Alex Ferguson

Kurzbiographie

Der Mann ist ein guter Gastgeber. Die Geschichte von 1980 muss also stimmen. Damals, nach der ersten Meisterschaft mit dem FC Aberdeen, lud er die Fans im Stadion zum Weiterfeiern zu sich nach Hause ein.
Zwei kamen, Alexander Chapman Ferguson, früher Pubbesitzer in Glasgow, bewirtete sie bis zum Morgengrauen. Wenn Sir Alex, 1999 von der Queen geadelt, heute in seiner Loge im Old Trafford Gäste versorgt, versprüht er eine ehrliche Freude über solche Gelegenheiten.
Man darf sich sein Dachjuchhe im Stadion von Manchester United nicht vorstellen wie die hellen Logen in den modernen Bundesliga-Arenen, obwohl der Klub der drittwertvollste ist auf der Welt. Hier sind die Räumlichkeiten eng, die Wände schräg. Gemütlich und erdig.

Glamourös und elitär würde auch nicht passen zu ihm, der als Kind eines Werftarbeiters im rauen Glasgower Stadtteil Govan aufwuchs und heute in der Harvard Business School über Führung doziert. „Die Herkunft sollte niemals ein Hindernis für den Erfolg sein. Ein bescheidener
Start ins Leben kann sogar eher eine Hilfe sein als ein Hemmnis“, sagt Ferguson über seine Wurzeln. Und: „Es gibt kein Geheimnis für Erfolg auf dieser Welt. Das Entscheidende ist Plackerei.“

Botschafter für ManUnited und Unicef – auch mit 75 bleibt einiges zu tun

Nach Arbeit, nicht nach Ruhestand sieht sein Büro in Wilmslow südöstlich von Manchester aus. Ferguson ist als Direktor und Botschafter von United tätig, für Unicef unterwegs, arbeitet in Coaching-Seminaren für die UEFA. „Es gibt einiges zu tun“. Darüber freut er sich. Am Silvestertag wird er 75.

Die Bilder von Stars und Schulfreunden an den Wänden zeigen, was ihm immer viel bedeutet hat: Fußball und Freundschaften. Eine Erinnerung sticht hervor. Das größte Foto zeigt ihn an der Seite von Schottlands Nationaltrainer Jock Stein kurz vor dem Qualifikationsspiel zur WM 1986 gegen Wales. Als das schottische Tor zum 1:1-Ausgleich fällt, erleidet Stein einen Herzinfarkt und verstirbt wenig später. Ferguson, der Assistent, führt die Bravehearts nach Mexiko. In dieser bewegenden Zeit hat Ferguson bereits drei nationale Titel und den Europapokal der Pokalsieger mit dem FC Aberdeen gewonnen. Seine einzigartige Erfolgsgeschichte beginnt jedoch erst mit dem Wechsel in Englands Nordwesten im November 1986.

Als Sir Alex im Mai 2013 nach fast 27 Jahren abtritt, hat er von 1500 Pflichtspielen mit United 895 gewonnen. In 101 Partien erzielte seine Mannschaft ein Tor zum Sieg oder Unentschieden nach der 85. Minute. Die größte Stunde dieser gefürchteten „Fergie Time“ schlug am 26. Mai 1999 in Barcelona mit den epochalen Last-minute-Toren von Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjær zum 2:1 im Champions-League-Finale gegen den FC Bayern München. Sie bedeuteten das Triple nach dem Gewinn der Premier League und des FA Cups. Am Ende seiner Ära stehen für United 38 Trophäen, 13 Premier-League-Titel und fünf FA Cups inklusive. Ferguson, der erfolgreichste britische Trainer, holte im Laufe seiner Karriere insgesamt 49 Titel – in einer Epoche, in der sich der Fußball rasant veränderte. Vom Sport der Arbeiterklasse zu einer globalen Unterhaltungsindustrie.

