Kein Trio, das den Ball streichelte. Ein Virtuose musste sich kategorisch dem Dienst der Mannschaft unterordnen, andernfalls verlor er den Nutzen. Eine aufgeblasene Primadonna mit Abstimmfehlern ziehe er am Ohr aus der Kabine, sagte Lippi einmal. Den technischen Verlust würden Einsatz und Würde des restlichen Teams kompensieren. So reifte der Erfolgsstil zu einer Systemidentität, der Italien das Adjektiv „lippianisch“ verlieh, und die seine Angestellten im Schlaf situationsbedingt abriefen. Raum- und Manndeckung in Perfektion, Einladen des Gegners, um ihn mit klinischen Kontern niederzustrecken, zuschnürendes Pressing und offensive Autorität. Eine funktionale Melange aus italienischer Tradition und Elementen der Revolution Arrigo Sacchis. Kritiker monierten Lippis Habitus als dünnhäutig und arrogant. Überempfindlichkeit gestand er oft selbst ein, ein Verlangen nach Sympathie erhob er nie zum Anspruch. Doch wer ihn engagierte, erhielt Charisma und einen unverbogenen Charakter, der seinen Idealen treu blieb – ob man sie nun teilte oder nicht. In der Rolle des Trainers drückte er den Mannschaften seine Persönlichkeit auf, ohne den Spielern ihre eigene zu nehmen. Dieses Kunststück lehrte ihn Trainervater Fulvio Bernardini. Bernardini ließ Lippi bei Sampdoria Genua in der Serie A debütieren und dem Libero die Gepflogenheit durchgehen, den Ball stets elegant aus der Abwehr zu tragen. Das verhalf Lippi in neun Jahren Genua zur Kapitänsbinde und dem Spitznamen „Beckenbauer“. Genießt eure 20 und macht euren Blödsinn, diese Sorglosigkeit verfliegt in Windeseile, rät Lippi den Youngstern. Vergesst dabei jedoch nie euren Beruf. Aus Ähnlichkeit zum Schauspieler taufte man ihn Paul Newman, zweckdienlich zu persönlichen außerfußballerischen Abenteuern bei Karrierebeginn.

Bernardinis Einfluss und Lippis Idiosynkrasie brachten Trainererfolge, die nicht um die Welt gingen, dem Coach allerdings ebenso wichtig bleiben wie seine 19 Titel. Ein Klassenerhalt in Cesena, ein historisch siebter Rang mit Atalanta Bergamo, das um einen Zähler den Europapokal verpasste, die UEFA-Pokal-Qualifikation mit einem angeschlagenen Napoli, obwohl Trainer und Profis sieben Monate lang kein Gehalt kassierten.

Lippi bleibt ein gemütlicher Familienmensch ohne Interesse an Jetset-Unterhaltung - ob unter Frau, Kindern und Enkeln oder bei seiner Lieblingsmusik von Adriano Celentano und Mina. Der Beruf indes weckte Adrenalin und Kalkül. Sir Alex Ferguson verriet: „Sah ich dem beeindruckenden Marcello Lippi in die Augen, erblickte ich jemanden in ausnahmsloser Kontrolle. Manchmal brannten seine Augen vor Ernsthaftigkeit, manchmal funkelten sie, manchmal taxierten sie dich argwöhnisch – und immer sprühten sie vor Intelligenz. Niemand konnte Lippi auf die leichte Schulter nehmen. Juve war das Model für mein Manchester United. Ich zeigte meinen Spielern Videos von Lippis Elf und sagte: Schaut nicht auf die Taktik oder Technik, die besitzen auch wir. Ihr müsst diesen unbändigen Siegeswillen verinnerlichen.“

Ein Siegeswille, den Lippi auch nach Asien trug und zum einzigen Champions-League-Sieger der Geschichte auf zwei Kontinenten machte. Ein Siegeswille, dank dem die Trainerkollegen der Heimat kürzlich eine Karriere mit Berufsethos und dauerhaftem Platz in der Fußball-Historie ehrten. Ein Siegeswille, den Lippi trotz der widrigen Umstände vor der WM 2006 seiner Squadra Azzurra injizierte. Im Zuge des ausgebrochenen Manipulationsskandals griffen die Gazetten zu Titeln wie „Lippi, Buffon und Cannavaro nach Hause oder wir halten zu Ghana!“ Mit dem Rücken zur Wand avancierte er zu einem äußerlich unbeeindruckten Prellbock vor der rumorenden Presse und führte eine verschweißte Gruppe bis zur besten Turnierleistung in Dortmund gegen Deutschland und dem Finalsieg. Das Husarenstück 2006 veranlasste Firmen, Universitäten und Verbände rund um den Globus, Lippi zu Gastvorträgen über den Aufbau eines erfolgreich kooperierenden Teams einzuladen. Auch in Schulen referierte er über die Signifikanz des Calcio in seiner kulturellen und soziopolitischen Funktion als Mannschaftssport. „Der Fußball hat mir viel geschenkt, da empfinde ich das Bedürfnis zurückzugeben“, sagt Lippi, der unter anderem die Seniorenhilfe seiner Heimat Viareggio, eine uneigennützige Stiftung der Tumorvorsorge und die italienische Krebsforschung unterstützt: „Forscher in der Medizin sind wie ein Fußballteam, doch leider besitze ich keinen Einfluss auf ihre tägliche Arbeit, wie ich es aus dem Calcio gewohnt bin. Deshalb betrete ich das Feld als Spender und Testimonial, um am Tag des Triumphes sagen zu dürfen, ich war dabei.“

Sportlich einzigartig bleibt für den Walther-Bensemann-Preisträger 2015 der Triumph in Berlin. „Falls das Turnier schiefläuft, ist mein Boot zum schnellen Verschwinden sicherheitshalber allzeit startbereit“, sagte Lippi damals im Vorfeld. Bisweilen schmunzelt er womöglich über diesen Satz heute noch, wenn Viareggios Paul Newman auf sein Meer hinausblickt. Bald sind seither zehn Jahre verstrichen, Alex Ferguson‘s burschikoses Urteil ist geblieben: „Als ob Lippis menschliche und Trainerqualitäten nicht ausreichen, sehen die meisten neben diesem gutaussehenden Mistkerl auch noch aus wie Bela Lugosi.“

Marcello Lippi
© Bild: ©Ralf Lang, 2015
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