Die tragende Säule des Vereins

Ferguson hat diese Entwicklung mitgemacht und ist dabei ganz
der Alte geblieben. „Ich habe die Veränderungen durch sportwissenschaftliche Aspekte bei United vor zehn Jahren akzeptiert. Aus einem einfachen Grund: Wenn es uns um ein Prozent verbessert,
dann machen wir es. Du darfst den Anschluss nicht verpassen“, sagt Ferguson, um gleich anzufügen: „Ich vertraue meinen Augen. Meine Augen sind wichtiger. Was ich auf dem Spielfeld registriere,
bringt mich weiter als alles andere.“ Ohne sein Auge für „Class of 92“ wären weder Ferguson noch der Klub, was sie heute sind. „Fergie“ zog die jungen Ryan Giggs, Paul Scholes, Gary und Phil Neville, Nicky Butt sowie David Beckham auf das höchste Level.

Er erfüllte die zwischenzeitlich vernachlässigte United-Philosophie, eigenen Nachwuchs in die erste Mannschaft zu integrieren, und den „Manchester Way“, den angriffslustigen, attraktiven
Stil der „Red Devils“ mit neuem Leben. Mehr noch: Über zwei Jahrzehnte ergänzte er die
Mannschaft nicht nur mit großartigen Zugängen; Eric Cantona, Roy Keane, Ruud van Nistelrooy,
Rio Ferdinand, der junge Cristiano Ronaldo, um nur eine Handvoll zu nennen. Es gelang ihm dabei auch, Profis, die als unersetzlich galten, immer wieder zu ersetzen. Das Team stand über allem und allen. Nicht selten musste dieses Team im Training innehalten und zum Himmel schauen. Wenn Zugvögel vorüberflogen, erklärte Ferguson Stars und Sternchen Zweck und Ziel der V-Formation für
die lange Reise, auf der jeder Einzelne einmal die Führung übernehmen muss: „Wenn die das schaffen, könnt ihr mir auch in 38 Spielen die Meisterschaft holen.“

Erfolgstrainer und herzlicher Gastgeber

Aus der anhaltenden Hochphase der Neunziger und Nuller Jahre stammen Ruhm von und Respekt vor Ferguson. Unvergessen bleiben die Bilder der streitbaren Persönlichkeit an der Seitenlinie, die so manche Fehde mit Kollegen wie Rafa Benitez oder Arsene Wenger austrug. Und in keiner Story fehlt die von Giggs überlieferte Episode über den „Fergie-Fön“ – wenn der Trainer einen in der Kabine aus nächster Nähe anschrie, waren die Haare schnell trocken. Ferguson, die Reizfigur, der als engagierter Sozialist auch schon mal seinem Labour-Freund und früheren Premierminister Tony Blair die Meinung
geigte, ist aber nur die halbe Wahrheit. Ferguson ist auch die Vaterfigur, die warmherzig über ihre Schützlinge spricht. So wie sie über ihn. Ronaldo schwärmte einmal: „Alle im Klub mochten ihn. Er lud jeden zum Lunch oder zu einer Tasse Tee ein.“ Giggs erinnert sich an Fergusons „unglaubliche
Fähigkeit, sich an die Namen jedes einzelnen Mitarbeiters zu erinnern. Egal, ob sie an der Rezeption oder in der Wäscherei arbeiteten.“

Beispiele für den freundlichen Ferguson gebe es zuhauf, sie würden nur selten erzählt, weil sie nicht ins Klischee vom furchterregenden Trainerbiest passten, berichtet Andy Walsh, der 2005 mit anderen Fans den FC United of Manchester gründete. Walsh schildert die Ereignisse von 2004, als es in Greater Manchester aus Furcht vor Terroranschlägen eine Serie von Razzien und die Verhaftung Unschuldiger gab. Überwachungskameras vor dem Old Trafford hatten zwei fotografierende Männer irakisch-kurdischer Abstammung mit Rucksäcken gezeigt, die jedoch kein Attentat planten, sondern sich über zwei gerade erstandene Tickets für ein Heimspiel freuten. Die Flüchtlinge wurden mehrere Tage unter
Arrest gestellt, mussten vorübergehend auf der Straße übernachten. Von Walsh darauf angesprochen, lud Ferguson sie prompt für einen Tag mit der Mannschaft ins Trainingszentrum in Carrington ein. Der gute Gastgeber verlor darüber keine großen Worte.

von Jörg Jakob (kicker sportmagazin und Mitglied der Jury)

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